LUXEMBURG
SIMONE MOLITOR

„Liebe Jett“ ist ein einzigartiges und ergreifendes Zeugnis des Zweiten Weltkriegs

Eine dunkle Epoche durch die Augen eines Betroffenen: Noch authentischer, spürbarer und ergreifender geht es nicht. Mit „Liebe Jett - Feldpost eines Luxemburger Zwangsrekrutierten“ liegt nun ein Werk vor, das den Menschen hinter dem Soldaten zeigt, dem Zweiten Weltkrieg ein menschliches Gesicht gibt. Es ist kein weiteres historisches Buch, das diese schreckliche Zeit zu erklären versucht, Fakten auflistet und mit dem Finger auf ein Volk zeigt, nein, es stellt ein junges Paar - Lou und Jett Everling - in den Mittelpunkt, einfache Leute, Eltern eines Kleinkindes, auseinander gerissen durch den Krieg und doch meist voller Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen. Die Geschichte einer Liebe.

Weder Literat, noch Historiker greifen ein, es sind die Briefe zwischen den zwei „Protagonisten“, die dieses Buch ausmachen, unverfälscht, authentisch, mal brutal, mal zum Schmunzeln. Einzig kleine informative Kästchen tauchen hier und da auf, dies zum besseren Verständnis.

400 handgeschriebene Zeugnisse

Auf dem Buchcover steht der Name Nico Everling, in gewisser Weise der Autor und doch wieder nicht. Ihm haben wir dieses schöne, tragische Werk zu verdanken. Er hat die weit über 400 handgeschriebenen Zeugnisse seines Vaters die ganzen Jahre über aufbewahrt. Viele Auszüge haben Platz in dem 230 Seiten starken in Zusammenarbeit mit dem „Centre de documentation et de recherche sur l’enrôlement forcé“ entstandene Buch (Editions Saint Paul) gefunden.

„Nicky“ war gerade ein Jahr alt, als sein 19-jähriger Vater zum Reichsarbeitsdienst eingezogen, sechs Monate später in die deutsche Wehrmacht rekrutiert und schließlich an die Ostfront abkommandiert wurde. Sehnsucht und Heimweh machen stets den Ton der Briefe aus. Auch Eifersucht und die Angst, Jett könnte sich anderwärtig umschauen, spielen mit. Mehr als einmal muss man schmunzeln und erkennt, wie sich die Zeiten mittlerweile geändert haben, so schreibt Lou am 21. August 1942: „(…) Du ziehst keine kleinen Strümpfe an, nur lange Strümpfe, du hast ja seidene. Bring mir zu liebe dieses kleine Opfer. Ich mag es nicht, dass du mit nackten Beinen umher läufst, wenn ich nicht da bin (…)“.

Wechselbad der Gefühle

Als der junge Mann Ende Oktober nach Dänemark abkommandiert wird, verlässt ihn der Mut, und mehr als einmal schreibt er: „Ich habe so die Flemm“. Immer wieder ermutigt ihn seine Frau, so schreibt sie ihm am 24. Dezember 1942: „Lieber Lou, wenn du wieder hier bist, dann ist/wird alles gut. In meinem Lebtag würde ich keinen anderen Mann mehr nehmen (...)“. Den Humor verliert Lou aber nicht. Dann sieht man, dass die Hoffnung noch nicht komplett verblasst ist: „Dass du mir eine Weihnachtskarte geschickt hast mit einem kleinen Baby drauf, daraus werde ich nicht richtig klug. Na warte, wenn ich nach Hause kann, dann wirst du so ein kleines Mädchen fabriziert bekommen“ (25. Dezember 1942).

Auch der kleine Nicky spielt in der Feldpost natürlich eine große Rolle. Am 13. Januar 1943 schreibt Jett: „Wenn der Kleine eine Uniform sieht, dann schreit er E…seid, E…seid. Damit will er sagen ‚Houere Preiß‘. Er hört das bei uns! Gott sei Dank verstanden sie ihn nicht, und sagten, er sei ein liebes blondes Kerlchen. Ich schwitzte Blut. Jetzt ruft er auch noch jedem ‚Peis, Peis‘ nach…“.

Unverblümte Wahrheit

Einblicke in die Grausamkeiten des Kriegs sind selten, wohl auch weil Lou seine Frau nicht beunruhigen will. Und doch sagt er mehr als einmal, wie sinnlos er diesen Krieg findet: „Ich bin ziemlich mutlos, so ein Elend und Morden, hab ich mir nicht gedacht, das kann kein Mensch sich vorstellen.“ (5. März 1943, Sawogad). Wenige Tage später beschreibt er den Kriegsalltag an der Front unverblümt: „(…) abends hat man noch mit einem Kameraden im Bunker eine geraucht, u. morgens ist er tot, getroffen von einer Kugel u. von einem Splitter zerrissen. Das ist bitter, stumm dreht man sich um, u. schaut verbittert zu den Russen, so tiefe Falten bekommt man auf die Stirn u. um den Mund, das sind die Spuren dieses Kampfes u. die sich nie mehr wegwischen lassen“.

Die Liebe zu seiner Frau und vor allem ihre Briefe geben ihm aber immer wieder Kraft, so schreibt er am 7. August 1943: „Dieses gegenseitige sich abschlachten bin ich so satt. (…) der schönste Augenblick ist immer wenn Post kommt, ein Brief von dir oder ein Päckchen, dann weiß ich, daß zu Hause eine Frau auf mich wartet, die mich wirklich liebt und das läßt mich dieses unruhige Leben aushalten.“

Rückkehr am 31. Juli 1945

In der Nacht zum 17. September 1943 wird Lou schwer verwundet: „Linker Arm zerschmettert, wird mein Leben lang steif bleiben, beide Beine große Wunden, Rücken aufgerissen.“ Am 31. Juli 1945 kehrt er schließlich nach Hause zurück. Nicky erkannte ihn nicht.

Am 15. März 1990 verstarb Lou Everling, zuvor bat er seinen Sohn mehrfach: „Geschwënn ass kee méi vun eis do, dir musst dofir suergen, datt mir net vergiess ginn!“. Sein Sohn hat sich dies zu Herzen genommen. Und wir sollten ihm dafür sehr dankbar sein. Dieses Buch gehört zweifelsohne in die Schulbibliotheken.

„Liebe Jett - Feldpost eines Luxemburger Zwangsrekrutierten“, Editions Saint Paul, 38 Euro