FLORENZ/LUXEMBURG
PATRICK WELTER

Selbst gefahren: Mit dem neuen Mercedes-Benz S-Klasse-Coupé in der Toskana

Zugegeben der Spruch ist geklaut, aber er ist so passend: „Man fühlt sich wie mit der USS Nimitz auf der Mosel“. Die Straßen der Toskana, insbesondere die engen Dorfstraßen sind nicht unbedingt das ideale Terrain für ein Über-Coupé der Luxusklasse. Raumgreifendes Design und Leistung in Hülle und Fülle wollen sicher gehandhabt habt werden, trotz der vielen elektronischen Helferlein, die an allen Ecken und Kanten warnen. Manchmal machen sie auch deutlich mehr: Wer unachtsam die Mittellinie überfährt wird nicht mehr durch Rütteln des Lenkrades gerügt, der elektronische Aufpasser greift direkt ein und zieht den Wagen (durch einseitigen Bremseinsatz) wieder in die Spur. Was einen engagierten Autofahrer und semi-professionellen Motorjournalisten nervt, ist wahrscheinlich ganz im Sinne der Unternehmergattin (Sorry, Klischee!) die es schätzt, dass ihr S-Klasse-Coupé so gut auf sie aufpasst.

S-Coupé statt CL

Mercedes-Benz stellt sein neuestes Kind aus der S-Klasse-Familie in diesen Tagen in der Toskana vor. Die Straßen von Pisa zum Castello di Casole und zurück nach Florenz sind das „Testgelände“ für Journalisten aus aller Welt. Ob wohl die Größe des Autos und die Breite der Straßen deutlich divergieren, passt der Anspruch vom luxuriösen, quasi kulturellen Fahren, gut in diese Landschaft mit großen und kleinen Kulturschätzen an jeder Ecke.

Das neue Coupé firmiert nicht mehr als CL-Baureihe sondern gehört, wie schon zu Zeiten von C 126 und C 140, voll und ganz zur S-Klasse. Die Spatzen pfeifen es von den Dächern, dass die neu eingeführte S-Klasse mit weiteren Derivaten zu einer ganzen Familie ausgedehnt wird. Nach dem Ende des Maybach, wird wieder ein Pullman die Spitze der Baureihe übernehmen. Auf Basis des Coupés kommt mit Sicherheit ein Cabrio. Ein Shooting-Brake ist noch Spekulation, würde aber in die derzeitige Nischenpolitik der Stuttgarter passen.

Mit diesem Coupé und auch den anderen Varianten der S-Klasse greift Mercedes die Luxusmarken wie Bentley frontal an, genauso wie den Nachbar aus Zuffenhausen. Nicht nur von Wertigkeit und Leitung her, sondern auch vom Preis. Mit einem Basispreis von rund 125.000 Euro spielt man in der obersten Liga mit. Italienische Bastelarbeiten mit Notsitzen vor den überzüchteten Motoren und Gepäckabteil für ein Schminkköfferchen mal außen vor gelassen. Für sein Geld kriegt man einen 5,5 Liter V8-Biturbo mit 455 PS und 700 Nm Drehmoment.

Ein 2+2 Sitzer

Das äußere Design des Coupés ist gestreckt und dynamisch, von vorne etwas zu beliebig, da der so genannte SL-Grill (großer Stern im breiten Maul) in Stuttgart etwas zu inflationär eingesetzt wird. Seitenlinie und Heck überzeugen durch Eleganz, wie immer macht sich das Fehlen einer B-Säule und die volle Versenkbarkeit der Seitenscheiben prächtig. De facto fällt das Coupé in die Klasse der 2+2-Sitzer, da die elegante Rückbank nur Kindern oder kleineren Menschen ausreichend Platz gibt. Das Interieur ist etwas feiner als in der Limousine gestaltet, man merkt, dass die Zielgruppe für das Coupé weniger im fernen Osten zu suchen ist. Es gibt sogar schöne Reminiszenzen an klassische Sportwagengestaltung. Das volldigitale Instrumentenbrett, d.h. Drehzahlmesser und Tachometer sehen analog aus, sind aber nur Darstellungen auf einem Bildschirm, trübt für konservative Geister etwas des guten Eindruck.

Übernachtet wird im „Castello di Casole“, einer tausendjährigen Burganlagen mit mehreren hundert Hektar Land, die lange einem Adelsgeschlecht aus Siena gehörte, die stilsicher und behutsam zu einem wunderschönen Hotel der besten Kategorie umgebaut wurde. Der Rahmen passt zu diesem Auto, entsprechend fand die Pressekonferenz auch in der ehemaligen Kapelle statt. Dass sich einer der Daimler-Manager dazu verstieg, das Coupé mit Michelangelos David zu vergleichen war dann doch ein bisschen dick aufgetragen.

Die magischen drei Buchstaben: A,M,G

Der nächste Morgen gehörte dann dem „Über“-Coupé, dem S 63 AMG Coupé. Trotz des „historischen“ Namens nicht mit einem 6,3 Liter, sondern „nur“ mit einem 5,5 Liter Biturbo V8 bestückt, der aber ganz locker 900 Newtonmeter und sagenhafte 585 PS auf die meist zu kleine Straße lässt. Mal ganz direkt gesagt: Die Kiste geht wie Sau!

Der Schreiber dieser Zeilen bevorzugt eher eine Gangart des stilvollen Gleitens. Auch mit fast 600 PS sollte eine (!) Mercedes nicht ihre Röcke lupfen. Ganz anders der Kollege von der „Auto-Revue“, der das vornehme Schiff zum Fliegen bringt und mit Verve um die Kurven wirft und zeigt, dass sich die Zuffenhausener Heckmotorfreunde angesichts dieser sportlichen Konkurrenz warm anziehen müssen. Unser Testwagen bietet noch ein anderes Highlight - seine Keramikbremsen (Sonderausstattung) arbeiten geradezu brutal. Antippen und die Fuhre steht, alle losen teile fliegen. Besonders gut wenn man mal wieder verbotener Weise dem Affen Zucker gegeben hat und an der nächsten Ecke die Carabinieri mit ihrem Punto stehen. Die Blicke der Ordnungsmacht sind aber eher anerkennend als strafend.

Unsere Testreise findet ihr Ende auf einem Kirchenvorplatz mitten in Florenz, drinnen ein Boticelli, draußen schöne S-Klassen, dahinter der Arno mit der Ponte Vecchio in der Ferne und ein Cappuccino auf der Terrasse. Was braucht es mehr?

www.castellodicasole.com