HYANNIS
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Vor 50 Jahren: das Ende der Ära Kennedy

Mit der Wahl im November 1960 von John F. Kennedy zum US-Präsidenten begann das Kennedy-Jahrzehnt. Nach zwei politischen Morden beendete vor 50 Jahren, am 19. Juli 1969, ein Tag vor der historischen Mondlandung, ein tödlicher Unfall mit Fahrerflucht die Aussichten auf das Präsidentenamt des letzten der drei Kennedy-Brüder, Ted.

Zeitenwende für die USA

Wohl noch nie zuvor in der US-Geschichte hatte ein Präsident mit solch großen Hoffnungen sein Amt angetreten, wie John F. Kennedy am 20. Januar 1961. Er war mit 44 Jahren einer der jüngsten US-Präsidenten und der erste Katholik unter ihnen. Sein neuer unkonventioneller Stil sollte eine Zeitenwende für die USA bedeuten. John F. Kennedy machte sich zum Fürsprecher der Minderheiten der US-Gesellschaft. Er bewältigte in seiner knapp dreijährigen Amtszeit die Kuba-Krise und legte die Grundlagen für das Programm Apollo, das zur Mondlandung am 20. Juli 1969 führte, zweifellos eines der größten wissenschaftlichen Leistungen der USA, unter starker Beteiligung des deutschen Raketenforschers Werner von Braun. Kurz nach seinem triumphalem Deutschland- und Berlin-Besuch („Ich bin ein Berliner“), auf dem Höhepunkt seiner Macht, beendeten zwei Schüsse am 22. November 1963 in Dallas das Leben des ältesten Kennedy-Sohnes jäh.

Sein jüngerer Bruder Robert „Bobby“ Kennedy (1925 - 1968) strebte nach einer Karriere als Justizminister unter seinem Bruder nach dessen Ermordung auch die Präsidentschaft an und fiel am 6. Juni 1968 während des Vorwahlkampfes ebenfalls einem Attentat zum Opfer. Robert F. Kennedy war entschiedener Gegner der Rassendiskriminierung, als Justizminister ein entschlossener Kämpfer gegen die Mafia und später ein heftiger Kritiker der Vietnampolitik Lyndon B. Johnsons. Sein Tod war zusammen mit dem Attentat auf Martin Luther King das Ende einer durch Jugendlichkeit, Optimismus und Fortschrittsglauben charakterisierten Ära. Alle Hoffnungen ruhten jetzt auf dem dritten Kennedy-Bruder Edward, der seit 1962 demokratischer Senator für Massachusetts war.

Ted Kennedy bekannte sich erst eine Wochenach dem Unfall schuldig

Im Jahr 1969 stellte sich Ted Kennedy als Präsidentschaftskandidat auf, genau wie seine älteren Brüder John F. Kennedy und Robert F. Kennedy vor ihm. Seit der Ermordung des US-Präsidentschaftskandidaten Robert Kennedy war etwas mehr als ein Jahr vergangen. So planten Ted Kennedy und sein Cousin Joseph Gargan ein Treffen bei einer Party für einige ausgewählte Frauen, die bereits an der Kampagne von Robert Kennedy mitgearbeitet hatten. Auf dem Treffen hielt er bereits eine Rede, in der er an die alten Tugenden der Kennedys, vor allem den Familienzusammenhalt erinnerte. Das Zusammentreffen fand am 18. Juli 1969 auf der kleinen Insel Chappaquiddick an der Ostküste der USA statt. Edward Kennedy verließ die Party vorzeitig. Angeblich wollte er ins Hotel fahren und eine der Frauen, Mary Jo Kopechne in seinem Auto mit in die Stadt nehmen, weil sie sich nicht wohl fühlte.

Bei der Fahrt stürzte das Auto von einer Brücke in einen zweieinhalb Meter tiefen Gezeitenkanal. Edward Kennedy blieb bis auf eine leichte Gehirnerschütterung unverletzt und konnte sich aus dem untergegangenen Wrack befreien, aber erst am nächsten Vormittag meldete er den Unfall der Polizei. Zu diesem Zeitpunkt hatten Taucher bereits die Leiche von Mary Jo Kopechne aus dem Unfallauto des Senators geborgen. Die Taucher, die ihre Leiche bargen, vermuteten, dass man sie bei sofortiger Alarmierung hätte retten können. Nach vielen missglückten Rechtfertigungsversuchen bekannte sich Kennedy erst eine Woche nach dem Unfall schuldig, den Unfallort verlassen zu haben. Er wurde zu zwei Monaten Gefängnis auf Bewährung verurteilt.

Verzicht auf eine Präsidentschaftskandidatur

Noch am Abend der Urteilsverkündigung hielt Ted Kennedy eine Rede, die von mehreren Fernsehsendern landesweit übertragen wurde. Am Ende der Rede erklärte er, dass er erwäge, aus dem US-Senat auszutreten. Er verzichtete darin auch auf eine Präsidentschaftskandidatur.

Im Januar 1970, sechs Monate nach dem Unfall, kam es zu einer Untersuchung des Todes von Mary Jo Kopechne, wobei die Anfrage auf Antrag der Anwälte von Kennedy geheim gehalten wurde. Der Richter warf Kennedy fahrlässiges Verhalten wegen unsicherem Fahren vor und unterstützte eine mögliche Anklage wegen Totschlags; der Staatsanwalt entschied sich jedoch, keine Anklage zu erheben. Im April 1970 wurde eine große Jury einberufen, um die Ereignisse rund um die Nacht vom 18. bis 19. Juli zu untersuchen. Letztendlich entschieden sie sich auch, Kennedy nicht wegen Totschlags anzuklagen.

Nachwirkungen von Chappaquiddick

Viele Historiker glauben, dass die Vorfälle von Chappaquiddick Ted Kennedy auch 1975 hinderten, sich für das Präsidentenamt zu bewerben. Als Kennedy dann 1979 doch begann den amtierenden Präsidenten Jimmy Carter in der Demokratischen Partei herauszufordern, konnte dieser mit dem Verweis auf den Vorfall in Chappaquiddick Kennedy während seiner ersten und letzten Präsidentschafts-Kampagne ausbremsen. Obwohl ihm das Präsidentenamt verwehrt blieb, wurde Ted Kennedy sieben weitere Male für Massachusetts erfolgreich in den Senat wiedergewählt. 1970, ein Jahr nach Chappaquiddick, gar mit 62 Prozent der Stimmen. Von dem Nimbus seiner beiden ermordeten Brüder konnte Ted Kennedy aber nicht mehr profitieren, seitdem er selbst einer Anklage wegen Totschlags nur knapp, wohl auch wegen korrupter Richter und Staatsanwälte, entkommen war.

Während der Ereignisse um die Einschätzung des Unfalls, war es auch in dem bis dahin wie ein Block zusammenhaltendem Kennedy-Clan zu ersten Verwerfungen gekommen. Die Ereignisse von Chappaquiddick hatten sich nämlich in Sichtweite des Familiensitzes des Kennedy Clans in Hyannis abgespielt. Das Clan-Oberhaupt, Joseph Kennedy, der damals bereits im Rollstuhl saß und nach einem Schlaganfall dem Tode nahe war, übergab zwar noch sein Amt an Ted Kennedy, der auch die Familienvilla in Hyannis bis zu seinem Tod 2009 übernahm, aber die Friktionen im Kennedy-Clan blieben bestehen. So verweigerte der sehr einflussreiche Cousin Joseph Gargan nach Chappaquiddick Ted Kennedy die Gefolgschaft und wurde fortan vom Clan gemieden, ihre einstige Stärke, der Familienzusammenhalt, war damit zerbrochen.

Auch die zwei Tage später stattgefundene erste Mondlandung eines Menschen, die Glanzleistung eines Kennedy, verdrängte zwar das Medienecho auf die Chappaquiddick-Geschehnisse in den Hintergrund, aber es machte den Amerikanern auch klar, dass das Kennedy-Zeitalter mit dem Ende der 1960er Jahre endgültig vorbei war.