LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Schauspielerin, Theaterautorin und Regisseurin: Claire Thill ist eine vielseitige Person

Einstimmig hatte sich die Jury der ersten „Bourse Kappkino“ des Nationalen Kulturfonds (Focuna) im Februar für das Projekt „Taxidermy“ von Claire Thill entschieden, das im Jahr 2020 im Escher Theater präsentiert wird. Es ist derweil das erste Mal, dass sich die Luxemburgerin an ein Hörspiel wagt. Theatererfahrung hat sie aber reichlich, sei es als Schauspielerin, Autorin oder Regisseurin. Wir haben uns mit ihr unterhalten.

Wann wurde Ihr Interesse am Theater geweckt?

Claire Thill Schon als Kind stand ich gerne auf der Bühne, war dann am Lyzeum in der Theatergruppe und besuchte Schauspielkurse am Konservatorium. Nach dem Abitur ging es weiter nach London an eine Schauspielschule, danach eine Zeit lang nach Paris. Da habe ich auch die „Compagnie ZACLAMA!“ mitgegründet und selbst Produktionen auf die Beine gestellt. Ich gehöre überdies zu den Gründungsmitgliedern des Kollektivs „Independent Little Lies“ (ILL).

Streng in eine Richtung sollte es also nie gegangen?

Thill Ich war immer schon vielseitig interessiert, wollte mich aber anfangs in erster Linie auf die Schauspielerei konzentrieren. Irgendwann hatte ich das Bedürfnis, meine eignen Geschichten zu erzählen, demnach Themen aufzugreifen, die mir am Herzen liegen. Seither schreibe ich mehr. Als Schauspieler ist man auf Angebote angewiesen, letzten Endes spielt man das, was schon geschrieben ist. Als Frau bietet sich einem indes nicht immer die große Vielfalt an interessanten Rollen. Das ist auch ein Grund, warum ich öfter selbst zur Feder greife. Ich spiele übrigens nicht gerne in meinen eigenen Stücken, weil ich mich dann in meinem Spiel nicht richtig frei fühle, sondern vielmehr im Kopf immer noch den Text bearbeite, kontrolliere und umschreibe.

Was ist denn typisch „Claire Thill“?

Thill Ob ich das beurteilen kann, weiß ich nicht. Ich bin relativ vielseitig, deshalb fällt es mir schwer, mich zu definieren. Was ich aber mit Sicherheit sagen kann, ist, dass ich stets das Bedürfnis habe, zu experimentieren, einfach ganz verschiedene Sachen zu machen. Ich lasse mich demnach nicht so leicht in eine Schublade stecken. Dennoch gibt es Themen, die mich mehr interessieren als andere, im Prinzip haben sie stets irgendetwas mit mir zu tun, sind davon beeinflusst, was ich lese, was ich mir im Kino anschaue und was ich erlebe.

Von klassischem Theater kann man aber nicht reden? Nehmen wir beispielsweise die Produktion „Blackout“; so etwas sieht man eher selten auf der Bühne. Ist es Ihnen wichtig, eine etwas andere Theaterform zu zeigen?

Thill Ja und nein. Es ist nicht so, als würde ich mit voller Absicht etwas ganz anderes machen wollen. Manchmal ist es dennoch frustrierend, immer wieder die gleichen Sachen, nach dem gleichen Muster gemacht, zu sehen. Mir ist es wichtig, mich - genau wie die Leute, mit denen ich arbeite - herauszufordern. Ich versuche deshalb, neue Wege zu finden, wie man eine Geschichte erzählt. Die Form ist mir dabei genauso wichtig wie der Inhalt. Sie muss letztlich zum Thema passen.

Was gleichzeitig aber auch schwerer auf der Bühne umzusetzen ist als ein klassisches Theaterstück…

Thill Das stimmt wohl. Ich denke nun aber nicht streng in Disziplinen. Für manche ist Theater Text, und Tanz Bewegung. Ich dagegen arbeite meist multidisziplinarisch und mit unterschiedlichen Künstlern. Natürlich sieht man sich da schon mal vor Hürden, die es zu managen gilt.

Ist die Vorstellung manchmal anders als das Resultat?

Thill Das ist sogar oft der Fall. Manchmal fehlt es an der nötigen Zeit, um ein Projekt wirklich so einzustudieren und das Resultat zu bekommen, das man ursprünglich im Kopf hatte. Manchmal hat man auch nicht genug Geld zur Verfügung, oder die anderen Beteiligten sind nicht lange genug verfügbar. Lange Probezeiten sind das Ideal, jedoch lässt sich das nicht immer finanzieren.

Um noch einmal auf „Blackout“ zurückzukommen: Dahinter steckt viel Arbeit, ist es nicht frustrierend, dass ein solches Stück dann nur ein paar Mal gespielt wird?

Thill Das ist generell ein Problem in Luxemburg. Die Stücke werden oft nur drei- oder viermal gespielt. „Blackout“ ist ein gutes Beispiel, weil es sich bis zum Schluss weiterentwickelt hat und eigentlich immer besser wurde. Vieles hat sich erst beim Proben mit der Tänzerin und den Schauspielern ergeben. Wenn man an einer Kreation arbeitet, ist man oft im Stress und hat keinen klaren Kopf, um verschiedene Entscheidungen zu treffen. Die Premiere ist übrigens nie die beste Vorstellung. Die Schauspieler müssen erstmal ihren Rhythmus finden, immerhin ist Theater ja ein Live-Moment, der auch durch die Zuschauer und die Interaktion funktioniert. „Blackout“ haben wir zweimal im Kapuzinertheater und dreimal in der Kulturfabrik gespielt. Die letzte Vorstellung war die beste. Nach sechs Monaten Pause haben wir dann noch zweimal gespielt. Ehrlich gesagt, war es immer noch nicht so gut, wie es meiner Meinung nach hätte sein können.

Ist das generell so, dass sich während der Proben und sogar nach den ersten Vorstellungen noch einiges ändert?

Thill Es hängt vom Regisseur ab. Bevorzugt er die klassischere Herangehensweise mit fertigem Text und hat ganz klare Ideen, dann tut sich wohl weniger. So funktioniere ich aber nicht. Die Schauspieler haben ein Mitspracherecht. Durch die Zusammenarbeit lerne auch ich viel dazu. Dadurch dass viele verschiedene Leute ihren Beitrag leisten, wird ein Stück erst zu dem, was es ist.

Was hat Sie nun daran gereizt, ein Hörspiel zu machen?

Thill Ich arbeite gerne mit Sound. Die Idee für dieses Audio-Projekt habe ich schon länger im Kopf. Zu viel möchte ich aber noch nicht verraten, einmal ganz davon abgesehen, dass ich mich noch im Schreibprozess befinde. Jedenfalls ist es eine neue Herausforderung, die richtige Form zu finden, um eine Geschichte für die Ohren zu schreiben. Das Publikum soll trotzdem seine eigene Vorstellung im Kopf haben können. Ja, es ist eine Challenge, aber keine, die mir Angst macht.

Ist es Ihnen wichtig, immer wieder neue Herausforderungen anzunehmen?

Thill Ja schon, ich langweile mich nämlich sehr schnell. Deshalb versuche ich, mich immer wieder selbst herauszufordern. Das ist übrigens nicht immer ein Vorteil (lacht). Manchmal wäre es vielleicht leichter, sich klarer auf eine Linie zu konzentrieren. Das würde aber nicht zu meinem Charakter passen, ich bin einfach sehr experimentierfreudig.

Stehen Sie denn auch noch selbst auf der Bühne?

Thill Eine Zeit lang habe ich mich eher aufs Schreiben beschränkt, ich spiele aber immer noch gerne und genieße es, in Projekten anderer Leute mitzuwirken.

Wird man nicht kritischer, weil man selbst schreibt?

Thill Es geht, bei meinen eigenen Sachen bin ich kritischer. Einer der Beweggründe, warum ich zur Theaterautorin wurde, war gerade auch, weil ich selbst hohe Ansprüche habe. Statt immer nur zu kritisieren, könnte ich mich doch ebenso gut hinsetzen und es besser machen, habe ich mir damals gedacht. Die Erfahrung, die ich bislang auf der Bühne gesammelt habe, sehe ich als Vorteil. Es gibt aber auch viele gute Theaterautoren, die nie selbst gespielt oder inszeniert haben.

Was haben Sie sonst noch so in petto?

Thill Ich habe noch einige Projekte im Ärmel, eines davon ist ein Kurzstück, das ich letztes Jahr fürs TalentLAB geschrieben habe und das ich jetzt in eine Vollversion umwandle. Das Stück inszeniere ich aber nicht selbst.

Fällt es schwer, ein Stück aus den Händen zu geben?

Thill Eigentlich ist es fast einfacher, weil ich nämlich eine totale Perfektionistin bin. Wenn ich ein Stück abgebe, trifft jemand anderes die Entscheidungen, die mir angesichts des Überschwangs an Möglichkeiten manchmal schwerfallen. Ich muss mir also bereits beim Schreiben weniger Gedanken machen, etwa darüber, wie eine bestimmte Szene danach auf der Bühne aussehen könnte. Eigentlich schreibe ich aber im Allgemeinen relativ visuell. Es hängt natürlich immer vom Stück und Thema ab, manchmal konzentriere ich mich deutlicher auf die Sprache als auf die Bilder.

An Inspiration fehlt es Ihnen also nicht?

Thill Nein, die Inspiration ist nie das Problem, dann schon eher das Fertigstellen, also die Disziplin (lacht). Es ist ja so eine romantische Idee, dass man nur schreibt, wenn man auch tatsächlich inspiriert ist. Damit kommt man aber nicht weit. Manchmal ist man auch inspiriert, in dem Moment jedoch an ein anderes Projekt gebunden.