Fakenews war ein Begriff, den er bis vor kurzem immer nur mit Donald Trump assoziiert habe. Dabei war er der naiven Auffassung, es sei ein Begriff, „welcher die sehr gute und wertvolle Arbeit von Presseleuten schlecht redet, um die meist allzu offensichtliche Wahrheit als falsch darzustellen oder gar versucht, sie zu vertuschen“, sagt Laurent Boquet, der sich hierzu einige Gedanken gemacht hat.

„Als ich auf sozialen Netzwerken beim Herumstöbern auf immer mehr schockierte Freunde und teils noch schockierendere Kommentare über eine Aussage des Papstes gestoßen bin, habe ich gleich begonnen, im Internet nach dem Interview zu suchen und bin auf Artikel gestoßen mit den Überschriften ‚Le pape François recommande la psychiatrie pour les enfants aux ‚orientations homosexuelles‘ (le Monde), ‚Papst empfiehlt Psychiatrie bei homosexuellen Kindern‘ (die Welt).

Dabei hatte doch alles so gut begonnen und ich große Hoffnung in den Pontifex gesetzt. Jener oberste Brückenbauer, der für die Armen und soziale Gerechtigkeit einsteht, immer wieder Kritik an der Wirtschaft übt, der mit seiner Spontanität und Weltoffenheit, Jugendliche bewegt. Der für Dialog steht, in der Kirche sowie mit Andersgläubigen und Andersdenkenden.

Hatte er doch schon 2015 homosexuelle und transidente Pilger in Audienzen empfangen und 2016 seine Kirche gebeten, sich für die Ausgrenzung und Diskriminierung Homosexueller zu entschuldigen.

Unlängst haben kirchliche Würdenträger mit ihren Aussagen Größe und Weltoffenheit bewiesen, so zum Beispiel Jean-Claude Hollerich ('Homosexualität ist keine Krankheit', 'Die Kirche muss homosexuelle Jugendliche annehmen, denn Gott liebe alle Menschen'), der verstorbene Kardinal Karl Lehmann (‚Homosexuelle sollten so leben, wie sie sind, das ist nichts Negatives‘) und jüngst Dr. Franz-Josef Bode, der offen über die Segnung gleichgeschlechtlicher Paare nachdenkt.

Ist und bleibt das Thema Homosexualität doch eine enorme Herausforderung für die Kirche. Es herrscht merklich Unsicherheit, war dieses Thema doch über Jahrhunderte ein Tabu. Und nun sowas... ich war enttäuscht! Aber so richtig! Klar hört man immer wieder die konservativen Strömungen der Kirche mit weniger homofreundlichen Aussagen. Aber Rufe wie ‚Homosexuelle kommen in die Hölle‘ (Bischof Joseph Osei-Bonsu von Konongo-Mampong in Ghana, 2015) verstummen mehr und mehr.

In meiner Enttäuschung habe ich im Internet nach dem Originalwortlaut gesucht, habe versucht, einen Ton oder Videomitschnitt zu finden.

Ich habe das Interview dreimal hintereinander hören müssen, um mich selbst davon zu überzeugen: Die Aussage des Papstes wurde verdreht! Nicht nur, dass ich aus dem Interview nichts Schlechtes heraushören konnte, nein, diese Worte waren wohl die größte Öffnung der Kirche zum Thema Homosexualität, welche ich je gehört hatte: ‚Du bist mein Sohn, du bist meine Tochter, so wie du bist; ich bin dein Vater und deine Mutter, reden wir.‘ Der Papst bittet um Raum und Verständnis für homosexuelle Kinder und Jugendliche, er fordert ihren Platz in der Familie und erntet dafür einen Shitstorm?

Das Wort Psychiatrie im Interview des Papstes war wohl eine sehr, sehr schlechte Wortwahl im Kontext, aber sehr wohl als professionelle Begleitung auf psychologischer Ebene zu verstehen. So wurde, um den Gedankengang des Papstes nicht zu verfälschen, das Wort Psychiatrie aus der offiziellen schriftlichen Fassung der Pressekonferenz gestrichen. Fakenews also! Und nur wenige Aktivisten auf den sozialen Netzwerken besaßen die Größe, zu berichtigen, sich zu entschuldigen, das getan zu haben, was sie selbst immer anprangern: Zu (ver)urteilen ohne zuzuhören. Und natürlich wandelt diese Aussagen des Papstes die Kirche nicht zum Regenbogen-Paradies.

Dass die Kirche ihre Institution Ehe nicht für Homosexuelle öffnet, stört mich in Betracht der bisherigen Entwicklungen wenig. Die Aufgabe eines Kirchenführers muss sein, ein Tempo zu wählen, das sowohl den liberalen wie auch den konservativen Strömungen Rechnung trägt. So sind, meiner Meinung nach, die Nichtdiskriminierung und Entpathologisierung der Homosexualität schon große Schritte für eine Kirche, die sonst so stark an ihrer Lehre festhält. Wie heißt es doch so schön: Rom wurde (und wird) nicht an einem Tag gebaut!“