LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Riccardo Chailly mit der Filarmonica della Scala in der Philharmonie

Obschon bereits jetzt, zu Beginn des Jubiläumsjahres anlässlich seines 250. Geburtsjahres, immer häufiger Stimmen laut werden, die verkünden, Ende des Jahres könne und wolle man sicherlich keinen Beethoven mehr hören, wurden wir am Samstag durch eine unvergleichlich emotionale Interpretation eines der wichtigsten solistischen Werke aus der Musikliteratur, seinem einzigen Violinkonzert, eines besseren belehrt. Wieder einmal konnten Interpreten von Weltruf uns von der überzeitlichen Wirkung und Kraft seines monumentalen Individualismus überzeugen und die frappierende Eindringlichkeit des einsamen Genies bestens in Szene setzen.

Eine seltene Gabe

Auch wenn wir viele gute und ausgezeichnete Einspielungen kennen und virtuose Solisten mit eigenwilligen Interpretationen erlebt haben, Renaud Capuçon, mit seiner früher dem legendären Starviolinisten Isaac Stern gehörenden „Guarnieri“ von anno 1737, stellte alles bisher Gehörte in den Schatten. Er beherrscht die seltene Gabe, den Zauber des Augenblicks so intensiv zu vermitteln und seine Virtuosität äußerst konzentriert aber ungekünstelt zu dosieren, dass das kadenzreiche Meisterwerk durch seine gleich einer Improvisation spontan wirkenden a cappella-Einlagen, die er schwerelos bis in die höchsten Lagen lenkt, wie eine meditative Entspannungsübung wirkt.

Diese Besonderheiten zusammen mit dem sorgfältig gewebten Klangteppich der wunderbar klingenden „Filarmonica della Scala“ bewirkten eine explosive atemlos machende Spannung, die die hochgeschraubten Erwartungen des Publikums noch überschritt.

Das Tänzerische des ersten Teils, das Lyrische im zweiten Satz und das Mächtige im Finale, Maestro Riccardo Chailly verlieh all diesen markanten Elementen ihre eignen Charakterzüge und ließ durch die betörende Ausgewogenheit zwischen Solist und Orchester ein einzigartiges Fluidum entstehen.

Auch der 1874 entstandene aus 15 „Charakterstücken“ bestehende Klavierzyklus des russischen Komponisten Modeste Mussorgskij, der damals durch eine neue, fremdartige Musiksprache oft Unverständnis und Ablehnung hervorrief, hat sich heute, dank der Instrumentierung Maurice Ravels, einen Stammplatz auf den Spielplänen der großen Konzerthäuser gesichert. Seit der Popversion der britischen Band „Emerson, Lake & Palmer“ und zahlreichen Synthesizerbearbeitungen in den 1970er Jahren waren die Melodien auch dem breiten, nicht unbedingt auf klassische sinfonische Musik orientiertem, Publikum zugänglich. Chailly vermochte mit exemplarischer Selbstbeherrschung und konzentrierter Führungsrolle die betörende Aura der originellen Klangbilder so ausdrucksvoll umzusetzen, dass die harmonischen Entdeckungen, die immer neuen Situationen und das vielschichtige, kontrastreiche Konstruktionsschema für bestes Kino im Kopf sorgten.

Die Klangvollkommenheit des kraftvoll agierenden Mailänder Orchesters, das schon bei Beethoven durch sein einzigartiges Kolorit becircte, erreichte bei den immer neuen Situationen des musikalischen Kunstwerks eine pausenlose Euphorie, die besonders durch die bis ins letzte und kleinste Detail aus- und eingearbeitete Klanggestaltung, weitere Höhepunkte bescherte. Besonders die Balance zwischen den herrlich klingenden doppelbesetzten Bläsersektionen, dem kompakten Streicherkollektiv und dem reichhaltigen Schlagwerkarsenal, die wie in bester Studioqualität eingepegelt war, konnte die farbenreichen Stimmungen des Paradestücks hervorheben und den impressionistischen Einfallsreichtum des Arrangeurs beleuchten.

Auch wenn laut „Reclams Klaviermusik-Führer“ Ravels Instrumentierung nicht befriedigend sein soll, erlebten wir ein hochkarätiges musikalisches Schauspiel mit brillanten Soundeffekten. Die Meinung des Klaviermusikexperten ist wahrscheinlich nur für Pianisten gedacht.