NIC. DICKEN

Es ist schon eine komische, eher beklemmende Atmosphäre, in der dieses Jahr der traditionelle Nationalfeiertag stattfinden wird. Die Einschränkungen aufgrund der Corona-Pandemie, mit denen wir auf Geheiß von Regierung und Parlament seit mehr als drei Monaten leben müssen, hängen mittlerweile den meisten zum Hals heraus, weil sie mit fortdauernder Zeit immer mehr als ungebührliche Beschneidung unserer
Freiheit empfunden werden, die wir in den letzten Jahrzehnten zunehmend als grenzenlos empfunden haben. Im Bestreben, die Menschen, allen voran die so genannten „Anfälligen“, Ältere und Leute mit ernsten Vorerkrankungen, vor einer möglicherweise tödlichen Infizierung zu schützen, gelten, einzelnen Lockerungen für Schulen, Versammlungen und Geschäfte zum Trotz, weiterhin wesentliche Vorschriften für Menschenansammlungen, für soziale Distanz und das Tragen von Schutzmasken.

Die neu gewonnene, teilweise Freiheit wird zwar von vielen als unzureichend bemängelt, sollte uns andererseits aber auch mahnen, mit der Freiheit, die ja auch die der Anfälligen ist, möglichst umsichtig und verantwortlich umzugehen. Nicht nur den besonders freiheitsliebenden Menschen tun die Einschränkungen der vergangenen Monate weh, jeder fühlt sich in seinen Lebensgewohnheiten, zu denen ja insbesondere auch gemeinsame Treffen, Gespräche, Feiern und Veranstaltungen aller Art gehören, eingeschränkt. Die weitgehende Disziplin der vergangenen Wochen und Monate, die eine deutliche Eindämmung der Infektionszahl bewirkt hat, sollte als Erfolg für die verordneten Beschränkungsmaßnahmen angesehen werden und zu weiterer Vorsicht anhalten. Die Zeugnisse von Menschen, die vom Coronavirus befallen waren und über den Verlauf der – für sie – nicht tödlichen Erkrankung berichten, sollte als Mahnung verstanden werden, jegliches Risiko für diese schmerzhafte Erfahrung einzuschränken. Die Zeit, und damit die Geduld, spielen dabei eine wesentliche Rolle, auch wenn Geduld nicht unbedingt zu den Prioritäten unserer schnelllebigen Zeit gerechnet werden kann.

Andererseits ist die Vermutung, die Infektionsgefahr würde als Mittel zu einer dauerhaften Einschränkung unserer grundsätzlichen Freiheiten missbraucht, eine billige Unterstellung, mit der allenfalls Populisten ernsthaft glauben können zu punkten. Mit der Initiative zu flächendeckenden Tests hat sich die Regierung in Luxemburg für eine genau so offene wie offensive Strategie entschieden, die über die Landesgrenzen hinaus Beachtung findet. Andererseits aber ist der Schutz in Luxemburg selbst nur das wert, was er außerhalb unserer engen Landesgrenzen wert ist, außer wir igeln uns vollständig ein, was ja auch keiner wünschen kann.

Die Shopping-Tour im nahen Ausland am Nationalfeiertag ist niemandem verboten, muss aber auch nicht als Pflichtprogramm angesehen werden, zumal Luxemburg vielen Menschen im Lande noch eine Menge weiße Flecken auf der Landkarte bereithält. Vielleicht könnte man den 23. Juni ja mal zu einer Entdeckungstour nutzen.