LUXEMBURG
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Leben für und mit Puppen: Ein Blick hinter die Kulisse des Figurentheaters Favoletta

Puppentheater kennt jeder von uns - im Kindergarten oder auch der Vorschule ist man so früher oder später auf Kasperle und seine Freunde der Puppenbühne gestoßen - und damit auch auf die „Harzer Puppenbühne“oder das „Bimbo-Theater“. Wir haben uns mit Michael Schneider, der mit dem Figurentheater Favoletta sowohl eine enge Bindung an die „Harzer Puppenbühne“ als auch an das Figurentheaterhaus „Poppespënnche“ in Lasauvage hat, sowie seinem Partner Andrey über ihren Beruf und ihr Wirken unterhalten.

Wie sind Sie beide denn zum Puppentheater gekommen?

Michael Schneider Meine Familie ist eine alte Komödianten-Schaustellerfamilie aus Schlesien. Früher gab es noch die klassischen Wandertheater, die über Land gezogen sind. Als dann die Stadttheater aufkamen, verschwanden die Wandertheater. 1945 kam das „Schlesische Wandertheater“ meiner Vorfahren nach Deutschland, zuerst als klassisches, dann als Puppentheater verdienten sie sich das Geld. Ich wuchs bereits mit dem Figurentheater auf.

Den ersten Bühnenauftritt hatte ich als 4-Jähriger im Märchentheater als „Hänsel“. Meine Mutter Edeltraud stammt aus der alten Schauspielerdynastie Mlyneck-Sperlich und steht seit ihrem fünften Lebensjahr auf der Bühne. Zusammen mit meinem Vater gründete sie ein eigenes Figurentheater, die Harzer Puppenbühne. Auch mein Partner Andrey ist märchentechnisch vorbelastet. Er ist Enkel der im Russland der 80er Jahre populären Radio-Märchenregisseurin Marija Krakowskaja. Andrey kam so auch in frühen Jahren in Kontakt mit der Welt der Märchen.

Aktuell werden wir bei unseren Auftritten und unserer Arbeit von unserem Ziehsohn Bilal Alhaddad tatkräftig unterstützt, der jetzt seit April 2016 Mitglied des Figurentheaters Favoletta ist.

Bei Ihnen ist ja alles in und aus einer Hand - Sie stellen die Puppen, Kostüme teilweise selbst her…

Andrey Schneider-Zaslavskij Ja, teilweise stellen wir die Puppen selbst her. Die Arbeit des Puppenschnitzers ist sehr interessant, aber man braucht auch sehr lange, bis man so eine Puppe oder auch nur den Puppenkopf hergestellt hat.

Wir brauchen alleine eine Woche für so einen Puppenkopf. Mein Neffe macht es schneller, weil er nur mit dem Holz arbeitet. Die Kleider für die Puppen näht zum Beispiel meine Tante. Wir malen auch die Kulissen selbst. Das ist auch nicht immer einfach. Bei dem Stück „Concertatio in Silva“ hatten wir fast 40 m2 zu gestalten.

Michael Schneider Was die Stücke angeht, die wir spielen, so schreibe ich die fast alle selbst. Natürlich haben wir anfangs auf alte Stücke von meinem Vater zurückgegriffen. Aktuell können wir 19 Stücke präsentieren, darüber hinaus kommen noch welche für Erwachsene dazu, manche spielen wir öfters, manche weniger oft. Aber das richtet sich natürlich auch danach, was das Publikum sehen will.

In Deutschland - beispielsweise in Süddeutschland - sieht man den Kasperle und den Räuber Hotzenplotz sehr gerne. Im Osten von Deutschland sind die alten Märchen sehr beliebt, wie übrigens auch im Rest von Europa. In Luxemburg oder auch Italien, wo wir jetzt wieder auf Tournee gehen, schaut man sich auch besonders gerne die alten Märchen der Gebrüder Grimm an.

Gibt es Märchen oder Geschichten, die Sie nicht präsentieren, die Sie nicht verarbeiten würden?

Michael Schneider Ja natürlich, es gibt Stücke, die ich für nicht geeignet halte, dass sie auf der Bühne präsentiert werden. Da habe ich teilweise moralische Bedenken. Nehmen wir einmal „Max & Moritz“, die ihre Streiche machen und am Ende die Todesstrafe bekommen. Das will ich nicht auf der Bühne den Kindern zeigen.

Kann man denn mit Kasperle und Co. sein Leben finanzieren?

Michael Schneider Das ist ein interessanter Vergleich mit dem Kasperle. In gewisser Weise kann ich mich selbst mit dem Kasperle identifizieren. Auch er ist jemand, der sich nicht unterkriegen lässt, das Abenteuer liebt, das Neue in der Welt sucht. In gewisser Weise wie ich auch. Und ja, er kann das Leben finanzieren. Aber sicherlich nicht immer konstant. Wir haben Zeiten, da läuft es besonders gut und wir haben viele Auftritte.

Sie haben eine besondere Beziehung zu Luxemburg?

Michael Schneider Wir haben eine tolle Verbindung zu Luxemburg. Im Großherzogtum spielen wir oft in Kindergärten und Schulen unsere Stücke, und das schon viele Jahre lang - und zwar von Nord bis Süd.

Andrey Schneider-Zaslavskij Da wir sehr oft hier gespielt haben und spielen und es in Luxemburg noch kein Figurentheaterhaus gab, wollten wir ein solches eröffnen - das war ein Traum von uns. Kaufen ging leider nicht...

Michael Schneider Da wurden wir in der Gemeinde Differdingen auf den alten Kultursaal aufmerksam gemacht. Im Lasauvage entstand so das Figurentheaterhaus „Poppespënnche“.

Wenn es unser Tourneeplan zulässt, treten auch wir hier auf. Doch
auch wenn wir auf Tour sind, ist immer etwas los auf der „Poppespënnche“-Bühne. Aktuell sind wir in der Programmausarbeitung für die kommende Saison - und da wird wieder einiges geboten.

Was ist in diesem Jahr zu erwarten?

Michael Schneider Was wir auf jeden Fall schon verraten können ist, dass Bilal ein Stück maßgeblich realisieren wird: „In 80 Tagen um die Welt“, den Wettlauf des Phileas Fogg nach dem Roman des französischen Autors Jules Verne. Da sind wir gerade dabei, alles zu realisieren. Es wird eine tolle Co-Produktion zwischen uns allen, die wir natürlich auch in Luxemburg präsentieren werden. Auch wollen wir in der kommenden Saison im Großherzogtum mehr Stücke auf Französisch präsentieren, vor allem in den Spielschulen. Was das „Poppespënnchen“ anbelangt, so wollen wir hier Workshops etwas mehr in der Vordergrund rücken, um noch mehr zu zeigen, was Puppentheater zu bieten hat.

Haben Sie schon einmal darüber nachgedacht, doch einen anderen Beruf zu ergreifen?

Michael Schneider Das ist eine Frage, die wir beide uns nie zu stellen brauchen. Das Puppentheater ist unser Leben, mit einem weiteren, anderen Standbein vielleicht, aber aufgeben werden wir das nie...

Mehr Infos auch unter www.poppespennchen.lu sowie www.harzer-puppenbuehne.de