LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

Künstler Rafael Springer stellt in leer stehendem Bankgebäude im Bahnhofsviertel aus

Die Fenster sind schmutzig, die Fassade von den Auspuffabgasen gezeichnet. Vor der Tür haben es sich ein paar Obdachlose auf den Stufen bequem gemacht. Wer in Gedanken versunken ist oder gehetzt zum Zug läuft, nimmt das imposante Gebäude in der „Avenue de la Liberté“ fast gegenüber dem hauptstädtischen Bahnhof vielleicht überhaupt nicht wahr. Und sieht dann auch nicht, dass der Künstler Rafael Springer dort gerade seine Werke in einer beachtlichen Ausstellung zeigt. 3.000 Quadratmeter. Vier Stockwerke. Keller inklusive.

Früheres „Hotel Graas“

Seit einiger Zeit steht das Bauwerk im „Art
déco“-Stil leer. Zuvor hatte die „Banque de Luxembourg“ dort eine Agentur, nachdem die Räumlichkeiten nach den Plänen des französischen Innenarchitekten Jean-Michel Wilmotte komplett renoviert worden waren. Ganz oben an der detailreichen Fassadenfront über einem Rundbogenfenster erinnert der in Stein verewigte Name „Hotel Graas“ bis heute an die ursprüngliche Geschichte des Gebäudes. Gebaut wurde es 1928 vom Architekten Louis Rossi. Pierre Graas hieß der damalige Hotelbesitzer. Seit rund vier Monaten herrscht dank der groß- und kleinformatigen Bilder von Rafael Springer wieder eine farbenfrohere Stimmung in den teilweise doch recht düsteren Räumen und Gängen.

„Abklatsche & Réductions“ heißt die aktuelle Ausstellung. Es sind die Namen zweier Serien, die der Künstler vor einigen Jahren realisiert hat. „Am Anfang habe ich meine neuen Arbeiten ‚Plastic on paper‘ gezeigt. Nach zwei Monaten dachte ich, es wäre an der Zeit, zu wechseln. Und die alten Sachen sind ja noch alle gut“, erklärt uns der Künstler bei einem Rundgang. Das sind sie tatsächlich.

Wer sich die Expo anschauen möchte, muss indes im Vorfeld einen Termin mit Rafael Springer vereinbaren. Bereits die Innenarchitektur des Gebäudes selbst macht einen Besuch lohnenswert, denn wie oft bietet sich einem schon die Gelegenheit, einen Bankschalter aus der Perspektive des Angestellten zu sehen oder gar einen Blick in den eindrucksvollen Safe im Untergeschoss zu werfen? „Ich wollte meine Sachen zur Abwechslung mal an einem schönen Ort zeigen, statt immer nur in abgewrackten Industriehallen“, lacht Springer, „es gibt so viele Gebäude, vor allem Büros, die leer stehen. Diese Gelegenheit hat sich durch Zufall ergeben“. Mit dem Erdgeschoss als Ausstellungsfläche wollte er sich aber nicht zufrieden geben. „Wa schonn, da schonn“, sagt er mit einem Augenzwinkern.

In einer der oberen Etagen hat der Besitzer inzwischen sein Büro eingerichtet, ansonsten herrscht eine fast gespenstische Atmosphäre in dem Gebäudekomplex. In manchen Räumen stehen verlassene Bürostühle und Schreibtische. Das Potenzial der Räumlichkeiten hat der 58-jährige Künstler voll ausgeschöpft und noch dazu Chiara Dahlem sowie Lucien Roef Platz für eine Auswahl ihrer Werke zur Verfügung gestellt. 3.000 Quadratmeter bieten viele Möglichkeiten. „Bislang war jeder Besucher begeistert, nicht nur wegen meiner Arbeiten, sondern wegen der ganzen Atmosphäre. Es geht ja nicht nur um meine Sachen, sondern um diese Kombination“, meint der Künstler.

Werbeplakate und Zeitungsfotos als Basis

Die Bilder der Serie „Abklatsche“ hat Springer auf Basis von Werbeplakaten - Mode oder Parfüm zum Beispiel -, die üblicherweise in Bushäuschen hängen, gemalt. Wer genau hinschaut, erkennt prominente Gesichter wie jenes von Schauspielerin Charlize Theron oder das namenlose Bikini-Model aus der H&M-Werbung. Die Plakate benutzt der Künstler als Grundlage, um etwas Neues zu erschaffen. Indem er Farbe aufträgt, ein anderes Blatt auf die noch nasse Kolorierung legt, das Ganze presst und das Blatt wieder abzieht, entstehen diese teils recht farbintensiven Arbeiten. Abklatsche eben.

Die kleinformatigen Bilder der Serie
„Réductions“ sind nach dem gleichen Prinzip entstanden, größtenteils jedoch aufgrund von Fotos, aus Zeitungen etwa. „Die Fotos, die vom Layout her ja schon perfekt sind, entfremde ich durch mein Spiel mit den Farben, die ich mit Spritzen auftrage. Die Motive reduziere ich auf das Minimum. Ich liebe es, mit den Farben zu spielen, genau das fasziniert mich. Ich mache keine intellektuelle Kunst. Ich mache einfach und ich mache viel. Ich bin sehr produktiv und lasse meiner Fantasie freien Lauf“, erzählt er.

Experimentelle Arbeiten

Wer Springers Arbeiten kennt, weiß, dass er sehr experimentierfreudig ist. Eine klare Linie sucht man vergeblich. „Ich will einfach alles ausprobieren. Als Autodidakt lerne ich immer noch dazu. Geht nicht, gibt’s nicht. Für mich gibt es keine Regeln“, stellt er klar. Und wenn er „alles“ sagt, meint er auch alles. Holzdruck, Skulpturen, Kunstwerke aus Keramik und Porzellan... Dass ein Künstler mit derart vielen verschiedenen Techniken arbeitet, ist eher ungewöhnlich. Nur noch selten malt er dagegen auf Leinwand: „Zu teuer. Lagern und transportieren lassen sich Bilder auf Leinwand auch nicht besonders gut. Deshalb male ich meistens auf Papier - das kann man einfach zusammenrollen - oder auch schon mal auf Pizzakartons“. In eine bestimmte Ecke würde er sich nie drängen lassen, um mehr zu verkaufen. „Das kann ich nicht. Dann hätte ich auch einen Bürojob annehmen und 40 Jahre lang das Gleiche machen können“, sagt er.

„Die Räumlichkeiten sind einfach herrlich“, schwärmt Springer und bleibt vor einem Fenster stehen. „Und diese Aussicht! Manchmal sitze ich einfach hier und beobachte das bunte Treiben. Die Diversität. Das Leben“.


Terminabsprache für Besichtigungen:

Tel. 621290750 oder springer@pt.lu