LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Trotz aller Hilfsmaßnahmen: Die Arbeitslosenzahlen steigen auch in Luxemburg

Die Coronaviruskrise führt zu mehr Arbeitslosen. Das liegt aber nicht nur an Entlassungen, sondern vor allem an mangelnden Stellenausschreibungen. Gaby Wagner, beigeordnete Direktorin der ADEM und verantwortlich für den Bereich Arbeitsmarkt, erklärt im Gespräch die Entwicklung.

Frau Wagner, wie hat sich die Zahl der Arbeitssuchenden entwickelt?

Gaby Wagner Seit März gab es einen relativ großen Anstieg. Zum 30. April verzeichneten wir 20.253 gebietsansässige Arbeitssuchende. Das entspricht einem Plus von 31,1 Prozent gegenüber dem Vorjahreswert, also 4.800 arbeitssuchend gemeldeten Menschen mehr als im Vorjahr. Die Arbeitslosenquote lag im April 2020 bei 6,9 Prozent. Im Februar 2020 waren es lediglich 5,5, Prozent. Ein Punkt, den man erwähnen muss: Nicht jeder der bei der ADEM eingeschriebenen Arbeitsuchenden bezieht Arbeitslosengeld. Im April waren dies 10.121 Menschen. Ende 2019 lag das um einen Wert von 8.500 Menschen. Noch nie gab es solche Werte.

Sind Entlassungen der Grund?

Wagner Die Krise und damit verbundene mögliche Entlassungen sind das eine. Doch wir verzeichnen auch einen extremen Rückgang der Angebote an Arbeitsplätzen. Ein Beispiel sind die Zahlen von April 2019 im Vergleich zu April 2020. Wir haben für April 2020 ein Minus von 43,2 Prozent der freien Stellen. Das betrifft besonders den Bereich Horesca, denn im Hotel- und Gaststättengewerbe gibt es quasi gar keine Angebote. Viele Unternehmen melden auch deswegen keine Stellen, weil sie im April noch geschlossen waren. Offene Stellen gab es im Bereich der Sicherheitskräfte, die jetzt zum Beispiel auch in Krankenhäusern und im Lebensmittelgeschäften gesucht werden. Seit Mitte April werden im Bausektor allerdings wieder vermehrt offene Stellen gemeldet. Insgesamt liegt der massive Anstieg der Arbeitslosenzahlen also nicht daran, dass sich vermehrt Arbeitsuchende bei der ADEM einschreiben, sondern daran, dass weniger Personen in Arbeit vermittelt werden konnten. Bei der ADEM war bisher die Zahl der Eingeschriebenen relativ stabil, was daran lag, dass sich die Zahl der Neueinschreibungen und der Abgänge die Waage hielt. In der zweiten Märzhälfte erfolgte dann eine Welle von Einschreibungen wegen des Stillstands im Bausektor. Viele Mitarbeiter, die im Rahmen von Zeitarbeitsverträgen im Bau tätig waren, meldeten sich bei der ADEM arbeitsuchend. Danach flachte der Anstieg der Neueinschreibungen ab. Entlassungen machen sich derzeit in der Statistik noch nicht so bemerkbar, sicherlich auch, weil viele Unternehmen auf das Instrument der Kurzarbeit zurückgegriffen haben. Wir haben sogar einen Rückgang bei den Einschreibungen im April. Zum Vergleich: Im April 2019 hatten 2.512 Menschen einen Job gefunden. In diesem April waren es 884, also viel weniger. Um noch mal auf die Zahlen zurück zu kommen: Die Einschreibungen im April sind insgesamt um 18,3 Prozent zurückgegangen. Das zeigt die extreme Entwicklung. Konkret bedeutet dies, dass die Arbeitslosezahlen steigen, da viel weniger Abgänge vermeldet werden können und nicht durch einen massiven Anstieg der Einschreibungen. Noch nie gab es solche Werte.

Wie reagiert die ADEM darauf?

Wagner Die erste Maßnahme, die die Regierung ergriffen hat, war die Kurzarbeit. Wenn die nicht so massiv und unbürokratisch angeboten worden wäre, dann hätte es schon im März schlimm ausgesehen. Bisher sind 800 Millionen Euro für Kurzarbeit ausgegeben worden. Das entspricht 350.000 Gehältern, die an rund 15.000 Unternehmen ausbezahlt wurden.

Welche Rolle spielt E-Learning?

Wagner Wir investieren weiter viel in Weiterbildungen und haben auch versucht, viel über E-Learning weiter laufen zu lassen. Wir wollen in transversale Weiterbildungen investieren, denn der Arbeitsmarkt wird nicht so schnell wieder anziehen. Nur ein Beispiel: Bei den staatlich geförderten Arbeitsverträgen, wie zum Beispiel dem „contrat d’initiation à l’emploi“, der jungen Arbeitsuchenden den Einstieg in den Arbeitsmarkt ermöglichen soll, verzeichnen wir ein Minus von 56,2 Prozent im April 2020. Das erschwert die Lage, denn oft sind das gute Möglichkeiten, Leute in Arbeit zu bringen. Doch jetzt geht da nichts mehr.

Gibt es auch Anfragen, für die Sie keine Kandidaten finden?

Wagner Was boomt, sind Arbeitsplätze in Supermärkten und ähnliche Stellen. Aber die Herausforderung bleibt: Man muss flexibel sein bei der Arbeitssuche. Wir sagen unseren Kunden immer wieder, dass man vielleicht nicht unbedingt dort, wo man einen Abschluss hat, etwas findet. Wir raten daher dazu, dort zu suchen, wo freie Stellen vorhanden sind. Motivierte, flexible Leute, die sich auch auf eine Zwischenlösung einlassen, werden etwas finden. Das versuchen wir zu vermitteln. Wir wollen unterstützen und den Leuten helfen herauszufinden, welche Kompetenzen sie haben.

Wie verlief die Coronaviruskrise bei der ADEM praktisch?

Wagner Ab dem 20. März waren wir zwar für den Publikumsverkehr geschlossen, aber nicht komplett. Die Mitarbeiter der ADEM waren weiter präsent und viel hat telefonisch oder online funktioniert. Auf den Ansturm der Einschreibungen haben wir mit einem neuen Online-Formular auf unserem Internetportal reagiert. Wir haben die Arbeitsuchenden dann zurückgerufen und telefonisch eingeschrieben. Die Einschreibung ist nun auch möglich, ohne persönlich vorbei zu kommen. Wir haben die Priorität darauf gesetzt, dass die Leute sich kurzfristig einschreiben konnten, damit sie, sofern Anspruch besteht, schnell Arbeitslosengeld erhalten. Das hat gut funktioniert; da haben wir viele positive Rückmeldungen erhalten. Vor drei Wochen haben wir eine Online-Umfrage unter den Arbeitssuchenden gemacht und wollten wissen, ob sie zwischenzeitlich einen Arbeitsplatz gefunden haben. Da hatten wir viel telefonischen Kontakt. Seit dem 3. Juni vergeben wir wieder konsequent feste Termine für die regelmäßigen Beratungsgespräche und rufen deswegen auch die Arbeitsuchenden an. Bei größeren Problemen können Arbeitsuchende natürlich auch persönlich nach vorheriger Terminvereinbarung vorbeikommen. Übrigens wurde das Arbeitslosengeld für die Dauer der Krise verlängert, weil es sehr schwer ist, in dieser Situation in den Arbeitsmarkt zu kommen. Daher war es für die Arbeitsuchenden schon gut, dass alles so unbürokratisch lief. Das wurde uns immer wieder bestätigt.

Was wird sich durch die Krise
ändern?

Wagner Ich denke, was gut funktioniert, wird beibehalten. Bei der Beantragung des Arbeitslosengeldes lief vorher wenig online; da haben wir viel dazu gelernt. Auch die Weiterbildungen, die gut online gelaufen sind, muss man nicht stoppen. Insgesamt muss man sich sowieso die Frage stellen, wie wir das hinbekommen, die Menschen zwar individuell, aber ohne mehr Personal zu begleiten, wenn die Arbeitslosenzahlen drastisch ansteigen sollten. Hierzu würden uns auch die räumlichen Kapazitäten fehlen, denn wir sind jetzt schon mit unseren Büros am Limit. Das wird eine große Herausforderung. Ab Juni führen wir ein ganz neues System der Kundenbetreuung in sämtlichen Agenturen ein. Alle Arbeitsuchenden bekommen einen festen Termin für ihr persönliches Gespräch bei der ADEM und die langen Warteschlangen vor der Tür sind Vergangenheit. Das ist seit 2012 geplant. Hoffentlich macht uns die Coronakrise keinen Strich durch unseren neuen Betreuungsmodus durch einen massiven Anstieg der Arbeitslosenzahlen.