LUXEMBURG
CHRISTIAN SPIELMANN

Nach dem Roman „Danse on my Grave“: „Été 85“, der neue Film von François Ozon

Der 1967 in Paris geborene Regisseur François Ozon drehte die unterschiedlichsten Filme: Dramas wie „Swimming Pool“ oder „Frantz“, das Filmmusical „8 Femmes“, provozierende Streifen wie „Les amants criminels“ oder kritische wie „Grâce à Dieu“. Sein neuer Film „Été 85“ basiert auf dem Roman „Danse on my Grave“ von Aidan Chambers. Genau dieser Tanz auf einem Grab spielt im Film eine Rolle, denn die beiden Hauptprotagonisten versprechen sich, falls einer von ihnen sterben wird, muss der noch Lebende auf dem Grab des Toten tanzen. Doch ehe dieser kuriose Pakt ins Spiel kommt, muss der Zuschauer erst einmal auf einen Mord warten. Jedenfalls spricht Alexis (Félix Levebvre), genannt Alex, der am Anfang des Films in Handschellen von einem Polizisten begleitet wird, in einem Voice-over-Kommentar davon. Er ist vom Tod fasziniert, was Poster von ägyptischen Mumien in seinem Zimmer bezeugen.

Die erste große Liebe

Regisseur Ozon spielt ab hier sozusagen mit gezinkten Karten, wenn er mit der Frage nach dem Warum des Mordes die Zuschauer auf die Folter spannt. Vor der Klarstellung der aufgeworfenen Fragen dreht sich das Rad der Zeit auf der Leinwand zurück. Alex segelt unbeschwert mit dem Boot eines Freundes, als ein Sturm aufzieht. In Panik geraten, verliert er die Kontrolle, und das Segelboot kentert. Glücklicherweise kommt ihm David (Benjamin Voisin) zu Hilfe. David nimmt Alex mit nach Hause, wo seine Mutter (Valeria Bruni Tedeschi) sich vorsorglich um den Jungen kümmert. Die beiden Jungen werden Freunde, bis schließlich ein Kuss ihre Beziehung in eine andere Richtung steuert.

Alex ist vollkommen von David fasziniert, stärker als vom Tod, der mit dem bereits angesprochenen Versprechen zwischen den beiden ins Spiel kommt. Jedoch ist Davids Zuneigung zu Alex nicht so stark wie die von Alex zu David. So geniert sich David nicht, eine Nacht mit dem Au-pair-Mädchen Kate (Philippine Velge) zu verbringen. Alex gefällt dies gar nicht, und ein Streit bleibt nicht aus.

Ozon inszeniert seine Geschichte etwas zu brav, als dass er wirklich etwas Neues oder Originelles in Sachen homosexuelle Liebe zwischen zwei Teenies erzählt. Die beiden Jungs spielen ihre Rollen ganz vorzüglich, ohne Übertreibungen oder falsche Gefühle. Der Zuschauer kauft ihnen ihre Liebe ab. Warum aber Ozon Valeria Bruni Tedeschi castete, um die übertrieben besorgte Mutti zu mimen, ist nicht offensichtlich, denn die Schwester von Carla Bruni sieht wieder mal zu überspannt und weinerlich aus, als dass sie nur im Geringsten überzeugen könnte. Isabelle Nanty und Laurent Fernandez interpretieren Alex‘ Eltern, die in der Geschichte zu keinem wichtigen Element beitragen, außer, dass sie nicht so überspannt wie Bruni Tedeschi rüberkommen.

Das einzige, was Ozon gekonnt in Szene setzt, ist das Spiel um die Frage, wen Alex denn nun getötet hat oder auch nicht. Verstärkt wird diese Neugier nach einer Antwort durch einen Lehrer von Alex (Melvil Poupaud) und eine Erzieherin (Aurore Broutin), die beide von Alex verlangen, dass er seine Motive preisgibt. Schließlich bringt Alex seine Geschichte zu Papier, weil es ihm schwer fällt, darüber zu reden. Dieses Spiel mit der Gegenwart und der Vergangenheit im Sommer 1985 ist interessant und treibt das Interesse nach dem Ausgang der Geschichte an.