NIC DICKEN

Auch wenn bei der diesjährigen Auflage des „Tour de France“ erstmals seit vielen Jahren kein luxemburgischer Fahrer im Feld dabei ist, hat das der Strahlkraft dieses trotz vieler Skandale nach wie vor besonders traditionsreichen und beliebten Sportereignisses für die ohnehin radsportbegeisterten Luxemburger nichts anhaben können. Besonders die letzten Tage, die wegen einiger Unfälle prominenter Fahrer an Dramatik und wegen erbitterter Auseinandersetzungen unter den Spitzenfahrern an Spannung nichts zu wünschen übrig ließen, haben das allgemeine Interesse am weltgrößten Radrennen enorm beflügelt. Wie eh und je säumen Millionen begeisterter Fans aus aller Herren Ländern die Straßen.

Die besondere Ausstrahlung der Auflage 2019 ist jedoch der mit fortschreitendem Rennverlauf immer deutlicher sich abzeichnenden Tatsache zu verdanken, dass im Gegensatz zu den Jahren zuvor keine wirkliche Dominanz eines bestimmten Teams auszumachen ist und infolgedessen mit einer, in der jüngeren Vergangenheit kaum noch spürbaren, Spannung die letzte Rennwoche in Angriff genommen werden kann.

Nach der schwierigen und im Hinblick auf die Bestimmung einer eindeutigen Favoritenrolle sehr aufschlussreichen Passage durch die Pyrenäen bleibt die Frage nach dem Endsieger am kommenden Sonntag in Paris offen wie selten zuvor. Das ist, im Vergleich zur Selbstverständlichkeit der letzten Auflagen, eine Änderung, die jeder Sportsmann nur begrüßen kann.

In Frankreich selbst, das sich mit einer regelrechten Hubschrauberflotte intensiv um eine möglichst wirkungsvolle touristische und kulturelle Selbstdarstellung bemüht, hat sich die ohnehin vorhandene Begeisterung in den letzten Tagen ins schier Unermessliche gesteigert aufgrund der Leistungen von Fahrertypen wie Alaphilippe und Pinot, die nach jahrzehntelanger Abstinenz endlich wieder auf einen Endsieger aus den eigenen Reihen hoffen lassen. So etwas tut der gedemütigten Volksseele verständlicherweise besonders gut.

Der heutige Ruhetag ermöglicht es den durch die Bergetappen der letzten Tage etwas ausgepumpten Fahrern, die übersäuerten Muskeln zu entspannen und für die anstehende Alpenpassage noch einmal Kraft zu tanken.

Die letzten Tage in den Pyrenäen, die von zahlreichen erstaunlichen und wirklich überraschenden Ereignissen und Rennverläufen gekennzeichnet waren, lassen jedenfalls darauf hoffen, dass auch der Überwindung der anstehenden Alpenpässe mit erhöhter Spannung entgegen gesehen werden kann, dies trotz des starken Bedauerns, dass eben Namen wie Schleck oder Jungels nicht im Starterfeld auftauchen, denen in der aktuellen Konstellation auch die eine oder andere Überraschung zuzutrauen gewesen wäre. Tempi passati!

Oder auch: Auf ein Neues! Denn in Luxemburg hat die Faszination des Radsportes keine Einbußen zu verzeichnen. Das lässt hoffen für die nächsten Jahre, auch wenn man sich nicht unbedingt erwarten kann, dass Ausnahmesportler, wie wir sie in der Vergangenheit gekannt haben, nicht einfach von den Bäumen fallen.