LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Für Flavio Giannotte ist der Degen mehr als nur ein Sportgerät

Flavio Giannotte ist die große Hoffnung der Luxemburger im Fechtsport. Seit er den Olympiagewinner Park geschlagen hat, ist er in der Weltrangliste von Platz 127 auf Platz 80 gesprungen. Umso größer war die Enttäuschung des 22-Jährigen, als er Ende August Taipeh geschlagen verließ. Wie er überhaupt zum Fechten kam und was er noch plant, erzählt der Mann, der 2016 schon als „Sportler des Jahres“ nominiert war, hier.

Wie bist Du zu Fechten gekommen?

Flavio Giannotte Ich glaube, ich war sieben oder acht Jahre alt. Wir Kinder haben Verstecken gespielt und ich bin in den Keller gegangen. Dort lag in einer Ecke eine Fechttasche. Ich war sofort begeistert. Während die anderen mich suchten, probierte ich die Maske und den Degen aus. Es war faszinierend! Meine Familie war allerdings nicht einverstanden, ich musste noch warten, bis ich neun Jahre alt war, dann ging es los.

Erinnerst Du Dich noch an Deine erste Stunde?

Giannotte Nein, aber mein Trainer! Ihm war klar, dass ich ein guter Fechter werden würde, weil ich ein so schlechter Verlierer war (lacht) und weil ich gute Reflexe hatte. Aber ich weiß noch, wie sehr ich versucht habe, meine Eltern zu motivieren. Eigentlich hätten sie gleich ja sagen sollen. Mein Großvater hat schließlich nicht nur gefochten, sondern war auch Schiedsrichter. Und meine Mutter und mein Onkel haben ebenfalls gefochten. Als ich dann fechten durfte, mussten mich meine Eltern viel herum fahren, immer von Differdingen in die Stadt. Daneben bin ich damals auch noch geschwommen und geritten, habe Tennis gespielt und Leichtathletik gemacht...

Warum hast Du Dich dann fürs Fechten entschieden?

Giannotte Als ich zwölf war, waren wir ein Wochenende in Paris zu einem Turnier. Dort waren die Gegner gut, ich war das erste Mal allein mit dem Team unterwegs, ohne Eltern. Noch jetzt habe ich Gänsehaut, wenn ich daran denke. Als ich 14 war, wollte ich den World Cup mitmachen, aber das ging nicht. Dafür durfte ich zu den Europameisterschaften in Athen. Dort war mein Großvater mit, den wirklich alle kannten. Ich habe die Fahne für Luxemburg getragen und war stolz - aber ich wollte mehr. Ab da habe ich zwei Mal täglich trainiert. Die Schule litt allerdings darunter. Meine Lehrer tun mir heute leid. Ich erhielt viele Strafen…

Das Training mit Maske und Kabel scheint nicht gerade angenehm zu sein…

Giannotte Die meisten Anfänger finden das lästig. Es ist heiß, die Körpertemperatur steigt - aber man gewöhnt sich daran. Es ist fast wie Tauchen ohne Sauerstoffgerät. Andererseits ermöglicht die Maske einem, seine Persönlichkeit auszuleben. Niemand kann sehen, was dahinter vor sich geht. Manchmal sind Menschen, die sonst sehr schüchtern sind, angriffslustige Fechter.
Du bist Luxemburger, trainierst aber in Reims - warum?

Giannotte Ich habe während der Jugendnationalmannschaft viel gegen Franzosen gespielt. Während der Europameisterschaft habe ich mich mit dem französischen Trainer sehr gut verstanden. Er hat mich dort hineingelassen. Das ist ein großes Glück, weil das Niveau sehr hoch ist. Ich bin dort seit zwei Jahren, muss aber leider im kommenden Jahr gehen, weil ich dann meinen Bachelor habe.

Wie sieht Dein Tagesablauf aus?

Giannotte Um 7.00 Aufstehen, Schule von 8.00 - 10.00 oder Training, dann Schule von 10.00 - 16.00 mit einer Pause. Ab 17.00 bis 19.30 Training, dann noch eine halbe Stunde oder eine Stunde Einzeltraining. Am Wochenende trainiere ich auch. Fechten ist eine kleine Welt, auf den Wettkämpfen trifft man immer die gleichen Leute. Wir Luxemburger treten oft mit Belgien an, es ist wie eine Familie. Früher wurde Luxemburg belächelt, aber das hat sich jetzt geändert; auch durch meine Resultate.

Was willst Du beruflich machen?

Giannotte Nach Mailand gehen, um dort als Sportler der Armee mit der italienischen Nationalmannschaft trainieren zu können. Das ist sprachlich kein Problem, denn obwohl ich hier geboren bin, spreche ich Italienisch. Mein Studium werde ich auch beenden, aber eventuell als Fernstudiengang.

Was ist Fechten für Dich?

Giannotte Mein Leben! Handeln, Denken, Entscheidungen - es beeinflusst einfach alles und ist viel mehr als nur ein Sport oder Anerkennung. Für mein Umfeld, besonders für meine Freundin, ist das nicht immer einfach, weil ich immer nur vom Fechten rede. Vielleicht bin ich auch manchmal ein bisschen arrogant -aber auch das braucht man zum Fechten…

Wie finanzierst Du Deine Leidenschaft?

Giannotte Die „Banque de Luxembourg Investments“ sponsert mich - zum Glück! Sonst könnte ich weder so intensiv noch unter so guten Bedingungen trainieren. Ich hoffe, dass das eine lange Zusammenarbeit bleibt. Ohne die Sponsoren hätte ich nicht solche Resultate erzielen können, wie die Nummer zwei der Weltrangliste zu besiegen. Es wäre toll, wenn ich noch jemanden finden könnte…

In Taipeh lief es nicht so gut…

Giannotte Ja, ich war sehr enttäuscht, dass ich so weit unter meinen Möglichkeiten geblieben bin. Der Druck war nach dem Sieg gegen Park hoch, damit bin ich nicht so gut zurechtgekommen. Jetzt beginnt eine neue Saison - und dann setzte ich natürlich auf Hoffnungen auf Olympia 2020!