LUXEMBURG
INGO ZWANK

Mit den Beamten der „Section Expertise Documents“ der Polizei unters Mikroskop geschaut

Sommerzeit - Reisezeit, es ist die schönste Zeit des Jahres! Gerne verbringt man diese in einem fremden Land, vorzugsweise in der Sonne. Doch wenn es auf Reisen geht, dann kann dies nur mit einem gültigen Reisedokument geschehen.

Jeder Bürger muss einen amtlichen Identitätsnachweis besitzen. In Luxemburg erfüllen die Identitätskarte sowie der Reisepass diese Funktion. Bei einem Grenzübertritt ist ebenfalls ein Identitätsnachweis erforderlich. Innerhalb des Schengen-Raums genügt hierfür in der Regel die Identitätskarte. Bei Reisen außerhalb des Schengen-Raums ist meist ein Reisepass notwendig.

Der gültige Pass ist vonnöten

Mittlerweile werden diese Dokumente bei einer Einreise nach Luxemburg schon elektronisch geprüft, solche Reisedokumente verfügen über eine Reihe von maschinell prüfbaren Sicherheitsmerkmalen, die das Lesegerät der sogenannten eGates automatisiert erfasst. Außerdem prüft die automatisierte Grenzkontrolle die digital gespeicherten und signierten Daten daraufhin, ob sie auch behördlich signiert wurden.

Doch auch Grenzbeamte wie am Flughafen Findel prüfen bei der Einreise der Passagiere die Dokumente. Lesegeräte erfassen Daten des genutzten Reisedokumentes, um die Nutzungsberechtigung zu prüfen (Staatsangehörigkeit, Volljährigkeit, gültiges elektronisches Reisedokument), Informationen gemäß des Schengener Grenzkodexes mit polizeilichen Datenbanken abzugleichen und einen 1:1-Abgleich des Live-Bildes mit dem im Chip gespeicherten biometrischen Lichtbild vorzunehmen. Immer öfters fallen den geschulten Polizeibeamten hier Dokumente in die Hände, an deren Echtheit Zweifel bestehen. Dann tritt die „Section Expertise Documents“, kurz SED, der Polizei auf den Plan, neben dem Sicherheitsdienst die dritte Abteilung der Luxemburger Polizei auf Findel, die ebenfalls am Flughafen angesiedelt ist.

Sechs Beamte bei der „Section Expertise Documents“

„Zurzeit sind wir hier sechs Beamte“, sagt Guy Steffen, der zusammen mit seinen Kollegen Aly Schumacher, Michel Conrad, Antonio Duarte, Claude Buth und Marc Wolff im Zwei-Schichtsystem von 7.00 bis 18.00 in der Woche seinen Dienst verrichtet. Sie haben in diesem Jahr bereits 73 Fälschungen der unterschiedlichsten Art aus dem Verkehr gezogen, „2018 waren es im ganzen Jahr 32.“

Ihre spezielle Ausbildung erhalten die Beamten bei der Europäischen Grenzschutzagentur Frontex mit Sitz in Warschau. „Eine Basisschulung bekommt jeder Polizei hier im Rahmen seiner Ausbildung“, sagt Steffen, dies sind zwölf Stunden, die von Marc Wolff abgehalten werden. Ferner gibt es eine Basisschulung für die Grenzbeamten, „auch diese wird von uns hier in Luxemburg abgedeckt“, so Steffen.

Die Untersuchung von Identitätsdokumenten auf Echtheit erfolgt dann unter anderem mittels mikroskopischer, spektroskopischer und materialanalytischer Methoden. Sie umfasst den Dokumentenvordruck und die inhaltlichen Daten wie Lichtbild, Stempelabformungen und Ausfüllschriften sowie gegebenenfalls die Inhalte eines elektronischen Datenträgers.

Bei der Echtheitsprüfung des Dokumentenvordrucks werden die für die Bewertung der Echtheit relevanten Materialeigenschaften, Druckbildmerkmale und herstellungstechnischen Charakteristika des zu untersuchenden Ausweises den Eigenschaften authentischer Vergleichsstücke gegenübergestellt und die Abweichungen bewertet.

Wird im Ergebnis der Untersuchung ein Dokumentenvordruck als Fälschungsprodukt eingestuft, so ist der Nachweis von Herstellungszusammenhängen durch den Vergleich mit anderen, bereits untersuchten Falsifikaten ein weiteres Untersuchungsziel. Zur Lösung dieser Aufgaben müssen Referenz- und Falsifikatensammlungen vorgehalten werden. Zunehmende Bedeutung erlangen hierbei sogenannte rechnergestützte Bild-Informationssysteme. Über eine Schnittstelle ist ein Datenaustausch mit dem Informationssystem der Europäischen Union „FADO (False and Authentic Documents Online)“ möglich.

„Jedes Land hat seine Experten, die sich in der Dokumentenuntersuchung besonders auskennen und sich so regelmäßig auch in Brüssel treffen“, berichtet Steffen, da hätten sich auch kleine und direkte Dienstwege eröffnet, die einen schnellen Austausch ermöglichen. „Neben Datenbanken wie FADO, wo man auch entsprechend e Anfragen stellen und Hilfe anfragen und geben kann“, ergänzt Schumacher.

EU-Dokumente öffnen Türen

Schaut man sich die Statistik der SED an, so stellt man von 2015 (711 Dokumentenkontrollen) auf 2016 mit rund 1.612 Kontrollen einen extremen Anstieg fest. „2015 haben wir 107 Fälschungen festgestellt, im Jahr 2018 hatten wir bereits 1.203 Kontrollen und 175 entdeckte Fälschungen, doch 440 Dokumente konnten wir noch nicht bestimmen“, führt Duarte in die Dienststatistik ein - denn das Aufgabenfeld der Beamten wird immer größer. „Inklusive Risikoanalysen, die wir zu erstellen haben“, sagt Steffen.

Doch nicht nur (Reise-)Pässe landen unter dem Mikroskop der Polizisten. Auch Führerscheine und Zivildokumente werden von ihnen gescannt. Auch die Polizeibeamten im Streifendienst wenden sich bei fragwürdigen Dokumenten, die bei einer Verkehrskontrolle auffallen, an ihre Kollegen auf dem Flugplatz. „So erhalten wir von den Grenzkontrollen, der Polizei oder auch dem Außenministerium Anfragen zwecks Überprüfung“, sagt Steffen. Die Kontrollstation SNCT richtet ebenfalls immer öfters Anfragen an die Experten, wenn es beispielsweise um das Umschreiben von Führerscheinen geht.

Alleine in diesem Jahr gab es bereits 480 Anfragen aus dem Außenministerium, zwölf falsche Dokumente waren darunter, 64 konnte nicht sicher eingestuft werden oder es gab keine Vorlagen.

„Unter den 70 Anfragen der Kollegen der Polizei waren 25 Fälschungen. Unter 81 eingereichten Führerscheinen durch die SNCT waren 43 Fälschungen“, sagt Duarte - und die werden aufgrund der Technologie immer besser, wie die Pässe auch, erklärt Schumacher. Musste man früher für jede Fälschung eine gesonderte Druckplatte anfertigen, „geht das heute viel einfacher.“ Wie die Experten ausführen, gibt es bekanntlich Führerscheine im Internet, oder aber in asiatischen Ländern an der Theke, 24 Stunden später, liege das Dokument dann auf dem Tisch.

Eine Unmenge an Möglichkeiten

Sehr viele Fälschungen betreffen die Europäische Union, „denn die eröffnen eine Unmenge an Möglichkeiten“, bis hin zum bandenmäßigen Sozialbetrug eben mit gefälschten Pässen, wie auch Europol rezent wieder berichtete.

Unterscheiden müsse man vier Arten von „Fälschungen“. Zum einen sei da die Totalfälschung, dabei handelt es sich um „kein echtes Dokument, das Original nachgemacht.“ Dann sei da die Verfälschung, ein echtes Dokument, wo Foto, Seiten oder Personalien ausgetauscht worden seien. Dann gibt es die „Blanko geklauten“, ein echtes Dokument, das bis auf die Seriennummer nicht personalisiert ist. Und immer mehr „Imposter“. Hier „wird ein echtes Dokument, das auf eine bestimmte Person ausgestellt ist, von einer Drittperson als eigenes verwendet“, sagt Steffen.

In diesem Zusammenhang mit dem Phänomen „Imposter“ richtet der Beamte einen Appell an die Leute, die eine Identitätskarte oder einen Reisepass einmal als verloren oder gestohlen gemeldet haben. „Sollte man sein Dokument einmal wiederfinden, so soll man es bitte nicht mehr benutzen. Viele Urlaubsreisen haben schon bei uns bei der Kontrolle ihr jähes Ende gefunden, weil die Dokumente immer noch in den Systemen als gestohlen oder verloren registriert sind. In diesem Fall müssen wir die Dokumente einziehen“ - und die Urlaubsreise ist zu Ende, bevor sie begonnen hat...

ZUSAMMENARBEIT

Was ist Frontex?

Frontex, die Europäische Agentur für die Grenz- und Küstenwache, wurde 2004 mit dem Ziel gegründet, die Mitgliedstaaten und Schengen-assoziierten Länder beim Schutz der Außengrenzen des EU-Raums des freien Verkehrs zu unterstützen. Als EU-Agentur wird Frontex aus dem EU-Haushalt und durch Beiträge der assoziierten Schengen-Länder finanziert - mit mehr als 1.500 Beamten aus den Mitgliedstaaten, die jederzeit EU-weit eingesetzt werden können. Die Mitarbeiter kehren nach dem Ende ihrer Amtszeit bei Frontex in ihren nationalen Dienst zurück. 2016 wurde die Agentur ausgebaut und verstärkt. Sie wurde zur Europäischen Agentur für die Grenz- und Küstenwache, wodurch ihre Aufgabe von der Kontrolle der Migrationsströme auf Grenzschutz erweitert wurde und sie dadurch zunehmend Verantwortung für die Bekämpfung von grenzüberschreitender Kriminalität erhielt. „Frontex ist nun als einer der Eckpfeiler des Raums der Freiheit, der Sicherheit und des Rechts der EU anerkannt“, wie es offiziell aus Brüssel heißt. Das Mandat der Agentur wurde auch offiziell um Such- und Rettungsaufgaben erweitert, wenn derartige Aufgaben im Zusammenhang mit der Überwachung der Seegrenzen erforderlich werden.