ATHEM
SIMONE MOLITOR

Zwei Wochen lang tourte das OPL durch Europa – Jubel und Applaus beim Abschlusskonzert in Athen

Zehn Konzerte hat das „Orchestre Philharmonique du Luxembourg“ (OPL) unter der Leitung von Chefdirigent Gustavo Gimeno bereits gespielt, als wir am Montag in Athen dazustoßen. In der atemberaubenden Kulisse der antiken Spielstätte „Herodes Atticus Odeon“ findet die OPL-Tournee an diesem Tag ihren krönenden Abschluss. Nach dem Tourneeauftakt am 2. Juni in der Philharmonie ging es für das Orchester und die Solistin Yuja Wang unter anderem weiter nach Hamburg in die Elbphilharmonie, ins Konzerthaus Wien, in die Türkei zum „International Izmir Festival“, danach zum „Istanbul Music Festival“ und schließlich nach Athen.

Nicht weniger als 108 Musiker und ihre Instrumente zwei Wochen lang quer durch Europa von einer Stadt in die andere zu bringen, bedeutet natürlich eine logistische Herausforderung. Alles ist bis ins letzte Detail durchgeplant, damit am Ende ein reibungsloser Ablauf garantiert ist. Während die Instrumente nach jedem Konzert in einen speziellen Lastwagen mit Kühlanlage geladen werden, der sich dann gleich auf den Weg zur nächsten Station macht, verbringen die Musiker die Nacht im Hotel und fliegen am darauffolgenden Tag weiter. Dass dies auch körperlich anstrengend ist, versteht sich von selbst. Viel Zeit, sich zwischendurch von den Reise- und Konzertstrapazen zu erholen, bleibt nicht.

Foto: Simone Molitor - Lëtzebuerger Journal
Foto: Simone Molitor

Kultureller Botschafter Luxemburgs

Ob sich dieser Aufwand, verbunden mit hohen Kosten, wirklich lohnt, wollen wir von Orchestermanager Patrick Coljon wissen, der selbst lange im OPL spielte. „Solche Reisen tun dem Orchester in vielerlei Hinsicht gut“, antwortet er. „Während Tourneen übertrifft es sich immer selbst. Eine unglaubliche Dynamik ist zu spüren, und außerdem wächst das Orchester während dieser Zeit richtig zusammen.

Der menschliche Faktor ist überaus wichtig. Im Flugzeug sitzt man möglicherweise neben jemandem, mit dem man nicht oft redet und mit dem man dann ins Gespräch kommt. Das schweißt zusammen. Ein Orchester, das sozial gut verbunden ist, spielt auch besser“, erklärt er. Darüber hinaus sei es wichtig zu zeigen, dass Luxemburg mehr sei als nur ein Finanzplatz, deshalb verstehe man sich auch als kultureller Botschafter. Die positiven Effekte seien demnach vielfältig. „Das OPL wird immer häufiger eingeladen. Das ist ein Zeichen dafür, dass Renommee und Bekanntheitsgrad gestiegen sind. Momentan sind wir wirklich gut im Rennen. Ein Orchester, das nur zuhause spielt, kommt nicht weiter“, betont Coljon.

„Um an Bedeutung zu gewinnen, muss ein Orchester auf Tournee gehen“, ist sich auch Tiffany Saska, Pressesprecherin der Philharmonie, sicher. Menschlich und musikalisch würden die Musiker gerade während solcher gemeinsamen Reisen richtig zueinanderfinden und könnten sich weiterentwickeln. „Als Mannschaft zusammenzuwachsen, braucht Jahre. Die Arbeit, die Gustavo Gimeno seit 2015 leistet, trägt jetzt ihre Früchte. Das gilt es genauso in Luxemburg wie im Ausland unter Beweis zu stellen“, fügt sie hinzu.

Antike Spielstätte

Das fast 2.000 Jahre alte Theater am Fuß des Akropolis-Felsen, benannt nach seinem Stifter Herodes Atticus, in dem wir mittlerweile angekommen sind, wird seit den 1930er Jahren für Veranstaltungen genutzt und bietet Platz für 5.000 Zuschauer. Noch sind die Sitzplätze relativ leer. Es ist später Nachmittag und die Sonne drückt immer noch gnadenlos auf unsere Köpfe. Die Musiker, alle in lockerer Freizeitkleidung, sitzen in den wenigen schattigen Plätzen, plaudern ungezwungen, gönnen sich eine Lesepause oder packen bereits ihre Instrumente aus, um sich für die letzte Probe bereitzumachen.

Unterdessen beginnen Mitarbeiter des Konzertveranstalters, nummerierte Kissen auf den Zuschauerbänken aus hartem Marmor zu verteilen. Wir schauen uns das Spektakel, das langsam an Leben gewinnt, von ganz oben aus fast schwindelerregender Höhe mit etwas zittrigen Knien an. Es geht wirklich richtig steil nach unten, doch der Blick auf die Bühne gibt jetzt bereits einen Vorgeschmack darauf, wie grandios dieser Abend sein wird.

Foto: Simone Molitor - Lëtzebuerger Journal
Foto: Simone Molitor

Anstrengende Tage

Nach und nach erklingen mehr Instrumente, Trompeten und Hörner werden gestimmt, Bögen streichen über Violinen und Cellos, die verschiedensten Töne und Noten vermischen sich miteinander. Adam Rixer, erster Solotrompeter, sitzt entspannt mit seiner Trompete auf dem Schoß im Schatten. Er freut sich auf den letzten Auftritt, aber auch schon ein wenig auf die Heimreise. „Wir sind jetzt seit zwei Wochen unterwegs. Da ist man doch etwas müde, aber wenn man diese Kulisse sieht und an einem derart historischen Ort spielen darf, dann ist man quasi wieder neu aufgeladen“, sagt er und lacht. „Die ganze Tournee ist sehr gut verlaufen. Wir hatten super Konzerte in den verschiedensten Sälen und freuen uns jetzt auf diesen Auftritt unter freiem Himmel. Das ist natürlich eine ganz andere Herausforderung, allein schon wegen der Akustik. Bei der letzten Probe werden wir uns jetzt darauf einschießen“, meint er.

Inzwischen hat sich auch der Chefdirigent unter die Musiker gemischt, die nach und nach ihre Plätze einnehmen. Bis zum Konzert bleiben noch zwei Stunden. Die Stimmung ist locker, von Anspannung keine Spur. Im Gegenteil, es wird viel herumgealbert. Einzelne Passagen werden wiederholt. Gustavo Gimeno will, dass alles perfekt ist und gibt letzte Anweisungen. Immerhin gilt es auch herauszufinden, wie sich das Ganze unter freiem Himmel anhört. Um sich davon zu überzeugen, dass auch in den höher gelegenen Sitzreihen noch alles gut klingt, flitzt er mal eben die steilen Stufen hoch. „A little bit more“, ruft er nach unten. Nach einer knappen Stunde ist er zufrieden, und die Musiker ziehen sich in die Logen zurück.  

Vor dem „Herodes Atticus Odeon“ haben sich die ersten Konzertbesucher versammelt. Wenig später bildet sich eine Schlange vor der Kasse. Ein sehr diverses Publikum – junge und weniger junge Zuschauer, im schicken Kleid oder im legeren Outfit – wartet auf Einlass. Bald haben die Platzanweiser alle Hände voll zu tun, die Zuschauermasse in die engen Sitzreihen zu geleiten.

Brillanter Abschluss

Als die OPL-Musiker, jetzt in Frack und Abendkleid, kurz nach 21.00 ihre Plätze einnehmen und Gustavo Gimeno das Dirigentenpult betritt, hat sich die Sonne bereits gesenkt, und die antike Steinmauer hinter der Bühne wird in wechselnden Farben bestrahlt. Wer von diesem Anblick bereits fasziniert ist, wird die nachfolgenden zwei Stunden wie im Rausch erleben. Auf dem Programm stehen „Der Sturm“ von Tschaikowsky und Strawinskys „Feuervogel“ sowie zwei stilistisch und technisch anspruchsvolle Klavierkonzerte von George Gershwin (Rhapsody in Blue) und Dmitri Schostakowitsch (Konzert für Klavier und Orchester N° 2 op. 102), bei denen Starpianistin Yuja Wang brilliert. Mal sanft und melancholisch, mal mit rasantem Tempo und mitreißendem Schwung werden die Stücke dargeboten und jedes Mal mit minutenlangem Applaus gewürdigt. Ganze drei Zugaben – Schubert/Liszt, Gluck und Bizet - gibt Yuja Wang zum Schluss, während das Orchester als Zugabe Tschaikowskys „Polonaise“ anstimmt. Ein brillanter Abschluss einer facettenreichen Saison.