LUXEMBURG
CLAUDE KARGER

Was macht eigentlich ein „Ingénieur-conseil“? Und welche Chancen bietet der Beruf? - Antworten von Marc Feider, Präsident der Vereinigung der beratenden Ingenieure

Rund 240 „Bureaux d’ingénieurs conseils“ arbeiten in Luxemburg, 535 beratende Ingenieure sind beim „Ordre des Architectes et Ingénieurs-Conseils“ eingetragen. Während sich jeder den Architektenberuf vorstellen kann, erschließt sich den wenigsten, was beratende Ingenieure so machen. Ein Gespräch mit Marc Feider, beratender Ingenieur und Vizepräsident des „Ordre des Architectes et Ingénieurs-Conseils“ über die Bedeutung seines Berufs, die Sorgen um den Nachwuchs und administrative Hürden.

Herr Feider, sie sind seit fast 30 Jahren „ingénieur-conseil“. Was machen Sie genau?

Marc Feider Der Architekt Walter Gropius behauptete, dass Architektur da beginnt, wo das Ingenieurswesen aufhört. Ein beratender Ingenieur plant und berechnet alles, was Voraussetzung ist, um ein Bauwerk zu verwirklichen, von den Zufahrtswegen den Trink- und Abwasserkanälen, der Tragwerksplanung bis zur Gebäudetechnik, kümmert sich um den Respekt der Normen und um den Erhalt der Genehmigungen. Es ist ein Beruf in den Kulissen, der nach Außen hin wenig bekannt ist, mit dem aber die meisten Bürger im Alltag zu tun haben.

Welche Ausbildung und welche Eigenschaften braucht man, um einen solchen Beruf anzupeilen?

Feider Man muss schon ein gewisses Interesse für Mathematik und Physik mitbringen. Das ist gewissermaßen die Sprache der Ingenieure. Außerdem braucht man ordentlich Teamgeist. Man muss wissen: man schafft kein Projekt alleine, sondern immer nur im Zusammenspiel mit anderen Profis, vom Architekten bis zum Arbeiter. Es ist also ein Beruf, bei dem es täglich sehr viel Austausch mit anderen Berufen gibt. Dass man dabei flexibel sein muss, versteht sich von selbst.

Inwieweit hat die Digitalisierung den Beruf verändert?

Feider Als ich vor knapp 30 Jahren als „ingénieur-conseil“ begonnen habe, gab es noch eine Abteilung, in der technische Zeichner in weißen Kitteln Baupläne manuell aufs Kalkpapier gebracht haben. Heute spielt sich das alles auf einem Computer ab. Effiziente Software erlaubt, alle möglichen Berechnungen schnell durchzuführen und sogar Simulationen von Bauprojekten zu erstellen. Heute muss man also schon eine gewisse Affinität für diese digitalen Hilfsmittel haben, die sich ständig weiterentwickeln. Um mit dieser Entwicklung, aber auch mit den Baunormen und den sich ändernden Gesetzeslagen Schritt halten zu können, ist die Weiterbildung ganz zentral im Berufsleben eines beratenden Ingenieurs. Das OAI und seine Partner haben in diesem Sinne ein bedeutendes Weiterbildungsangebot aufgebaut.

Und wie sieht es mit der Grundausbildung aus?

Feider Natürlich sind wir auch hier intensiv involviert und werden beratend für den Aufbau von Ausbildungen hinzugezogen. Mittlerweile gibt es mehrere BTS-Studiengänge für Bauberufe. Die Universität Luxemburg bietet ein Ingenieurs-Bachelor an und einen „Master of Science“, an denen wir auch beteiligt waren. Wir verfolgen natürlich genau, was sich im Ausland tut und halten auch regen Kontakt mit den Ingenieursstudenten.

A propos: Wie steht es um den Nachwuchs?

Feider Leider haben alle Ingenieursberufe Probleme damit. Überhaupt begeistern sich immer weniger junge Leute für Mathe, Physik und andere Naturwissenschaften. Das ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, denn schließlich brauchen wir immer mehr gut ausgebildete Profis um den immer komplexeren Herausforderungen in einer immer komplexeren Welt gerecht zu werden. Wir versuchen demnach als Berufsvereinigung, gemeinsam mit anderen Ingenieursorganisationen in den Schulen, an den Unis, bei Studentenmessen usw. für unsere Berufe zu werben und nehmen in unseren Betrieben viele Praktikanten auf, und sei es nur für ein „Schnupperpraktikum“ von einigen Tagen. Wir werden bald eine neue Kampagne in diesem Sinne starten und möchten beim „Ordre“ auch eine spezielle Sektion mit jungen Kollegen gründen.

Das ist freilich eine langwierige Arbeit. Wenn Sie nun fertig ausgebildete Profis brauchen, wo nehmen Sie die her?

Feider Früher fand man die benötigten Profile relativ schnell in der Großregion. Heute müssen wir schon in ganz Europa suchen und darüber hinaus. Dabei haben wir auch einen gewichtigen Konkurrenten: Den Staat und die Verwaltungen. Auch Sie suchen nach Ingenieuren und können meist umfänglichere Garantien bieten als Privatunternehmen.

Letztere leiden aber nicht unter fehlenden Aufträgen, oder?

Feider Das stimmt. Die Infrastrukturentwicklung in Luxemburg war über die letzten Jahrzehnte einfach phänomenal. Selbst in Krisenjahren wie nach dem Finanzcrash von 2008 wurde sie kaum gebremst. Unser Beruf bietet also sehr gute Perspektiven.

Das OAI hat schon mehrmals die wachsende administrative Last bei Bauvorhaben beklagt. Wie groß ist das Problem?

Feider Dass es immer mehr Auflagen gibt, die Projekte immer komplexer werden und die Kunden die Latte immer höher legen, sind Konstanten, mit denen man klarkommen muss. Inakzeptabel ist, wenn mangelnde Präzision in Gesetztexten, die unterschiedliche Interpretationen und vielleicht sogar Gerichtsverfahren nach sich zieht, Projekte blockiert. Das kostet viel Zeit, Energie und Geld und beschädigt oft auch das Vertrauen zwischen den beteiligten Parteien. Das OAI plädiert seit langem für einen „Code de la construction“, der alle Bestimmungen im Bauwesen zusammenführt und gewichtet , damit alle Interessierten den bestmöglichen Überblick darüber haben, was zu tun ist. Auch wenn die Politik Verständnis für unser Anliegen ausdrückt: angekommen sind wir in dieser Sache noch nicht.

Noch einmal zurück zur Branche der „Ingénieurs-conseil“. Es gibt in Luxemburg nur einige Schwer-gewichte...

Feider Ja, es gibt einige große Ingenieurbüros, die mit der Zeit gewachsen sind und denen man bei den meisten Großprojekten immer wieder begegnet. Die überwiegende Zahl der „Ingénieurs-conseils“-Betriebe sind in der Tat kleinere Strukturen, die sich meist auf spezifische Leistungen spezialisiert haben. Oft sind es sogar Ein-Mann-Unternehmen. An dieser Stelle sei angemerkt, dass der „Ingénieur-conseil“ ein liberaler Beruf ist, der eine spezifische Niederlassungsgenehmigung benötigt. Die Expertise der spezialisierten Ingenieurbüros wird regelmäßig von Bauherren oder größeren Ingenieur- oder Architektenbüros hinzugezogen. Viele arbeiten schon sehr lange in vollem Vertrauen zusammen. Vertrauen ist in unserem Beruf ungemein wichtig. Fehler, die bei Bauwerken oft erst nach Jahren hervortreten, können wir uns deshalb nicht leisten.