LUXEMBURG
CHRISTINE MANDY

Woher rührt die „Lesemüdigkeit“?

Junge Menschen lesen nicht mehr“. Es ist eine Behauptung, die sich festgesetzt hat, wie der Staub auf den meisten Bücherregalen. So zumindest scheint es, und ich will ausnahmsweise als gegeben ansehen, um mich mit der Frage auseinander zu setzen, die wirklich Relevanz hat: Die Frage nach dem „warum“.

Text ist nicht gleich Text

Zu bedenken gilt, dass auf das Verb „lesen“ ein Akkusativobjekt folgt. Wir lesen etwas. Doch was genau lesen wir nun und was nicht?

Am ehesten denken wir wahrscheinlich an Literatur: längere Texte, Romane, Bücher im Allgemeinen. Sie ist es, die wir scheinbar vernachlässigen. Gleichzeitig aber ist es so, dass wir im Alltag viel häufiger mit nicht-literarischen Texten konfrontiert werden, als das noch vor einiger Zeit der Fall gewesen ist. Werbeplakate, Facebookbeiträge, Push-Nachrichten - die Liste ließe sich endlos weiterführen. Steckt also hinter der „Lesemüdigkeit“ in Wahrheit eine „Übersättigung“? Werden wir sosehr von textlich verarbeiteten Informationen überflutet, dass wir uns von ihrer Omnipräsenz erdrückt fühlen und vor ihr flüchten wollen?

Das Schreibvirus

In einem nächsten Schritt gilt es, zu untersuchen, ob die Abneigung tatsächlich gegen das Medium Text per se gerichtet ist. Ich persönlich würde das ausschließen und behaupten, dass es konkret um die Tätigkeit des Lesens geht. Denn es lässt sich beobachten, dass aktuell sehr viel geschrieben wird, möglicherweise mehr, als jemals zuvor - und zwar nicht nur private Textnachrichten, sondern auch Literatur. So haben am diesjährigen „Prix Laurence“ beispielsweise 74 junge Autoren teilgenommen, die insgesamt 148 Texte eingereicht haben. Verlage werden mit Manuskripten überflutet, die Anzahl an Bloggern steigt täglich an und jeder hat das Bedürfnis, sich mitzuteilen.

Vielleicht hängt das nicht zuletzt damit zusammen, dass es viel einfacher geworden ist, eigene Texte zu veröffentlichen, beispielsweise als eBook, oder indem sie kostenlos auf einer Plattform wie „sweek“ hochgeladen werden. Das Angebot wächst und erneut ist die langfristige Folge: Die „Übersättigung“ des Lesers.

Bestseller statt Meisterwerk

Gleichzeitig verliert das Buch an Wert, an Prestige und damit an Reiz. Zu schnell und einfach ist es geworden, sich ein Buch anzuschaffen. Der Käufer liest nicht, er konsumiert, greift zum billigeren eBook oder Taschenbuch, statt zum gebundenen Buch. Leichte Kost soll es sein, die nicht zu anspruchsvoll ist und nicht zu umfangreich, damit sie möglichst schnell verschlungen werden kann. Es ist sozusagen das Fastfood der Leseratten. Der wahre Genuss aber bleibt aus, wenn man sich nicht lang und intensiv mit einem Text auseinandersetzt und auf Dauer werden Freude und Vergnügen erlöschen, weil einem diese Art der Literatur nicht sehr viel geben kann. Die Folge: „Übersättigung“.

Ständige Ablenkung

Hinzu kommt, dass unserem verwöhnten Sinn für Ästhetik und unserem Bedürfnis nach Unterhaltung mit ein paar schwarzen Buchstaben auf einer weißen Seite heute nicht mehr Genüge getan werden. Ebenso genügt es uns nicht, nur einen unserer Sinne aktiv einzusetzen. Wir brauchen Bilder und Farbe, immer dudelt im Hintergrund das Radio, es brummt der Fernseher und dann der Geschmack von Süßigkeiten… Denn es muss immer „etwas los sein“, wir brauchen Action, etwas für das Ohr, etwas für die Augen, etwas für den Gaumen und vor allem stets die Ablenkung davon, was sich einzig und allein in unserem Inneren abspielt. Wir sind „übersättigt“, nicht nur von Texten, sondern auch von allem „drum herum“. Wer also liest, der muss es nicht nur wollen, sondern auch können. Es erfordert einen starken Willen, Konzentration und eine innere Ruhe. Nur dem „wahren“ Leser gelingt es, sein Umfeld auszublenden, seine elektronischen Geräte beiseite zu legen und sich mit dem Buch zu begnügen.

Unterschiedliche Welten

Letztlich gilt es zu analysieren, was die nationale Literaturlandschaft zu bieten hat, insbesondere für „junge“ Menschen. Wenn ich an bekannte luxemburgische Autoren denke, fallen mir Namen ein wie Pol Greisch, Henri Losch, Emil Angel oder Jhemp Hoscheit.

Nun kann ich mir alle Mühe geben, mich an ihre Literatur heranzuwagen und doch muss ich mir eingestehen, dass mir 40, 50 oder sogar 60 Jahre Lebenserfahrung fehlen, um mich gänzlich einzufühlen und alles zu verinnerlichen. Ich bin in einer anderen Zeit aufgewachsen und befinde mich in einem anderen Lebensabschnitt; die Identifikation fällt mir schwer. Ja, Literatur bedeutet, in andere Welten einzutauchen und mit Themen konfrontiert zu werden, die einem fremd sind. Trotzdem muss man sich auch eingestehen können, dass man einer Sache noch nicht gewachsen ist.

Zum Glück aber kommt eine gewisse Diversität auf. Werke von Isabel Spigarelli, Nora Wagener oder Luc Spada sorgen für die nötige Frische, zwischen beiden Generationen bewegen sich außerdem noch Autoren wie Michel Clees und Tullio Forgiarini, so dass die hiesige Literatur sich letztlich an ein breiteres Lesepublikum richtet.

Vielleicht wird beim diesjährigen „Prix Laurence“ ja noch das eine oder andere junge Talent entdeckt, das dabei mitwirken kann, die nationale Literaturlandschaft zu verändern. Gegen die „Übersättigung“ allerdings muss jeder Einzelne selbst ankommen.