LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Industrie gilt vielen als Synonym für alt, schmutzig und uninteressant. Das ist weit von der Realität entfernt. Auch in Luxemburg gibt es zahlreiche Industrieunternehmen mit tollen Ideen. Der Verband FEDIL will sie ins rechte Licht rücken und vergibt daher alle zwei Jahre im Wechsel mit dem Umweltpreis einen Innovationspreis. Die vier diesjährigen Preisträger wurden im November gekürt - aber damals fehlte der Platz, sie gebührend vorzustellen. Das holen wir heute an dieser Stelle nach. Übrigens hatten sich 20 Unternehmen beworben. An Ideen mangelt es auf keinen Fall - und sie sind sehr unterschiedlich. Lesen Sie selbst.

Foto: Fedil - Lëtzebuerger Journal
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Gekonnt Luft ablassen - Vulkanisation von Vakuum-Reifen bei Goodyear

Goodyear arbeitet seit 2012 an einer Technologie, die Vakuum in der Reifenproduktion nutzt. Bislang war es so, dass während des Vulkanisations- oder Aushärtungsprozesses des Reifens dieser in eine Form gedrückt und dann gepresst wird. Dieses „Backen“ des Reifens verlangte aber, dass die Luft zwischen Reifen und Form durch zahlreiche Belüftungsventile in den Formsegmenten entweichen konnte. Deshalb gab es bislang je nach Größe und Art des Reifens und der Komplexität des Profils zwischen 3.000 und 10.000 Lüftungsöffnungen. „Diese Öffnungen hinterlassen kleine Spuren auf dem fertigen Reifen“, erklärt Gauthier Piret, Ingenieur in der Mold Plant.

„Damit hat unser Team auf Colmar-Berg Schluss gemacht“, freut sich Carlos Cipollitti, Vizepräsident Produktentwicklung EMEA bei Goodyear. „Sie haben zu Recht den Preis des Industrieverbandes gewonnen.“ Tatsächlich ermöglicht die neue Vulkanisationstechnologie von Goodyear den Luftentzug durch Vakuum. Ein an die abgedichtete Form angeschlossenes Pumpsystem reduziert die Anzahl der Entlüftungsventile auf etwa 300.

Die Vorteile sind klar: Der Reifen sieht besser aus, weil keine Härchen mehr hochstehen. „Darüber hinaus sparen wir 15 Prozent Kosten ein“, betont Piret. Die Reinigungs- und Wartungskosten der Form sinken, während gleichzeitig viel mehr Profile möglich sind. Auch optisch heben sich die Reifen von denen der Konkurrenz ab. „Da sehen wir, dass wir weiter sind als die Konkurrenz“, freut sich Piret.

Die zündete Idee hatten Ingenieuren des Goodyear Innovation Center in Colmar-Berg, der Engineering Group und der Mold Plant. Denn die Idee gibt es schon seit mehr als 20 Jahren. „Aber bislang hat es niemand geschafft, sie umzusetzen“, wie Piret stolz erklärt. Alle Vakuumformen werden im Formenbau in Colmar-Berg hergestellt. Zurzeit wird die Vakuum-Vulkanisationstechnologie für SUV-Winterreifen eingesetzt, gefolgt von einer neuen Serie Sommerreifen.

Bislang nutzen sieben europäische Goodyear-Werke die neue Technologie und etwa 100 Formen wurden damit hergestellt. Seit 2012 wurde rund eine Million Reifen so produziert, davon allein 2017 etwas mehr als 500.000. Die FEDIL verlieh Goodyear für diese Erfindung den Preis in der Kategorie „Prozesse“. 

tinyurl.com/fedil-goodyear

Foto: Fedil - Lëtzebuerger Journal
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Leicht einheizen - Cebi hat ein altes Teil neu erfunden

Jetzt im Winter gibt es reichlich Regen und auch mal Schnee oder Eis. Die können dem Automotor gefährlich werden. Deshalb gibt es so genannte Blow-by-Heizer, kleine, handtellerlange Geräte, die verhindern, dass Eis in den Turbo oder Motor gerät, weil es das Rohr wärmt, das vom Motor zurück zum Einlasskanal geht. „Das Produkt macht den Motor sparsamer und sauberer und schützt ihn gleichzeitig“, erklärt Raymond Mohrbach, Mitglied der Geschäftsführung des Automobilzulieferers Cebi aus Steinsel. Cebi hat nicht das Produkt selbst neu erfunden. „Das gibt es schon länger“, erklärt Mohrbach. „Aber unsere Version ist viel leichter, günstiger zu produzieren und leichter zu automatisieren, da sie weniger Handarbeit verlangt. Als Zulieferer steht Cebi unter seinem weltweiten Kosten- und Wettbewerbsdruck. „Mit dem neuen Blow-by-Heizer sichern wir auch unseren Standort ab“, versichert der Cebi-Manager. „Unsere Kunden wollen schließlich eine Topqualität zu einem guten Preis. Auszahlen wird sich das laut Mohrbach vor allem auf dem nordamerikanischen sowie dem chinesischen Markt. Da Cebi in einem internationalen Umfeld agiert, hat das Unternehmen den Blow-by-Heizer gleich dreifach patentieren lassen. Das Produkt wird seit Ende 2017 vertrieben. Die Reaktion der Kunden ist sehr positiv. „Wir haben schon neue Verträge“, verrät Mohrbach. Cebi plant, ab 2019 mehr als eine halbe Million Stück zu produzieren.

Auf die Idee war das Unternehmen bei der regelmäßigen Überprüfung seiner Abläufe gekommen. Der Prozess startete 2015. „Insgesamt ist das Produkt rund ein Drittel leichter, verbraucht 40 Prozent weniger an Teilen und ist leichter einbaubar. „Gleichzeitig ist es vielseitig einsetzbar und passt sowohl in Diesel- als auch in Benzinermotoren“, erklärt Mohrbach. In weniger als drei Minuten heizt das neue Bauteil von -40 bis +5 Grad Celsius auf. Für die Erfindung erhielt Cebi den FEDIL-Innovationspreis in der Kategorie „Product Engineering“. 

tinyurl.com/fedil-cebi

Foto: Fedil - Lëtzebuerger Journal
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Durchblick bei Glasbruch - Virelux hat ein neues Mess-System erfunden

Tom Reichert und Gérard Baseotto, die beiden Gründer von Virelux Inspection Systems aus Differdingen, sind Experten für die Oberflächenprüfung und optische Qualitätskontrolle. Zusammen verfügen sie über mehr als 40 Jahre Erfahrung, die sie in ihr vor einigen Jahren gegründetes Start-up eingebracht haben. Beide arbeiten für Unternehmen der Automobilindustrie und hatten eine Idee für den so genannten Fragmentationstest, der in der Automobilindustrie für Fenster vorgesehen ist. Er misst die Splitterung von Glas beim Bruch, um sicherzustellen, dass die Hersteller sich an die herrschenden Normen halten. Das Ziel ist die Sicherheit des Autofahrers. „Vor unserer Erfindung verlief der Test komplett manuell“, berichtet Baseotto. „Da hing natürlich vieles von der Interpretation der Kontrolleure ab.“

Virelux hat einen automatisierten Test namens „Optifrag“ entwickelt, zu dem die Software gehört, aber auch die Hardware, die eine Messung möglich macht. Zur Erfindung gehören Kamerasysteme ebenso wie ein großer LED-Bildschirm. „Die Herausforderung lag darin, dass wir ein ganz neues Bildschirmsystem entwickeln mussten“, erklärt Reichert. Die Lösung ermöglicht Zugang zu weitaus mehr Informationen als es bislang durch eine manuelle Kontrolle möglich war. „Wichtig ist auch, dass der Test jetzt objektiv verläuft“, unterstreicht Baseotto. Die Erfinder können sich vorstellen, ihre Lösung auch noch auf weitaus größere Teile als nur Windschutzscheiben anzuwenden. Dabei denken sie beispielsweise an die Luftfahrt.

Bislang haben sie schon mal einige dicke Fische an der Angel: Ihr erster Kunde ist AGC. Dahinter steht die „Asahi Glass Co.“, der weltgrößte Hersteller von Glas aus Tokio. AGC ist Teil des Mitsubishi-Konzerns. Dem selbst als sehr innovativ geltenden Unternehmen gefällt das „Optifrag“-System aus Differdingen so gut, dass es schon ein zweites bestellt hat. Und auch der französische Glasriese Saint Gobain hat ein „Optifrag“ für ein Werk in Frankreich bestellt. Da das Unternehmen der wichtigste europäische Glashersteller und weltweit Marktführer für beschichtete Gläser ist, kann Virelux bald mit neuen Aufträgen rechnen. Von daher scheint es nur logisch, wenn Baseotto sagt: „Wir hoffen, dass unsere Maschine der Standard bei der Bruchmessung wird.“ Das Unternehmen wurde für seine Idee mit dem Innovationspreis in der Kategorie „Kleine und Mittlere Unternehmen“ von der FEDIL ausgezeichnet.

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Foto: Fedil - Lëtzebuerger Journal
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Technik im Dienst von Büroarbeit - Docunify erleichtert den Weg ins papierlose Büro

Marc Lefebvre, CEO und Mitgründer von Docunify, hat eigentlich in der Fondsindustrie angefangen. „Das ist eine sehr internationale Industrie und deshalb befinden sich viele Leute, mit denen man zusammenarbeitet, nicht in Luxemburg“, erklärt er. „Wir wollten, dass sie sich alle über eine Plattform hier in Luxemburg verbinden können. Das war der Ansatz.“ So entstand „Admintech“, ein neues Produkt, das Kunden Zugang zu Dokumenten bietet.

Seine Kundin Carolina Thiede, Chefin von Aida Hospitality, arbeitet seit 2015 mit Docunify und ist sehr zufrieden. „Wir brauchen viele unterschiedliche Unterschriften, müssen die Logistik steuern und nutzen die Software mit sehr positiven Resultaten für unser Unternehmen.“ Lefebvre sieht neben Fonds, die derzeit die größte Kundengruppe sind, auch noch zahlreiche andere potentielle Anwender wie Anwälte, Banken oder Servicegesellschaften. „Sie arbeiten alle mit sehr viel Papier und wollen davon loskommen, damit sie endlich im 21. Jahrhundert ankommen“, erklärt der CEO. Zurzeit ermöglicht AdminTech den Dokumentenaustausch, Konferenzen und Unterschriften. Als Vorteil nennt Lefebvre auch, dass Kunden weder Soft- noch Hardware oder irgendwelche Firewalls brauchen.

In Zukunft sollen auch Chats und Videokonferenzen möglich sein. Die Entwickler stehen in engem Austausch mit den Kunden und passen sich an deren Wünsche an. Die Gründer wollen sich nicht auf Luxemburg beschränken. Sie haben schon rund zehn weitere Städte in Europa im Visier, in denen Docunify demnächst ein Büro eröffnen will. „Wenn das gut läuft, expandieren wir weltweit, in den USA und Asien“, berichtet Lefebvre von den Plänen. Docunify erhielt den FEDIL-Innovationspreis in der Kategorie Start-up.

tinyurl.com/fedil-docunify