LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Bravouröser Tourneeauftakt in der Philharmonie:Yuja Wang und das Orchestre Philharmonique du Luxembourg

Für Freunde der sinnlichen Klangmalerei bot die hervorragende Soiree am vergangenen Sonntag vier Leckerbissen, die betreffend Ausdrucksstärke und Emotionen stellvertretend für die Spätromantik, den Expressionismus oder den Neoklassizismus stehen. Zu Anfang hörten wir die, leider selten im Repertoire großer Orchester zu findende, Tondichtung „Der Sturm“ von Peter Illjitsch Tschaikowsky, ein Werk, das, auch wenn man die literarische Vorlage der Programmmusik nicht kennt, durch die ausgeprägten dynamischen Veränderungen den Werdegang des Geschehens erahnen lässt.

Die prickelnde Ruhe vor dem Sturm, die erlösende Ruhe nach dem Sturm und die spannungsgeladene Handlung der Fantasie nach William Shakespeare konnte das OPL unter der dynamischen Stabführung ihres Chefdirigenten Gustavo Gimeno mit seiner delikaten aber wirkungsvollen Kunst der Montage in eine mitreißende, äußerst lebendige Darstellung umsetzen.

Virtuose Temperamentleistung

Ein Virtuosenstück in doppelter Hinsicht ist Maurice Ravels berühmtes Klavierkonzert für die linke Hand, das der vielseitig orientierte Komponist um 1930 für den einarmigen Pianisten Paul Wittgenstein schrieb. Die konzertante Wirkung der mit originellen Figurationen vollgepackten, einhändig gespielten Phrasen, die eigentlich zwei Hände vortäuschen sollen, erzielte die chinesische Solistin Yuja Wang mit exemplarischer, leidenschaftlicher Hingabe, die sowohl die Leichtigkeit wie die Stärke ihrer linken Hand in den Vordergrund stellten. Sie schaffte es die, logischerweise wegen der Basslage, manchmal dumpf klingenden vollgriffigen Klavierparts mit ihrer virtuosen Temperamentleistung und der brillanten Akzentuierung der arpeggierten Akkorde klar und glänzend wiederzugeben.

Technisch weniger anspruchsvoll aber dennoch mit klanglich, überzeugenden Effekten ausgestattet ist das 2. Klavierkonzert von Dimitrij Schostakowitsch. Hier beeindruckte besonders die angenehm ergreifende Sensibilität des herrlichen zweiten Satzes mit den lyrischen, weichen Klängen des kompakten Klangkörpers.

Sicher waren hier zwei Vorzeigestücke der Solistin programmiert, die ihre sprachlos machende Leichtigkeit, selbst schwierigste, virtuose Parts, ohne sichtbare Anstrengung mit unvergleichbarer, natürlicher Selbstverständlichkeit zu vermitteln, bestens illustrierten.

Dass Wang nach diesem musikalischen Marathon keine Zugabe vorgesehen hatte, ist verständlich, hätte auch die sorgsamst ausgewählte Soloklaviereinlage die wunderbar konzipierte Atmosphäre des Programmablaufs unterbrochen. Immerhin hatte die charmante Pianistin sich, bei ihrem rezenten Gastspiel zehn Tage zuvor mit dem Birmingham Symphonie Orchestra, mit gleich drei Zugaben die Gunst des Publikums erspielt.

Permanent wechselnde Dynamik

Im Gegensatz zu Tschaikowskis Faible, seinen Werken immer mit gefühlvollen, fast volkstümlichen Melodien einen bannenden Charakter anzuhaften, beschränkt Ravel sich bei seiner Ballettmusik „Daphnis und Chloë“ ausschließlich auf effektvolle Klangkombinationen um die Personalität der Akteure und die Aura der Handlung zu unterstreichen. Entstanden in der Zeit des totalen Umbruchs der musikalischen Regeln - Debussy, der junge Strawinsky oder Erik Satie waren in Paris bereits etablierte Erneuerer der existenten Regeln - hat Ravel mit der einstündigen Ballettmusik „Daphnis und Chloë“ einen Meilenstein in puncto vielschichtiger Akkordstrukturen und Erneuerung irgendwelcher bewährter Formen gesetzt. Und genau diese Besonderheiten und Spitzfindigkeiten hat Gimeno bei diesem, auf einem Roman des antiken Dichters Longos basierendem, Tongemälde, mit permanent wechselnder Dynamik vorbildlich in Szene gesetzt.

Besonderes Lob gebührt bei dem von der reich bestückten impressionistischen Palette Ravels geprägten Opus hauptsächlich den Holzbläsern, die mit zahlreichen Soloeinsätzen eine primäre Rolle im Gesamtbild spielen. Allen voran die eleganten, virtuosen Flötenpassagen aber auch die elegischen Einwürfe von Klarinette, Oboe und Fagott unterstrichen die poetische Inspiration des mit verführerischem Reiz realisierten Glanzstücks.

Tosender, langanhaltender Beifall bezeugte die euphorische Begeisterung des Publikums für ein hervorragend konzipiertes und interpretiertes Programm als Auftakt oder Premiere einer groß angelegten Tournee, die das OPL zusammen mit der charismatischen Solistin anschließend, neben einem Gastspiel in der Hamburger Elbphilharmonie, unter anderem nach Wien, Griechenland und in die Türkei führen wird.