NIC. DICKEN

Die Diskussion um zu viel oder zu wenig Wirtschaftswachstum, die derzeit in Luxemburg auf breiter Ebene geführt wird, würden sich viele unserer Partnerstaaten in der EU gerne leisten, wenn sie denn überhaupt die Gelegenheit oder die Veranlassung dafür hätten. Weniger als ein Jahrzehnt nach der großen Finanzkrise, die 2007 und 2008 die Welt erschütterte, hat Luxemburg wie selbstverständlich wieder zu Wachstumsraten zurück gefunden, wie wir sie aus den 80er und 90er Jahren kannten. Damit rücken Sorgen um Arbeitsplätze, Steuereinnahmen und soziale Absicherung in den Hintergrund und machen anderen Bedenken um Begleiterscheinungen das Wachstumsphänomens Platz. Verständlich, dass sich da bei einer wachsenden Zahl von Akteuren und Beobachtern die Frage aufdrängt, wohin Luxemburg steuern soll, was dem Land und seinen Bewohnern in Zukunft zugemutet werden kann.

Die in dieser Diskussion bezogenen Stellungen reichen von euphorischem Fetischismus um steigende Wirtschaftszahlen bis zur völligen Verweigerung des Wachstums und sorgen für eine nicht immer ganz sachlich geführte Auseinandersetzung. Dabei sollte sich die durchaus berechtigte Kontroverse vor allem darauf konzentrieren, wie man das Wachstum gestalten kann, um dessen Auswirkungen auf Landverbrauch, natürliche Umwelt, Lebensumstände der Menschen und atmosphärisches Zusammenleben möglichst gering zu halten.

Es hat in diesem Land Zeiten gegeben, da beherrschte die Sicherung der Existenz alle anderen Überlegungen und Abwägungen. Auch wenn sich die wirtschaftlichen Aktivitäten, die weiterhin die Grundlage unseres unleugbaren Wohlstandes liefern, in den letzten Jahrzehnten deutlich verschoben haben und die daraus resultierende Belastung der Umwelt stark zurück gegangen ist, so hat der weiterhin wachsende Zustrom von Berufspendlern aus den benachbarten Grenzregionen für einen schier unerträgliche Verkehrsdruck gesorgt. Auch der psychische Druck auf die arbeitenden Menschen hat nicht nachgelassen.

Auf den materiellen Wohlstand, den sich Luxemburg im Verlauf der letzten Jahre aufgebaut hat, mag niemand so recht verzichten. Allerdings sollte der geschaffene Reichtum ausgewogener, gerechter verteilt werden und in stärkerem Maße jenen zugute kommen, deren Ansprüche trotz beruflicher Vollauslastung nicht erfüllt werden konnten. Die Frage lautet, wem das künftige Wachstum in erster Linie zukommen soll. Erstaunlicherweise stehen bei der Beantwortung dieser Frage die Leute mit den geringsten Existenzsorgen nicht unbedingt in der hintersten Reihe.

Verzicht ist für viele Menschen in diesem Lande zu einem Fremdwort geworden, die Ansprüche sind mit steigenden Einkommen und Vermögen keineswegs kleiner geworden, der Luxemburger ist, was er besitzt. Und weil auch Minderbemittelte nicht ganz auf der Strecke bleiben dürfen, ist Wachstum bis auf weiteres kein überflüssiger Luxus, sondern eine dringend gebotene Notwendigkeit. Wie maßvoll dieses Wachstum ausfallen kann, wird letztendlich durch die Ansprüche der Menschen bestimmt.