PATRICK WELTER

Als „beigepraffter“ Ausländer sitzt man nach zwei Jahrzehnten mentalitätsmäßig ziemlich zwischen den Stühlen. Man hat den gleichen Beißreflex wie ein „Stacklëtzebuerger“, wenn das blöde Wort von der Steueroase fällt, kriegt aber die „preußische“ Krise, wenn man sieht, wie sich das Land auf der Suche nach dem ewigen gewerkschaftsfreundlichen Kompromiss verschleißt.

Sobald man mit Menschen ins Gespräch kommt, die noch nie in Luxemburg waren (das sind eine ganze Menge) merkt man, dass sich die Außensicht auf das Großherzogtum auf zwei Begriffe beschränkt: „Juncker“ und „Steuerparadies“. Selbst bei Journalistenkollegen, die doch eigentlich etwas mehr von der Welt wissen sollten.

Des Premiers langjährige Präsenz in europäischen und vor allem deutschsprachigen Medien hat ihm zu einem europapolitischen Heiligenschein verholfen, der zum einen unangebracht und zum anderen im krassen Gegensatz zu den Vorstellungen vom Steuerparadies Luxemburg steht. Hier Heiliger, da Schurkenstaat.

Große Augen gibt es dann, wenn man die Feststellung äußert, dass Europas „elder Euro-man“ seinen Laden zuhause hat verschlampen lassen. Dass der Job des luxemburgischen Premiers bis vor wenigen Monaten nur eine gut bezahlte Teilzeitstelle war, die per Handy oder Mail aus Brüssel bewältigt werden konnte. Dass dieser Premier sich als äußerst verfassungstreu erwiesen hat, ist der Staatsminister doch nur Primus inter pares. Formal ist er damit weit entfernt von der „Richtlinienkompetenz“, die einem deutschen Kanzler zusteht. Also hat der große Europäer schon seit Jahren nicht mehr lenkend in die heimische Politik eingegriffen - Reformstau hin, Reformstau her. Da staunt der ausländische Gesprächspartner.

Dass das angebliche Steuerparadies, erstens keines ist und zweitens Schattenseiten hat, ist noch schwerer zu vermitteln. Zypern, Liechtenstein, Luxemburg - alles eine Sauce. Erst wenn man drastisch erklärt, dass die großen Rubel-Koffer, die Zypern bedenkenlos angenommen hat, im heutigen Luxemburg nicht einmal mehr mit der Kneifzange angefasst würden, scheint dem Gegenüber der Unterschied zwischen einem Steuerparadies und einem Finanzplatz aufzugehen. Oberschlaue antworten dann , dass Luxemburg doch das reichste Land der Welt sei. Die Antwort darauf ist einfach: Statistik ist bekanntermaßen geduldig und das Leben im reichsten Land der Welt ist schlicht sauteuer.

Soweit der destruktive Teil des Gesprächs.

Das Staunen bricht dann aus, wenn man von einer Hauptstadt erzählt, die zu zwei Drittel von Nichtluxemburgern bewohnt wird, die aber (fast) keine nationalistischen Ausfälle kennt, oder von einem Land, in dem das kleinste Dorf „multikulti“ ist.

Wieso weiß außerhalb der Region niemand, dass Luxemburg die Lokomotive ist, die die Nachbarregionen mitzieht? Wobei diese ihrerseits wichtige Aufgaben übernehmen. Wieso weiß kaum jemand von dieser Ecke Europas, in der Europa wirklich funktioniert? Wo sowohl hüben als auch drüben gearbeitet, gekauft, gelebt wird. Zusammen. Selbst wenn sich Deutsche und Franzosen am Arbeitsplatz auf Englisch unterhalten müssen. Das ist Luxemburgs ganz großer Verdienst.

Es ist an der Zeit, genau das in die Welt hinaus zu rufen