Ein Jahr ist es her, dass die blutigen Aufstände auf dem Maidan von den schwer bewaffneten Sondereinheiten der Berkut zusammengeschossen wurden und über hundert Menschen starben. Was im November 2013 begonnen hatte, weil der russlandhörige Präsident Viktor Janokowitsch ein Assoziierungsabkommen mit der EU nicht unterschreiben wollte, wurde in jenen Februartagen 2014 mehr als ein Volksaufstand. Es wurde ein Bürgerkrieg.

Vor einem Jahr kostete dieser Janokowitsch seinen Posten. Hunderttausende gingen auf die Straßen, träumten von Freiheit, von Selbstbestimmung, von einem Ende der Korruption. Sie hatten die orangene Revolution hinter sich und ihre Zukunft vor sich. Doch sie wurden bitter enttäuscht.

Eine Revolution, zwei Wahlen und einen Krieg später ist die Ukraine ein geteiltes Land. Die EU wagt nicht, sich mit Russland anzulegen, das sich seine Wahrheit täglich selbst erfindet. Die Krim annektieren? Naja, kein Problem, da war ja mal was in der Geschichte. Die Ukraine mit Waffen beliefern? Natürlich würdet ihr das nie machen, Brüderchen Putin. Waffenstillstand Minsk II brechen? Nun ja, wir sehen ein, dass ihr erst noch einen strategisch wichtigen Stützpunkt erobern musstet. Und auch, wenn Minsk II tot ist, glauben wir es nicht.

So muss den Ukrainern die EU vorkommen, wie eine Vision der Wirklichkeit: Schön, strahlend und alles andere als real. Ein feiger Held, der nicht zur Rettung erscheint.

Die Wirklichkeit in der Ukraine, das ist Krieg, 4.300 Tote, eine korrupte Wirtschaft und eine von Russlandtreuen unterlaufene Verwaltung. Natürlich haben auch die Verhandlungspartner der EU auf ukrainischer Seite ein Geschmäckle. Petro Poroschenko beispielsweise. Denn der wegen seiner Süßwarenfabriken als „Schokoladenkönig“ bekannte Oligarch hatte Janokowitsch auch als Außenminister gedient.

Als dieser jedoch lieber seine Familie als die Regierungsfreunde mit Gaben bedachte, wechselte Poroschenko die Seiten. Er ließ über seinen Fernsehsender TV 5 die Geschehnisse auf dem Maidan übertragen und wurde zum Präsidenten gewählt.

So sehr er sich auch Mühe gibt, so wenig scheint Poroschenko das gewünschte Land zu verkörpern. Die Ukrainer wollen einen Neubeginn; ohne Korruption und alte Strukturen. Dafür gibt es im Parlament schon positive Anzeichen. Eine neue Regierung mit unbelasteten Aktivisten beginnt dort pünktlich zum Jahrestag mit der Arbeit.

Dennoch braucht die Ukraine Hilfe; vor allem von der EU. Sie ist in einem ähnlichen Stellvertreterkrieg gefangen wie seinerzeit die DDR. Wo bleiben die Rosinenbomber, Städtepartnerschaften, Hilfsabkommen auf allen Ebenen? Jetzt, wo Polen und die EU Angst vor einem neuen Welt- oder zumindest Europakrieg haben, helfen nur kleine Schritte. Minsk ist nicht sehr weit, da geht mit etwas gutem Willen viel.

Auf internationaler Ebene aber wäre es Zeit Putin und Obama klarzumachen, dass die Bedrohung heute vielmehr in einem Terrorismus liegt, der den Islam als philosophisches Schutzmäntelchen nutzt als in einem Verlangen nach Freiheit und Selbstbestimmung.