LUXEMBURGCLAUDE MULLER

Joao Barradas Trio feat. Greg Osby in der Philharmonie

Eine lange oder besser umfangreiche Präsenz des Akkordeons im Jazz ist nahezu inexistent. Sieht man von den eher salonjazzmäßigen Essays des amerikanischen Bennie Goodman-Fans Art Van Damme ab, ist in der hundertjährigen Jazzgeschichte nichts Erwähnenswertes das Akkordeon betreffend zu finden. Erst mit dem Erscheinen des von Astor Piazzola inspirierten französischen Akkordeonisten und Bandoneonspielers Richard Galliano auf der nationalen Szene und seiner Zusammenarbeit mit international bekannten Jazzgrößen, fasste das Akkordeon Fuß in der grenzenlosen Welt des Jazz. Jetzt im zweiten Jahrhundert der Jazzgeschichte scheint dieses bis dahin marginal eingesetzte Instrument definitiv seinen Weg in das Jazzuniversum gefunden zu haben. Nach dem Italiener Luciano Biondini und dem Starakkordeonisten der aktuellen französischen Szene Vincent Peirani, der mit dem Sopransaxofonisten Emile Parisien weltweite Erfolge feiert und unzählige Preise einheimste, hat nun auch Portugal einen wahren Meister dieses lange verkannten Soloinstruments im Jazz vorzuzeigen.

Ein musikalisches Chamäleon

Parallelen zu dem gefeierten Zweiergespann aus dem Hexagon liefert der portugiesische Tastenvirtuose, der zusammen mit dem amerikanischen Altsaxofonisten Greg Osby ein ebenbürtiges Tandem bildet, eigentlich nicht. Von den filigranen, kammermusikalischen Phrasen und der an moderne E-Musik angelehnte Konstruktion der Interpretationen des Zweiergespanns Peirani/Parisien ist hier nichts zu spüren. Barradas und Osby bieten eine eher urige, spontane Inszenierung einer Fusion verschiedener Kulturen, die sie vorbildlich mit feinstem musikalischen Gespür und überlegter Annäherung zum beliebten Trend der Worldmusic umsetzen, eine Richtung, die wir im letzten Jahrzehnt in unseren diversen Konzertsälen in ihren mannigfaltigen Varianten kennen gelernt haben. Dennoch fallen einige Gemeinsamkeiten der beiden Formationen, wie die technische Brillanz der Solisten oder die Einbeziehung folkloristischer Elemente, ins Gewicht.

Osby, der Allroundman der aktuellen Jazzstilistik, der in den Anfangszeiten seiner Karriere oft der einzige Jazzer der jeweiligen Bands war, betörte bereits bei der ersten, dem Vater des Leaders und Komponisten gewidmeten Komposition, durch seine fließenden, markanten Melodielinien, die im Wechsel mit der komplexen Akkordkonturierung Barradas‘ wie ein spiritueller Akt anmuteten. Der 58jährige Solist entpuppte sich im Laufe der Soiree als wahres musikalisches Chamäleon, dessen Erfahrungen in den unterschiedlichsten Bereichen seinem Spiel eine persönliche, unverwechselbare Mixtur an stilistischer Diversität entlockten. Auftritte mit dem Brooklyn Philharmonic Orchestra, Free Jazz-Exkursionen mit Pharoah Sanders, Fusionerfahrung mit Pat Metheny, experimentelle Klänge mit Bobby McFerrin oder mit dem vor wenigen Tagen verstorbenen Hamiet Bluiet im „World Saxophon Quartet“ standen im Laufe seiner fruchtbaren Tätigkeit als „Sideman“ an der Tagesordnung. In Luxemburg haben wir den Solisten noch in bester Erinnerung von seinem Auftritt mit den Franco Ambrosetti Allstars beim Düdelinger Festival „Like A Jazz Machine“ von 2015. Barrados am diatonischen Akkordeon bestach von Anfang an durch seine intensiven Klangmalereien, die seinem Instrument sowohl die hymnischen Akkorde einer Kirchenorgel wie den verführerischen Sound der Cluster einer Hammond entlockten. Im Wechsel mit Osbys langen kadenzartigen Soli, dem raschen Wechsel der sonoren Register und seinen einfallsreichen, erzählerischen Improvisationen gelang ihm mit seiner äußerst konzentriert agierenden Band eine einfallsreiche musikalische Achterbahnfahrt zu gestalten. Eine Musik ohne Hindernisse, deren Orientierungs- und Schwerpunkt hauptsächlich in der Gestaltung raffinierter Konstellationen der europäisch-klassischen Tradition mit bestens dosierten Bausteinen von wandlungsfähigen Elementen aus der Praxis der gängigen Weltmusik. Die exemplarisch eingebauten Muster melodisch-rhythmischer Dynamik, die zeitweise atemlos machte und unaufhörlich voran trieb, ließ das zahlreich erschienene Publikum in den Genuss eines exklusiven Hörerlebnisses der Extraklasse kommen.

Schlagzeugerin gibt besonderen Touch

Einen besonderen Touch verlieh die ungezwungen und meistens frei spielende Schlagzeugerin Naima Acuna den originellen Arrangements mit ihren effektvollen Free Funk-Effekten. Luca Alemanno am Kontrabass bot eine solide Basis, die durch sorgsam ausgewählte, sparsam intonierte, aber harmonisch und rhythmisch bestens organisierte, ansprechende Melodielinien eine unwiderstehliche anziehende Spannung erzeugten. Hier war weniger mehr.

„This isn’t music for everyone. It’s for anyone“ lautet demnach der oft zitierte Wahlspruch des Altsaxofonisten und Gastsolisten Greg Osby, der durch seine Präsenz dem farbigen Akt die berühmte Krone aufsetzte. Leider ließ sich das restlos überzeugende und vielapplaudierte Quartett nach dem nur rund 75minütigen Set nicht zu einer Zugabe bewegen.