LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Dank der Initiative von Hubert Wurth gibt es seit 2005 den „Edward Steichen Award“ für junge Künstler

Der „Edward Steichen Award Luxembourg“ geht auf eine Initiative von Hubert Wurth zurück, der seinerzeit Botschafter bei der UNO in New York war, darüber hinaus selbst Künstler ist und allgemein immer schon sehr kulturinteressiert war. „Es muss um das Jahr 2002 gewesen sein, als er mit der Familie Steichen in Kontakt trat, um die Beziehungen wieder aufzubauen, die nach dem ersten Kulturjahr 1995 etwas eingefroren waren. Damals war es wegen Autorenrechten zu einem kleinen Clinch gekommen. Hubert Wurth gelang es aber, dies zu enteisen“, erklärt Françoise Poos, die heutige Präsidentin der Vereinigung, die den Preis ausrichtet. Seither würden die Relationen auf persönlicher und institutioneller Ebene wieder gut funktionieren. „Mittlerweile haben sowohl das CNA als auch das MNHA oder das Mudam ein gutes Verhältnis zur Familie. Dieses musste aber, wie gesagt, erst wieder aufgebaut werden. Anfangs lief der Kontakt über Edward Steichens dritte Frau Joanna, nach ihrem Tod übernahm Enkelin Francesca Calderon-Steichen, die das Familienpatrimonium bis heute verwaltet. Auch Urenkelin Ariana Stahmer, die in Paris bei der Unesco arbeitet, ist inzwischen mit dabei“, resümiert sie.

Hommage an Edward Steichen

„Hubert Wurth ging es also einerseits um den Wiederaufbau dieser Beziehungen, und anderseits war es ihm stets wichtig, luxemburgische Kunst im Ausland zu fördern. Immerhin war er Diplomat, diese Karriere bringt natürlich mit sich, dass man Luxemburg auch im Ausland bewirbt. Es war ihm ein besonderes Anliegen, dies über den Weg der Kunst zu tun. Also hat er mit der Familie Steichen über die mögliche Schaffung eines solchen Kunstpreises geredet, wovon sich diese auch gleich ganz begeistert zeigte“, weiß Françoise Poos. Direkt sei man sich derweil einig gewesen, dass sich der Preis nicht nur auf die Fotografie beschränken, sondern für die zeitgenössische Kunst in ihrer Gesamtheit gelten sollte.
„Edward Steichen war an sich ein ganz multitalentierter Künstler, auch wenn er heute  hauptsächlich wegen seiner Fotografien bekannt ist. Ganz am Anfang seiner Karriere hat er gemalt. Es gibt sogar ganz große Wandmalereien von ihm, die kürzlich erst in Amerika ausgestellt wurden. Außerdem war er begeisterter Blumenzüchter. Beinahe schon professionell hat er Rittersporn gezüchtet. Er hat viel experimentiert und wollte durch genetische Einflussnahme einen ganz blauen Rittersporn züchten. Zu einem gewissen Moment wollte er die Fotografie sogar aufgeben, um sich komplett der Blumenzüchterei zu widmen. Dies nur am Rande erwähnt, um zu verdeutlichen, dass Edward Steichens Karriere ganz breit gefächert und er ein Künstler mit vielen Facetten war. Der Award soll also auch eine Hommage an sein Werk sein. Genau deshalb war es uns wichtig, ihn so weit wie möglich zu öffnen“, erläutert die Vorstandsvorsitzende, die das Amt 2016 von Hubert Wurth übernommen hat.
Anfang der 2000er Jahre war Luxemburg indes international im Allgemeinen noch nicht so präsent, wie dies heute der Fall ist. Es galt demnach Brücken zu schlagen. Auch dies sei seinerzeit bereits Edward Steichen ein Anliegen gewesen. „Er hat immer Ausschau nach neuen Künstlern gehalten, sie gefördert und Ausstellungen ermöglicht und so Brücken zwischen Amerika und Europa geschlagen. Auch diese Idee sollte in seinem Sinn weitergeführt und letztlich dazu beigetragen werden, Luxemburg auf der internationalen Kunstkarte zu positionieren. Ziel war es von Anfang an, luxemburgischen Künstlern die Chance zu geben, Erfahrungen an einem Ort zu sammeln, der für Edward Steichen sehr wichtig war, wo er seine Karriere machen konnte. Der Preis ist eine sechsmonatige Künstlerresidenz in der Struktur ‚International Studio and Curatorial Program‘. New York ist nach wie vor eine besondere Stadt, die kulturell sehr reich ist. Zwar ist die Konkurrenz dort sehr groß und man muss lernen, sich zu behaupten, sie ist aber auch unglaublich stimulierend“, bemerkt Françoise Poos.

Zwei Kategorien seit 2011

Der „Edward Steichen Award Luxembourg“, der im Zweijahresrhythmus vergeben wird, richtet sich derweil nicht nur an Künstler aus Luxemburg. „Die europäische Dimension war von Anfang an wichtig, demnach konzentrieren wir uns auf Luxemburg und die Großregion in einem Umkreis von 300 bis 350 Kilometern. Dahinter steckt die Überlegung, dass diese Regionen oft genauso wenig Zugang zur internationalen Kunstszene haben wie das Großherzogtum. Natürlich macht dies die Auswahl auch größer und interessanter“, erklärt die Präsidentin. 2011 wurde dann aber eine zweite Preiskategorie mit einer viermonatigen Künstlerresidenz ins Leben gerufen, die sich spezifisch an luxemburgische oder in Luxemburg lebende Künstler richtet. „Die erste Laureatin war 2005 mit Su-Mei Tse wohl eine Luxemburgerin, danach hatten wir aber eine ganze Zeit keine Luxemburger mehr, was doch Schade war. Auch sie sollten regelmäßig eine Chance bekommen. Deshalb also diese zweite Kategorie“, kommentiert Françoise Poos. Umso mehr freut sie sich, dass diesmal gleich zwei junge Luxemburgerinnen mit den Awards ausgezeichnet werden und demnach sechs, beziehungsweise vier Monate in New York arbeiten dürfen. „Sowohl Mary-Audrey Ramirez als auch Nora Wagner haben ihre ganz eigene Stimme und Ausdrucksweise. Ich bin immer wieder überrascht, zu sehen, was die jungen Leute alles machen, wie persönlich ihr Werk ist, mit welchen Fragen sie sich beschäftigen, wie sie die  Gesellschaft sehen, in der wir leben, und vor allem, wie gut sie arbeiten“, schwärmt Françoise Poos.

Komplexer Prozess

Die Preisträger werden nicht etwa über einen offenen Künstleraufruf ermittelt. „Dahinter steckt ein ganz komplexer aber gut durchdachter Prozess“, sagt die Präsidentin. Jedes Mal wählt der Vorstand vier Kulturinstitutionen aus Luxemburg und der Großregion, die jeweils vier oder fünf Kandidaten für den „europäischen“ Award vorschlagen sollen. Für die Luxemburger Kategorie werden drei luxemburgische Professionelle aus dem Bereich der zeitgenössischen Kunst um jeweils vier Vorschläge gebeten. Mit diesen Kandidaturen befasst sich dann eine Jury, der in diesem Jahr Suzanne Cotter (Mudam, Luxemburg), Thomas Seelig (Museum Folkwang, Essen) und Drew Sawyer (Brooklyn Museum of Art, New York) angehörten. Um den Preisträger des luxemburgischen Awards zu bestimmen, wird seit der letzten Ausgabe ein Mitglied des „fonds stART-up“ der „Oeuvre Nationale de Secours Grande-Duchesse Charlotte“ als Hauptsponsor dieses Preises hinzugezogen. Diesmal war es Michèle Walerich.
Offiziell bekannt gegeben werden die Gewinner erst am Abend der Preisüberreichung. „Ganz einfach um den Überraschungseffekt zu wahren, sie selbst wurden aber bereits im Vorfeld informiert. Wir müssen schließlich sicher sein, dass es ihnen überhaupt möglich ist, vier oder sechs Monate in New York zu verbringen. Bisher hat aber noch niemand die Chance auf eine solche Künstlerresidenz ausgeschlagen“, sagt die Präsidentin. Eine richtige Feier mit Trophäe müsse sein, immerhin sei es ein wichtiger Moment für die Vereinigung und vor allem die Künstler selbst.

Freiraum für die persönliche Entwicklung

Im Sommer 2020 beginnt das Abenteuer in New York für Mary-Audrey Ramirez und Nora Wagner. Eine anschließende Ausstellung, bei der die Ergebnisse der Künstlerresidenz präsentiert werden, gibt es derweil nicht. „Es gibt keinen Produktionszwang. Das ist uns wichtig. Die Künstler arbeiten in New York, es ist nicht so, als würden sie dort Urlaub machen. Sie sollen aber nicht unter Druck gesetzt werden, sondern wirklich den nötigen Freiraum haben, um an sich und ihrer Kunst zu arbeiten, ohne sich Sorgen um Finanzielles machen zu müssen. Es soll eine besondere Erfahrung sein. Um die Unterkunft mussten sich die Laureaten übrigens bislang selbst kümmern, doch seit diesem Jahr bekommen sie nun zusätzlich 4.000 US-Dollar pro Monat, um in New York zu leben. Das ist möglich geworden, weil uns neben unseren anderen Partnern besonders das Kulturministerium seit diesem Jahr deutlich mehr unterstützt“, freut sich Françoise Poos.