SIMONE MOLITOR

Der Schock sitzt tief und seit gestern noch tiefer. Die Erschütterung darüber, dass derart viele Menschen auf einen Schlag ums Leben gekommen sind, ist in Entsetzen umgeschlagen. Die Erkenntnis, wozu einzelne Menschen fähig sind, wiegt schwer. Zu gerne würden wir in solchen Augenblicken einen terroristischen Hintergrund als Erklärung anführen, ein religiöses Motiv nennen oder einen radikalen Islamisten an den Pranger stellen. Wut könnte dann nämlich in eine bestimmte Richtung entladen werden. Im Falle der abgestürzten Germanwings-Maschine in den französischen Alpen scheint nichts davon zuzutreffen, und doch soll ein einzelner Mann für den Tod von 149 Passagieren verantwortlich sein. Natürlich wollen wir verstehen können, warum er das getan hat. „Verstehen“ wäre indes übertrieben, bei einer derart schrecklichen Tat ist das überhaupt nicht möglich, vielmehr wollen wir wissen, was der Hintergrund ist. Nicht weil es das Geschehene leichter machen oder der Tragödie die Tragik nehmen würde, nein, weil wir schlicht Antworten haben wollen.

Noch ist nicht eindeutig geklärt, ob sich die dramatischen Szenen tatsächlich so abgespielt haben, laut momentanem Erkenntnisstand ist die Beweislast aber erdrückend. Die Experten sind sich relativ sicher, dass der Copilot das Flugzeug ganz bewusst zum Absturz gebracht hat. Wie es gestern hieß, hatte der Autopilot bereits übernommen, als der Kapitän das Cockpit verließ. Versehentlich kann der Sinkflug nicht eingeleitet worden sein, weil die Einstellung nur durch die Drehung eines Knopfes geändert werden kann. Hat der Copilot vorsätzlich gehandelt, würde dies die Dimension des Unglücks noch verschlimmern, die Katastrophe würde noch katastrophaler. Geht das überhaupt? Ja. Bereits der Unterschied, ob man die Technik für ein Flugzeugunglück verantwortlich machen kann, oder ein unbeabsichtigter Pilotenfehler vorliegt, ist immens. Insbesondere für Hinterbliebene ist die genaue Aufklärung wichtig: Menschliches oder technisches Versagen spielt für sie eine wesentliche Rolle. Wie sie auf die neueste Nachricht reagiert hätten, fragte gestern dann auch ein Journalist während der Pressekonferenz in Düsseldorf. Carsten Spohr, Vorstandsvorsitzender der Lufthansa, meinte, es sei einfach nur schrecklich, wenn ein Angehöriger sterbe. Er glaube nicht, dass das noch steigerungsfähig sei. Wir sind anderer Meinung. Die Folgen für die Psyche sind nicht zu vernachlässigen. Auswirkungen auf die Trauerbewältigung hat das „Warum“ ebenso. Um zu diesem Schluss zu kommen, muss man kein Psychologe sein. Eine schlimmere Vorstellung als die, dass eine geliebte Person ganz bewusst durch einen anderen Menschen getötet wurde, gibt es nicht. Und genau das soll der betreffende Copilot schließlich getan haben, auch wenn das Wort „Suizid“ gestern von offizieller Seite gemieden wurde. Wenn man sich vor Augen führt, dass 149 Menschen gezielt mit in den Tod gerissen wurden, sollte man ohnehin eher von Massenmord reden.

Es hilft nun auch niemandem - wie so oft nach solchen Unglücken - die ewige Statistik, wonach das Flugzeug immer noch das sicherste Transportmittel der Welt sei, zu bemühen. Ein Transportmittel, das von Menschenhand gesteuert wird, kann nie wirklich sicher sein, weil es nämlich gleichzeitig eine Waffe ist.