NIC. DICKEN

Es soll mal Zeiten gegeben haben, da konnte jeder Landwirt seine Produkte frei verkaufen , die frisch gemolkene Milch etwa, die Eier der frei auf dem Hof und den angrenzenden Wiesen lebenden Hühner, frisch geschlachtete Kaninchen oder Schweineteile, oder auch nur die im Überschuss zum eigenen Bedarf geernteten Kartoffeln. Erkrankungen oder gar Massenepidemien waren damals Fehlanzeige, man kannte sich man kannte Arbeitseinstellung und Sauberkeitsbewusstsein des Produzenten, man hatte Vertrauen. Wer unkorrekt arbeitete, war schnell weg vom Fenster.

Der seriöse Produzent konnte sich mit dem Erlös seiner nebenbei verkauften Ware ein ordentliches Zubrot verdienen und die Käufer wussten die Qualität der natürlich produzierten Waren zu schätzen. Alles war soweit in Ordnung.

Das alles ist noch nicht mal 50 Jahre her, liegt also vor der Zeit, da sich EU-Agrarkommissar Sicco Mansholt anschickte, den europäischen Landwirten mittels Zuschüssen ein geregeltes Einkommen und gleichzeitig den europäischen Verbrauchern preisgünstige Nahrungsmittel aus gemeinschaftlicher Produktion zu sichern. Was aus dieser, sicherlich gut gemeinten, Initiative geworden ist, kann man im Abstand von einigen Jahren, manchmal auch nur Monaten, anhand der entsprechenden, zumeist über Wochen propagierten Skandalschlagzeilen in der geschriebenen, gesprochenen und mittlerweile auch digitalisierten Presse erfahren.

Seit den 80er Jahren jagt in der EU ein Lebensmittelskandal den nächsten. Vom Flüssigei über Klärschlamm in den Futtermitteln, von Gammelfleisch über tödliche Samensprossen bis hin zum Etikettenschwindel mit - bewusst - falsch deklariertem Pferdefleisch - die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit! - reicht die Geschichte der Skandale. Bei deren jeweiliger Enthüllung preschten sowohl verantwortliche Politiker als auch zuständige Untersuchungsinstanzen mit schöner Regelmäßigkeit nach vorn, um der - leider jeweils nur für kurze Zeit - geschockten Öffentlichkeit zu versichern, man werde alles tun, um derartige Unbill künftig unmöglich zu machen. Die Halbwertzeit dieser Versicherungen zeigt fallende Tendenz mit der steigenden Zahl der Vorfälle, durch die mit zunehmender Massenproduktion immer größere Verbraucherzahlen in Gefahr gebracht werden.

Die ausufernde Vernormung und Industrialisierung der Lebensmittelproduktion - an sich ein zwingend natürliches Verfahren - hat die gesunde Vorsicht und Skepsis der Verbraucher, die in den modernen Einkaufsparadiesen vornehmlich mehr nach Schnäppchen als nach gesunden und natürlichen Lebensmitteln suchen, so weit außer Kraft gesetzt, dass elementare Reflexe auf der Strecke bleiben. Fragwürdige EU-Normangaben räumen Zweifel aus dem Weg, Verbraucher wundern sich nicht einmal mehr, wenn Lebensmittel zum Teil billiger angeboten werden als vor 20 Jahren.

Den Schlüssel zu mehr Lebensmittelsicherheit hält vor allem jeder Verbraucher selbst in der Hand. Das eigene Gehirn sollte gerade in vitalen Bereichen bisweilen auch zum Denken verleiten.