LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Grandios: Lisa Batiashvili und das „Orchestra di Santa Cecilia“ in der Philharmonie

Wenn es auch nicht so bekannt ist wie ebenbürtige europäische Ensembles, so blickt das „Orchestra dell’Academia Nazionale di Santa Cecilia“ doch auf eine traditionsreiche Vergangenheit mit zahlreichen Höhepunkten musikalischer und historischer Art zurück. Mit einem Programm wie von einem anspruchsvollen Wunschzettel präsentierte sich das römische Aushängeschild für klangvolle Leckerbissen in bester Form am Montag im großen Auditorium der Philharmonie. Mit Modest Mussorgskis „Eine Nacht auf dem kahlen Berge“, seine bekannteste Komposition neben dem von Maurice Ravel instrumentiertem Klavierzyklus „Bilder einer Ausstellung“, begann ein Konzert, das schon allein wegen der kontrastreichen Programmgestaltung auf großes Interesse bei Liebhabern der postromantischen Ära des sinfonischen Repertoires stoßen musste. Das einzige vollendete großorchestrale Werk des russischen revolutionären Tonkünstlers gilt als richtungsweisendes Vorzeigewerk der später sehr beliebten Programmmusik. Und eben dieses charakteristische Merkmal der sinfonischen Dichtung unterstrich das Orchester mit einem ausgeprägten Sinn für die damals neuartige, revolutionäre Distanz zu den westlichen Leitbildern dieser Epoche.

Feuerwerk von virtuosen und gemütvollen Passagen

Eine spannende Herausforderung für die Interpreten ist allemal das 1. Violinkonzert des ungarischen Komponisten Bela Bartok, mit dem die norwegische Violinistin Vilde Frang, begleitet vom OPL bereits im November vergangenen Jahres äußerst eindrucksvoll brillierte. Bei diesem hochkonzentrierten Feuerwerk von virtuosen und gemütvollen Passagen, das gleich mit einem a cappella Einstieg der Geige beginnt und sich mit filigranen Streicherklängen in Kammermusikform zu einer kraftvollen, kompakten Harmoniekonstruktion entwickelt, kann man schon nach wenigen Takten die besonderen Merkmale der musikalischen Kommunikation erkennen oder der Gesamtkonzeption eventuelle Schwächen zuordnen. Der ausschlaggebende Einstieg der betont klar, elegisch und beherrscht virtuos spielenden Solistin mit dem berühmten Arpeggio mit erweiterter Septime, zu dem sich fast unmerklich nach und nach die ganze Streichersektion gesellt, entwickelte sich dank der bescheidenen aber intensiven Stabführung des beeindruckenden Orchesterchefs Sir Antonio Pappano schon nach wenigen Minuten zu einer spannungsgeladenen Aktion mit unvergleichlichen Höhepunkten.

Lisa Batiashvili bewältigte die klanglichen Liebesbetörungen, die Bartok 1908 für eine verschmähte Liebe schrieb, mit einmaliger Hingabe „ohne billige Sensibilität“ wie Daniel Barenboim das Spiel der Solistin treffend beschrieb. Mit graziöser Leichtigkeit unterstrich sie die schwärmerisch reizvollen Miniaturen alternierend mit dem klanglich kurvenreichen Akkordgerüst des gewaltigen Klangkörpers des Orchesters, entlockte ihrer „Guarneri“ aus dem Jahre 1739 Klangfarben, die sowohl die verführerische Sinnlichkeit der neoklassizistischen Töne im ersten Teil wie die zornigen Gefühlsausbrüche im Finale des zweisätzigen Concertos voll zur Geltung brachten.

Wunderbare Stimmungsbilder

Nicht nur ein Festival der Klangfarben, sondern auch ein Panoptikum wichtiger Beispiele der Verarbeitung nationaler, populärer Musik in großorchestralen, sinfonischen Werken waren an diesem Abend angesagt.

Mit Nikolaï Rimski-Korsakovs melodienreicher „Scheherazade“, in der nicht nur die bezaubernden Violinsoli des Konzertmeisters Carlo Maria Parazzoli eine wichtige Rolle spielten, sondern die ersten Pulte sämtlicher Bläsereinheiten mit wunderbaren Stimmungsbildern aufwarteten, lieferte das überzeugende Ensemble eine grandiose Interpretation des Mammutwerks. Den farbenreichen Dialog mit den Tuttis setzte Maestro Pappano mit allen möglichen dynamischen Finessen meisterhaft in Szene und unterstrich permanent die sich gegenüberstehende fesselnde Dramatik und die intimen klangmalerischen Skizzen des orientalischen geheimnisumwitterten Ambiente, das uns in die wundersame Welt des klingenden Märchens aus „Tausend und eine Nacht“ entführte. Wer die Geschichte kennt, weiß von der bedrohlichen Tragik und dem gespannten Ablauf des Geschehens.

Eine wunderbare Soiree, bei der man gerne auf die scharfe, oft sterile, Präzisionsarbeit ebenbürtiger Orchester zugunsten des strahlenden ungekünstelt wirkenden Orchesterklangs des römischen „Orchestra di Santa Cecilia“ verzichtet. Vorbildlich ergänzend waren die besänftigenden Zugaben, das berühmte Adagio aus Dvoraks 9. Sinfonie (Aus der Neuen Welt) mit Lisa Batiashvili an der Sologeige sowie die eher unbekannte Komposition „Seufzer“ für Harfe und Streichorchester von Edward Elgar.