LUXEMBURG
MARCO MENG

Brüssel will neue Finanzierungsquellen - Weg von der Hausbank, hin zum Kapitalmarkt?

Große Unternehmen rekapitalisieren sich durch die Ausgabe von Aktien und Anleihen. Wenn mittelständische Firmen hingegen Geld brauchen, setzen sie in Europa oft auf ihre Bank. Zu oft, meint die EU-Kommission. Sie möchte den Unternehmen deshalb die Finanzierung durch Investoren schmackhaft machen. EU-Finanzmarktkommissar Jonathan Hill hat gestern das Projekt eines „echten Kapitalbinnenmarkts“ vorgestellt und erklärt: „In vielen Teilen Europas kämpfen Unternehmen oft darum, an das Kapital zu kommen, das sie benötigen, um zu expandieren.“

Hill verwies laut Mitteilung der EU-Kommission auf die USA, wo der Kapitalmarkt eine viel wichtigere Investitionsquelle ist. Würden die EU-Risikokapitalmärkte eine ähnliche Tiefe aufweisen wie in den USA, wären zwischen 2008 und 2013 rund 90 Mrd. Euro für die Finanzierung von Unternehmen in der Startphase verfügbar gewesen.

Europas Firmen setzen auf Banken

In Europa beschränkten sich Unternehmen demgegenüber zu sehr auf ihre Banken. Wenn diese aber selbst knapp bei Kasse seien, werde es für die Firmen eng. Durch neue Regulierungen brauchen Banken heute freilich mehr Kapital und können prozentual dazu weniger Geld an Darlehen vergeben als früher. Ob eine „Kreditklemme“ allerdings wirklich besteht, wird angesichts der Niedrigzinsen, zu dem sich Banken bei der Europäischen Zentralbank Geld leihen, vielfach bezweifelt. Serge De Cillia, Geschäftsführer der luxemburgischen Bankenvereinigung ABBL, meinte Ende Januar, das Problem der geringen Kreditvergabe liege nicht an den Banken, sondern daran, dass wenig Kredite nachgefragt würden.

Ziel: Mehr Investitionen

Hill meinte bei der ersten Präsentation der Idee im Januar: „Eine der wichtigsten Herausforderungen für Europa ist es, Investitionen in Gang zu bringen... Ein echter Binnenmarkt für Kapital in allen 28 Mitgliedstaaten würde zu diesem Ziel beitragen, indem er Sparer und Investoren mit großen und kleinen Unternehmen zusammenbringt.“

Angedacht ist nun von der Kommission, die Vorgaben für Börsenprospekte zu lockern. Ihre Erstellung ist für Unternehmen kostenintensiv und mit erheblichem Verwaltungsaufwand verbunden. Für Anleger könne es wiederum sehr schwierig sein, bei sehr umfangreichen Informationen den Überblick zu behalten, so die Kommission. Darum sollen unter anderem Möglichkeiten für eine Vereinfachung der im Prospekt enthaltenen Informationen ausgelotet werden.

Darüber hinaus soll geprüft werden, in welchen Fällen ein Prospekt erforderlich ist und wie das Genehmigungsverfahren gestrafft werden kann.

Eine EU-weite Initiative für „hochwertige“ Verbriefungen durch Produktstandardisierung und eine bessere Vergleichbarkeit ist eine weitere angedachte Maßnahme. Mit Verbriefungen werden Vermögenswerten in ein neues Finanzinstrument zusammengelegt. Dadurch, so die Idee der EU-Kommission, könnten mehr Anleger Anteile erwerben.

Der Deutsche Sparkassen- und Giroverband (DSGV) unterstrich in einer ersten Reaktion die Bedeutung der Banken, wie die Nachrichtenagentur DPA meldet. Eine direkte Finanzierung über den Kapitalmarkt sei für die allermeisten Unternehmen „viel zu aufwendig und zu teuer“. Besser sollten die Hausbanken vor Ort gestärkt werden.

Beiträge vom Europäischen Parlament, den nationalen Parlamenten, den Mitgliedstaaten, Bürgern, Unternehmen, der Zivilgesellschaft und des Finanzsektors sind bis zum 13. Mai im Rahmen einer öffentlichen Befragung erwünscht. Auf Basis der Rückmeldungen wird die Kommission im dritten Quartal des Jahres 2015 einen Aktionsplan für die Kapitalmarktunion vorlegen.