LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Mit der Choreografin Anne-Mareike Hess hat das neimënster erstmals eine „artiste associée“

Rund 10.000 Künstler haben seit der Eröffnung des Kultur- und Begegnungszentrums neimënster im Jahr 2004 vom dortigen Residenzprogramm samt Unterbringung profitiert. Bereits mehrfach hat derweil Direktorin Ainhoa Achutegui in der Vergangenheit den Wunsch geäußert, dieses Angebot weiter ausbauen zu wollen. Eine entscheidende Etappe wurde nun genommen: Mit der luxemburgischen Choreografin und Tänzerin Anne-Mareike Hess hat das neimënster erstmals eine „artiste associée“ präsentiert. Über einen Zeitraum von drei Jahren wird sie regelmäßig im Grund arbeiten, wohnen, sich mit dem Team austauschen und dem Publikum schließlich zwei Stücke präsentieren.

„Wir wollen zu der Referenz in Luxemburg werden, was Künstlerresidenzen anbelangt“, so Ainhoa Achutegui bei einer Pressekonferenz am Mittwochmorgen. Die Zusammenarbeit mit Anne-Mareike Hess soll bei der Erfüllung dieser Mission helfen. „Dahinter steckt gleichzeitig die Idee, eine Botschafterin zu haben, die uns repräsentiert, genau wie wir dies umgekehrt tun. Dazu bieten wir ihr einen privilegierten Platz, an dem sie drei Jahre lang arbeiten kann. Es ist uns in diesem Kontext wichtig, Raum zum Experimentieren zu bieten, Zeit für die Recherche und die eigentliche Kreation. Der Künstlerin wird demnach der nötige Freiraum zur künstlerischen Entfaltung gelassen, dies ohne den Druck, nach kurzer Zeit und permanent dem Publikum etwas präsentieren zu müssen. Darüber hinaus soll die ,artiste associée‘ am künstlerischen Leben von neimënster teilnehmen, nicht nur die Früchte ihrer Arbeit am Ende eines Prozesses vorstellen, sondern sich auch im Austausch mit uns in die Überlegungen der Programmgestaltung unseres Hauses einbringen können. Daraus soll eine langfristige Kollaboration entstehen“, erklärt die Direktorin.

Langfristige Begleitung und gegenseitige Befruchtung

„Im neimënster legen wir viel Wert auf gesellschaftliche Fragestellungen und Interdisziplinarität, deshalb fiel die Wahl auf Anne-Mareike Hess. Sie passt hierher. Ich verfolge und bewundere ihre Arbeit, seit ich in Luxemburg bin. Es hat mich damals schon fasziniert, dass sie sich mit 24 Jahren traute, als Choreografin zu arbeiten, was seinerzeit noch alles andere als üblich war. Es war uns darüber hinaus wichtig, eine etablierte Künstlerin für diese Idee zu gewinnen, die bereits Erfahrung mit Künstlerresidenzen hat, sodass wir auch von ihr lernen können“, so Ainhoa Achutegui weiter. Erfahrung, was die langfristige Begleitung von KünstlerInnen anbelangt, hat man im neimënster ohnehin. Zuletzt profitierte etwa Désirée Wickler von dieser Möglichkeit. Nun wird das Ganze sozusagen formalisiert, mit einem Titel versehen und weiterentwickelt.

„,Résidence d’artiste‘ ist ein sehr dehnbarer Begriff, es gibt keine festen Regeln oder Gesetze. Oft handelt es sich leider nicht um Künstlerresidenzen im wirklichen Sinn, sondern eher um die Zurverfügungstellung von Arbeitsbereichen, jedoch oft ohne Bezahlung der Zeit, während der der Künstler an einem Projekt arbeitet. Die Langzeit-Künstlerresidenz ist deshalb eine sehr gute Formel, die sich auch im Ausland bewährt hat“, meint Bernard Baumgarten, künstlerischer Leiter des Trois C-L und weist darauf hin, dass ähnliche Projekte bereits in der Kulturfabrik und im „Théâtre d’Esch“ laufen würden. „Ziel ist es, auf die Bedürfnisse des Künstlers zu reagieren, demnach nicht einfach ein vorgefertigtes Format zu bieten, sondern dieses mit dem Künstler zusammen zu gestalten“, so Baumgarten.

Arbeiten mit Rückhalt

Anne-Mareike Hess selbst beschreibt das Konzept „artiste associée“ als große Chance. „Seit 13 Jahren arbeite ich als Choreografin, als ,Freelance‘. Ich mag die englische Bezeichnung, weil darin das Wort ,free‘ steckt. ,Frei‘ bewege ich mich von Projekt zu Projekt, von Stadt zu Stadt, von Land zu Land. In 13 Jahren ist so einiges zusammengekommen. Bei jedem Projekt muss man anfangen, Finanzmittel und Partner zu suchen. Das setzt einen langen Atem voraus und bedeutet viel Arbeit. Aus diesem Grund ist es wichtig, Personen, Institutionen und Netzwerke zu finden, an die man sich bindet, die einen regelmäßig unterstützen, wo man sich nicht immer wieder aufs Neue profilieren muss. Orte also, an die man zurückkehren kann. Deshalb habe ich natürlich sofort Gefallen an der Idee gefunden, assoziierte Künstlerin dieses Hauses zu sein“, erklärt Anne-Mareike Hess, die seit 2016 übrigens auch „artiste associée“ eines Theaters in Stockholm ist und seit ihren ersten Schritten außerdem vom Trois C-L in Luxemburg unterstützt wird. Mit neimënster gehe sie nun noch einen Schritt weiter. „Im Vertrag geht die Rede von einer privilegierten Partnerschaft. Für mich ist es vor allem ein Privileg, regelmäßig an einen Ort zurückkehren zu können, der dann fast wie ein Zuhause ist, wo ich hinkommen kann, um zu überlegen, zu recherchieren und mich mit den Mitarbeitern der verschiedenen Abteilungen auszutauschen und einfach drei Jahre lang diesen Rückhalt zu haben. Während der acht Wochen, die ich hier pro Jahr verbringe, bekomme ich eine moralische und praktische Unterstützung, und darüber hinaus ein Gehalt. Für einen freischaffenden Künstler ist das sehr wertvoll“.

Regelmäßiger Austausch mit dem Publikum und dem neimënster-Team

Zu der Künstlerresidenz gehört der regelmäßige Austausch mit dem Publikum. „Mediation ist ein Thema, das mir sehr am Herzen liegt. Ich freue mich auf die Aufgabe, das Publikum, das noch nicht so vom zeitgenössischen Tanz überzeugt ist, zu sensibilisieren. Bisher waren meine diesbezüglichen Möglichkeiten begrenzt. Im Rahmen dieses Programms kann ich nun meine Überlegungen zu einer Verbesserung dieser Methoden einfließen lassen“, meint die Künstlerin. „Diese Partnerschaft einzugehen, verlangt auch Mut, immerhin ist das neimënster keine Tanzinstitution. Tanz ist hier eine unter sehr vielen Disziplinen. Wir haben also auch kein sachkundiges Publikum, sondern ein sehr vielfältiges, das vielleicht schwer für den zeitgenössischen Tanz zu erreichen ist“, gibt derweil Ainhoa Achutegui zu bedenken. Dessen sei sie sich bewusst, entgegnet Anne-Mareike Hess: „Mir ist es wichtig, neue Leute zu erreichen. Ich tanze nicht nur, weil ich es liebe, sondern auch weil ich etwas teilen will, weil ich mit einem gesellschaftlich relevanten Thema Menschen erreichen will, und zwar nicht nur diejenigen, die zeitgenössischen Tanz ohnehin mögen“.

Ein Solo und ein Gruppenstück in Ausarbeitung

Zwei Koproduktionen sind vertraglich festgehalten. Mit ihrem Solo „Dreamer“ wird die Choreografin am 4. Dezember 2020 Premiere feiern. Wie in „Warrior“ (2018) wird sie sich auch diesmal mit Stereotypen befassen. „Ich werde mich mit starken und gebildeten Frauen beschäftigen, die in der Geschichte immer stigmatisiert wurden, sie wurden als Hexen verbrannt und als Männerfresserinnen bezeichnet. Diese Geschichten werde ich sammeln, mich mit der Monstrosität und dem Verführerischen etwa der Sirenen befassen. Auch die Darstellung des Körpers in der Gesellschaft wird wieder eine zentrale Rolle spielen“, verrät sie. Die zweite Koproduktion ist als Gruppenstück angedacht und für 2022 vorgesehen.

Am Montag hat Anne-Mareike Hess ihre „Zelle“ - bis 1980 diente der Gebäudekomplex der Abtei bekanntlich als Männergefängnis - im Stadtgrund bezogen, um ihre ersten zehn Tage in Künstlerresidenz dort zu verbringen. Insgesamt stehen drei Arbeitsbereiche und 15 Wohneinheiten unterschiedlicher Größe zur Verfügung. „Sie werden entweder von unseren Künstlern genutzt oder von Künstlern anderer Strukturen, wie dem Trois C-L, den Rotondes oder auch dem Großen Theater. Was noch fehlt ist ein Gemeinschaftsraum mit Küchenzeile“, meint Ainhoa Achutegui und lacht, „damit nicht jeder direkt in seinem Zimmer verschwindet, sondern wirklich ein Gemeinschaftsgefühl entstehen und ein Austausch stattfinden kann“.