LUC SPADA

Ich war noch nie in Indien. Ich habe Angst vor Indien. Weil um nach Indien zu kommen, muss man fliegen, lange fliegen, ich mag schon nicht zwischen Luxemburg und Berlin, München und Berlin, Brüssel und Frankfurt hin- und herfliegen.

Viele meiner Freunde und entfernteren Bekannten aus Luxemburg wollen nach Indien, waren in Indien, sind in Indien. Dort, sagen sie, ist alles so schön, alles so unglaublich „angenehm anders“, auch wenn es auf den ersten Blick „unangenehm anders“ scheint. Schließlich müssen „m(M)an(n)“ und „f(F)rau“ sich ja auch erst einleben. Anpassen, integrieren.

Anders, weil tiefgründiger. Die „views“ (even without room, because room has not much of „street credibility“) sind schöner als in Luxemburg, Paris oder Berlin. Die Menschen sind schön, weil arm, aber dafür viel näher am wahrhaftigen Leben. Aber nicht alle arm, weil viele Wenige sind auch reich, aber mit Reichen wollen Luxemburger selbstverständlich nichts, nur ungerne, zu tun haben.

Das Leben ist „einfach grundlegend anders“, weil mehr Seele als Geldschein. Zwar, ja, das muss man schon zugeben, alles etwas dreckiger, die Straßen, die WG-Zimmer, die Toiletten, die Fünf-Sterne-Hotels sind viel mehr Zwei-Sterne-Hotels im Vergleich zu dem, was WIR gewohnt sind, ABER die Menschlichkeit ist sauber, viel sauberer als diese scheiß Kapitalisten hier, „hier“ als Bild, äh, Metapher, für alles, was Geld hat. Ganz anders, nicht so geil auf Statussymbole wie hier, „hier“ als Bild, äh, Metapher, für alles, was Leben mit Aktienkurs verwechselt.

In Indien wird Yoga gemacht, ganz anders und viel echter, als das, was als Yoga, zum Beispiel, in Berlin, bezeichnet wird. In Berlin machen nur arbeitslose Schauspieler und die Frauen von Diplomaten Yoga, um sich trotz Arbeitslosigkeit noch ein wenig lebendig, lebendiger, zu fühlen.

Auch das Essen, das sogenannte #foodporn, ist viel gesünder, viel authentischer, als das gesunde Zeug „hier“ und auch viel schärfer und nicht so „europäisch angepasst“, weil in Europa ist doch immer alles so europäisch angepasst an die Europäer, die kein richtig scharfes Essen vertragen, wie die in Indien, aber dennoch auch ein bisschen wie Indien sein wollen. Das hier, „hier“ als Bild, äh, Metapher, für alles, was ähnlich wie Deutschland oder Luxemburg ist, ist aber gar nicht das „richtige Indien“, so müsst ihr wissen.

Und weil in Europa gar nicht das richtige Indien ist, fliegen die richtigen Europäer, die sich so aber nicht zufrieden geben wollen, ins richtige Indien, um den hinterbliebenen richtigen Europäern, die sich mit allem zufrieden geben, danach zu sagen, dass sie überhaupt keine Ahnung vom richtigen Essen und Leben im richtigen Indien haben, weil das, was sie glauben, das richtige Indien in Europa ist, nun wirklich überhaupt nicht das gleiche, richtige Indien wie zum Beispiel im richtigen Indien, ist. Richtige Europäer sind sehr falsche Inder.

B. ist zurück aus Indien. Er hat dort wertvolle Erfahrungen gesammelt, er meinte, dass er nun weiß, wie „richtig leben“ funktioniert, theoretisch. Praktisch ist „richtig leben“ in Luxemburg nicht so einfach. Also wird er jetzt erstmal gucken, was so geht. Vielleicht irgendwas mit Kultur oder als Ersatzlehrer in Luxemburg oder Kritiker beim „Lëtzebuerger Journal“ oder „Tageblatt“. Das heißt ja nicht, dass er aufgegeben hat, „richtig zu leben“, aber bis dahin will er erstmal schauen. Aber zurück nach Indien? Nein, das mit der Rente ist wirklich etwas kompliziert.