LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Während seiner vierjährigen Amtszeit hat es der deutsche Botschafter Dr. Heinrich Kreft zu einer enormen Beliebtheit gebracht

In der Residenz des deutschen Botschafters zu Luxemburg werden schon Kartons gepackt. Dr. Heinrich Kreft wird nach vier Jahren das Land verlassen. Erst zieht er in sein Haus nach Berlin, von dort geht es gleich weiter zur nächsten Wirkungsstätte, der Andrássy-Universität in Budapest. Dort wird er Leiter des Zentrums für Diplomatie der deutschsprachigen Universität, wie er uns in seinem Abschiedsinterview erzählt. Zuvor geben sich noch viele Besucher die Klinke in die Hand, denn der promovierte Politikwissenschaftler ist nicht nur bei der deutschsprachigen Gemeinschaft – in Luxemburg leben über 13.000 Deutsche – sehr beliebt. Als emsiger und vielseitig interessierter Diplomat hat er es auch verstanden, dem Image seiner Heimat in seiner Amtszeit neuen Glanz zu verleihen. Zum Abschied gibt der Mann aus dem Münsterland Einblicke in seine Zeit als Botschafter.

Herr Dr. Kreft, was haben Sie von Luxemburg gedacht, bevor Sie herkamen?

Dr. Heinrich Kreft Ich war vor langer Zeit einmal hier. Damals war ich Student und auf der Durchfahrt nach Südfrankreich. Das war schon vor gut 40 Jahren. Zu der Zeit war der Kirchberg noch deutlich leerer. Dienstlich war ich danach auf Veranstaltungen mit Europabezug hier, konnte damals aber nicht viel von der Stadt oder dem Land sehen, denn das waren nur Kurzaufenthalte. Da ich andere berufliche Stationen in Bolivien, Washington, Tokio und zuletzt Madrid hatte, bevor ich herkam, lag Luxemburg nicht so auf dem Weg.

Mit welchen Eindrücken verlassen Sie jetzt das Land?

Kreft Es ist faszinierend, weil man in Luxemburg die Großregion immer gleich mitdenkt. So ging es mir jedenfalls. Und es hat sich hier viel verändert. Ich kann mich an Landkarten erinnern, auf denen arme und reiche Regionen verzeichnet waren. Damals war der Landkreis Bitburg-Prüm in der Eifel eine der armen Regionen mit einer Rekordarbeitslosigkeit. Heute stellt sich das ganz anders dar. Das hat vor allem etwas mit Luxemburg zu tun.

Was waren die Höhepunkte Ihrer Zeit hier?

Kreft Ganz klar das Jahr 2017. Das war das erste volle Jahr, denn ich bin ja im Juli 2016 angekommen. Und in dem Jahr kamen sämtliche Verfassungsorgane aus Deutschland her. Das ist sehr ungewöhnlich und als Diplomat erlebt man so etwas bestenfalls noch in Washington. Im Januar kam die Bundeskanzlerin Frau Merkel. Im März waren die Präsidenten der deutschen Höchtstgerichte hier, im Mai kam Norbert Lammert, der zu diesem Zeitpunkt Präsident des Deutschen Bundestages war, im Juli Malu Dreyer, die amtierende Präsidentin des Bundesrates und schließlich als Höhepunkt  der Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier im September. Das war zwar in dieser Dichte Zufall, aber dennoch ein starkes Zeichen für die engen Beziehungen zwischen Deutschland und Luxemburg. Bemerkenswert war im Gegensatz dazu die Coronazeit hier: Fünf Delegationen mussten ihren Besuch absagen; davon drei Landtags- und zwei Bundestagsdelegationen. Jetzt kann wieder Besuch kommen. So konnte ich am 13. Juli erneut Norbert Lammert begrüßen zu einer gemeinsamen Veranstaltung der Botschaft und des IPW mit Jean-Claude Juncker zum Thema „Demokratie in Zeiten der Pandemie“. Die jüngste Einstufung Luxemburgs als Risikoland durch das Robert-Koch-Institut bedeutet leider einen Rückschlag. Weitere Besucher werde ich damit in den verbleibenden drei Wochen nicht empfangen können.

Liegt die Besucherflut an Ihren guten Kontakten?

Kreft Natürlich habe auch ich gegenüber Ministern Besuche in Luxemburg angeregt  und zahlreiche Referenten aus dem Akademischen eingeladen. Hier gibt es schließlich auch  etliche EU-Institutionen, die in der Finanzkrise noch wichtiger geworden sind. Dazu gehört die Europäische Investitionsbank und der ESM, die ja beide auch von Deutschen geleitet werden, ebenso wie der hier ansässige Europäische Rechnungshof. Das Interesse an diesen Institutionen ist in Deutschland deutlich gewachsen und viele Abgeordnete schätzen es sehr, dass sie in Luxemburg  Deutsch sprechen können. Luxemburg hat eine ähnliche politische Kultur und stabile Parteienstruktur wie Deutschland. Das vereinfacht den Dialog. Luxemburg steht aber auch – ähnlich wie Brüssel – für Europa. Eine Reise nach Luxemburg ist daher für viele Delegationen eine Reise nach Europa.

Sie haben sich in der Coronakrise sehr für die Grenz-öffnung und Europa eingesetzt – obwohl Berlin das anders sah…

Kreft Man muss sich zunächst fragen, wie es dazu gekommen ist. Die Entscheidung, Kontrollen an der Grenze zu Luxemburg (und anderen Ländern) durchzuführen ist auch in Berlin durchaus kontrovers diskutiert worden. Als das Robert Koch-Institut die Region Grand Est als Hochrisikogebiet eingestuft hat, geschah das auch, weil seit der französischen Gebietsreform das Elsass dazu gehört, was ja noch nicht lange der Fall ist. Sonst wäre Lothringen und damit Luxemburg möglicherweise verschont geblieben. Berlin wusste um die vielen französischen Grenzgänger in Luxemburg. Das Saarland und Rheinland-Pfalz haben zudem Grenzen sowohl zu Luxemburg als auch zu Frankreich. Anfangs wusste auch die Wissenschaft nicht viel über das Coronavirus und die Ansteckungswege. Dass Armin Laschet (Anm. der Red.: Ministerpräsident von NRW) aus Aachen kommt, hat sicherlich auch zu seinem Einsatz für offene Grenzen zu Belgien und den Niederlanden beigetragen. Berlin hat im Übrigen nicht negativ auf meinen Einsatz für offene Grenzen reagiert. Und nachdem  das Robert Koch-Institut Luxemburg vor wenigen Tagen zum Risikogebiet erklärt hat, ist in Berlin der Reflex, wieder Grenzkontrollen einzuführen, ausgeblieben – wozu sicherlich auch die Berichterstattung der Botschaft beigetragen hat.

Wie haben Sie den Lockdown in der Botschaft erlebt?

Kreft Wir in der Botschaft haben uns angepasst, den Besucherverkehr eingestellt und die Mannschaft auf eine Notbesetzung reduziert. Aus der Botschaft, beziehungsweise dem Home Office haben wir dann viele Anrufe besorgter Luxemburger und Deutscher erhalten und viele E-Mails beantwortet. Es gab viele Diskussionen darüber, was als triftiger Grund für die Einreise in Deutschland galt und was nicht. Wir haben viele Einzelfalllösungen gefunden, womit wir vielen helfen konnten. Was mich allerdings schon irritiert hat, war, dass in Briefen und Telefongesprächen Dinge hochgekommen sind, die sicherlich unmittelbar nach dem Zweiten Weltkrieg und der blutigen deutschen Besatzung  verständlich gewesen wären – aber heute? Ich bin allerdings sicher, dass die Wunden nicht so tief sind, als dass sie nicht schnell verheilen könnten. Jetzt ist es wichtig, dass wir unter allen Umständen eine zweite Welle verhindern, die uns schon bald drohen kann. Und: Das hier war nicht die letzte Pandemie. Wir werden lernen müssen, mit diesen Pandemien zu leben und uns an die Situation anzupassen. Dabei steht die Gesundheit ganz oben und niemand darf diskriminiert werden. Das zeigt auch die gemeinsamen Werte Europas. Aber der ökonomische Schaden sowie auch die psychologischen Schäden müssen in Zukunft stärker begrenzt werden.

Ein Thema, das Sie sehr beschäftigt, ist die Religion. Was hat das mit Politik zu tun?

Kreft Ich war im Auswärtigen Amt als Sonderbotschafter für den interreligiösen und interkulturellen Dialog verantwortlich. Da ist zum einen der Aspekt der Integration und des inneren Friedens. Muslime sind in nahezu allen europäischen Ländern  die größte nichtchristliche Gruppe. In kaum einem Land sind sie wirklich gut integriert. Dazu kommt der außenpolitische Aspekt. Ich habe mich ziemlich intensiv mit dem Potenzial der Religionen für Frieden und Konflikte beschäftigt. Das war ein großes Anliegen und das Thema ist mir persönlich sehr wichtig. Das Friedens- und Konfliktlösungspotenzial der Religionen wird unterschätzt. Wir sehen in zahlreichen Ländern und Gesellschaften, wie sich innergesellschaftlich das Zusammenleben stark verändert. In Europa werden sich Katholiken und Protestanten neu erfinden müssen. Die Muslime werden zahlenmäßig immer stärker und viele sind auch  gläubiger. Oft ist die zweite Generation der in Europa lebenden Muslime säkularisiert aber die dritte Generation ist vielfach sogar religiöser als ihre Großeltern.

Wenn man im Ausland ist und Deutschland repräsentiert, was ist dann deutsch für einen selbst?

Kreft Für mich ist es die tägliche Arbeit in meiner Muttersprache und die deutsche Kultur. Das ist in der Botschaft natürlich anders als beispielsweise in einem Unternehmen. Hier an der Botschaft in Luxemburg gibt es ein deutsches Umfeld, Menschen, die in die Botschaft kommen und die zahlreichen deutschen Grenzgänger. Hier erledigen wir fast alles auf Deutsch. Aber an meiner ersten Botschaft in La Paz, Bolivien, war das nicht so, dort wurde sehr viel Spanisch gesprochen. In Washington wiederum war Englisch die Arbeitssprache und in Japan haben wir häufig mit Dolmetschern gearbeitet.

Werden Sie ein Abschiedsfest feiern?

Kreft Ja, die Frage ist nur: wie? Ich habe meine Zeit in Luxemburg um zwei Wochen verlängert in der Hoffnung, dass nach dem 31. Juli die Einschränkungen weiter gelockert werden. Danach sieht es jetzt leider nicht mehr aus. Ich habe meine Abreise nunmehr für den 15. August geplant.  

Wo geht es danach hin?

Kreft Ich wechsle als Professor zur Andrássy-Universität nach Budapest, wo ich den Lehrstuhl für Diplomatie und die Leitung des Zentrums für Diplomatie der deutschsprachigen Universität übernehmen werde. Diese Universität wurde von Ungarn, Österreich, Bayern und Baden-Württemberg gemeinsam gegründet. Das Auswärtige Amt hat dort einen Lehrstuhl für Diplomatie gestiftet, den ich übernehmen werde. Die Studenten kommen überwiegend aus Ungarn, Österreich und Deutschland sowie aus 16 weiteren Ländern. Der Fokus liegt auf Diplomatie, die EU sowie internationale Organisationen. Derzeit sind dort rund 350 Studenten eingeschrieben und studieren Fächer wie Politik, Geschichte, VWL oder BWL. Mit einem Verhältnis von  Dozenten zu Studenten von 1:7 ist der Kontakt sehr persönlich. Die Universität ist eine Exzellenzuniversität. Ich werde dort im Wintersemester vier Kurse zu den Themen transatlantische Beziehungen, der Aufstieg Chinas, Sicherheitspolitik sowie Europa anbieten. Zu letzterem Kurs wird im November eine Studienreise nach Luxemburg stattfinden, sofern das möglich ist. 2021 will ich dann die grenzüberschreitende Zusammenarbeit in Europa auf die Agenda setzen. Denn was wir hier an Kooperation in der Großregion mit Luxemburg als ökonomischem und politischem Zentrum haben, gibt es sonst nirgends in Europa. Zu Budapest selbst haben meine Frau und ich  einen sehr persönlichen Bezug. Dort haben wir im Sommer 1997 unseren seit Jahren ersten Urlaub ohne Kinder gemacht, als meine Frau mit unserem vierten Kind schwanger war.

Noch ein Wort zu Ihrem Nachfolger?

Kreft Ulrich Klöckner, der derzeit Botschafter im Sudan ist, freut sich schon auf sein Amt hier. Wir kennen uns schon lange. Er plant in der zweiten Septemberwoche in Luxemburg einzutreffen – wenn die Pandemie ihm keinen Strich durch die Rechnung macht.