LUXEMBURG
CHRISTIAN BLOCK

Bis zu 20.000 Tests am Tag: Tests im großen Maßstab sollen Antworten auf das Coronavirus liefern - und die Aufhebung des Lockdowns beschleunigen

Ab Montag

Rückkehr zur Vorkrisen-Medizin

Wie das Gesundheitsministerium am Dienstagabend mitteilte, werden angesichts der Entspannung auf Ebene der sanitären Lage die Gesundheitsdienste wieder zur Normalität zurückkehren. Allerdings unter strengen Sicherheitsauflagen bei der Behandlung sowie in den Wartesälen. Alle Gesundheitsberufe in den Kliniken und ausserhalb sind von der Lockerung betroffen. Die “Centres de Soins Avancés” bleiben derweil bestehen, aber hier wird die Behandlungsspur für Nicht-Covid-Patienten abgeschafft. Auch werden die Öffnungszeiten statt 8.00-20.00 nun 10.00-18.00 sein. Auch der zahnmedizinische Notdienst bleibt erhalten.

Auch wenn sich die Covid-19-Infektionszahlen verbessern und sich heute noch etwa 20 Personen auf der Intensivstation befinden, so bleibt das Coronavirus und mit ihm die Gefahr eines erneuten Ausbruchs dennoch präsent. Um das Virus besser zu verstehen, soll die Bevölkerung in Luxemburg voraussichtlich ab dem 19. Mai im großen Stil getestet werden. „Mit dem Virus leben heißt, das Virus zu verstehen“, sagte Bildungs-, Hochschul- und Forschungsminister Claude Meisch (DP) heute anlässlich einer gemeinsamen Pressekonferenz mit Gesundheitsministerin Paulette Lenert (LSAP). Die flächendeckenden Tests sollen allerdings auch dabei helfen, die Lockdown-Periode zu verkürzen. „Es geht hier darum, ein Testing in sehr großem Maßstab machen zu können, wo wir im maximalen Ausbau die gesamte Bevölkerung des Landes innerhalb eines Monats testen könnten“, so Meisch weiter. Bis zu 20.000 Tests sollen dazu täglich an 17 verschiedenen Drive-In-Zentren durchgeführt werden. Der Kostenpunkt für das Hochschul- und Forschungsministerium beläuft sich dabei auf knapp 40 Millionen Euro.

Auf der Suche nach den Asymptomatischen

Prof. Dr. Ulf Nehrbass, Direktor des „Luxembourg Institute of Health“ (LIH) und Sprecher der Task Force Covid-19 Research Luxembourg, erklärte, dass es womöglich eine hohe Anzahl an Personen gibt, die mit dem Coronavirus infiziert ist, aber keine Symptome hat. Vom Übergang in eine Lockerung der beschlossenen Maßnahmen „wird gerade diese Anzahl an asymptomatisch positiven Patienten sehr relevant“ - auch wenn die Ansteckungsketten inzwischen nahezu linear, also nicht mehr exponentiell verlaufen.

Die ersten Tests laufen bereits in dieser Woche: Rund 6.000 Schüler der Abschlussklassen im „Secondaire“ und 2.500 Lehrer haben die Möglichkeit, sich vor einem geplanten, aber umstrittenen Rückkehr in den Klassensaal ab 4. Mai testen zu lassen.

Nehrbass appellierte an die Bevölkerung zu einer breiten Teilnahme. Es sei ein „wichtiger Beitrag für die Machbarkeit des ,Deconfinement‘.“ Die Teststationen sollen laut offiziellen Angaben in den „kommenden Tagen und Wochen“ eingerichtet werden.

Projektaufruf für PPPs

Der nationale Forschungsfonds FNR hat indes einen Projektaufruf für „Public-Private-Partnersips“ gestartet. Privatunternehmen und öffentliche Forschungseinrichtungen müssen demnach bis morgen 14.00 gemeinsame Projektvorschläge zu aktuellen und zukünftigen Herausforderungen in Bezug auf COVID-19 auf lux-covid19.lu veröffentlichen, um förderfähig zu sein. Die Einreichungsfrist ist am 11. Mai. Die nach einer Evaluierung durch den FNR, das Wirtschaftsministerium mit Unterstützung von Luxinnovation zurückbehaltenen Projekte werden dann eine Finanzierung jeweils durch den FNR und das Wirtschaftsministerium erhalten.

Flächendeckendes Testing

Wie funktioniert der Ablauf?

1. Für das flächendeckende Testing wird die Bevölkerung inklusive Grenzgänger in Kontingente von 50.000 bis 100.000 Menschen eingeteilt. Zusammensetzung und Test-Zeitrahmen bestimmt die Regierung. „Die COVID-19 Task Force empfiehlt jedoch, bei der Entscheidung über die Priorisierung u.a. folgende Aspekte zu berücksichtigen: Altersstruktur und Anzahl der Menschen im Sektor; Arbeitsbedingungen (ist physical distancing am Arbeitsplatz möglich, ist Homeoffice möglich, etc.); wirtschaftlicher Einfluss des Sektors“, heißt es in einer Infografik.
2. Jedes Kontingent wird „individuell in den nächsten Monaten“ auf das Sars-Cov-2-Virus getestet (freiwilliger PCR-Test nach Rachenabstrich)
3. Bei einem negativen Test können die Beschränkungen aufgehoben werden und die Betroffenen zurück zur Arbeit oder Schule. Social Distancing, Händewaschen und Maskenpflicht gelten weiter. Kleinere Stichproben sollen in regelmäßigen Abständen erneut getestet werden.
4. Im Falle eines positiven Tests – mit oder ohne Symptome – müssen die Betroffenen in häusliche Quarantäne bzw. Medizinisch versorgt werden. Tracing und Testung der Kontaktpersonen.
COVID-19-PROGNOSEN

„Die Parameter werden laufend angepasst“

Seit vergangenem Freitag sind die ersten Simulationen zum Verlauf der Covid-19-Epidemie in Luxemburg öffentlich. Erstellt wurden sie von der „Covid-19-Task Force“, die von der hiesigen Forschungsgemeinschaft gebildet wurde (Luxembourg Institute of Health, Luxembourg Institute of Socio-Economic Research, Luxembourg Institute of Science and Technology, Laboratoire National de Santé, Universität, Fonds National de la Recherche). Die mittelfristigen Prognosen beinhalten fünf Szenarien. Wie verbreitet sich die Krankheit bei einem andauernden „Lockdown“? Wie bei einer völligen Aufhebung der Ausgangsbeschränkungen ab dem 4. Mai? Wie bei einer Öffnung der Baustellen ab dem 20. April ohne Tests und „Backtracking“ der Infektionskette und wie mit? Im ersten Szenario würden die Infektionen über den Sommer abflachen, die durchschnittliche Zahl der Sterbefälle würden sich bei um die 200 einpendeln. Im zweiten Szenario würde die Zahl der Infizierten und Covid-Toten explodieren. Rund 2.000 Opfer wären zu verzeichnen, die Intensivstationen in den Kliniken würden im Sommer an ihre Grenzen stoßen - und zwar über längere Zeit... „Es sind Projektionen, die wir aufgrund globaler Modelle erstellt haben, mit einer Netzwerkerweiterung auf Luxemburg“, erklärt Alexander Skupin, Forscher am „Luxembourg Centre for Systems Biomedicine“ der Uni Luxemburg. So wurde auf Berechnungsmodelle etwa aus Österreich, Italien oder Großbritannien zurückgegriffen. Ende März, Anfang April war die Datenlage zur Verbreitung von Covid-19 in Luxemburg noch spärlich, es musste zunächst „viel auf die Literatur“ zurückgegriffen werden, so Skupin, der derzeit an der zweiten Version der Prognosemodelle arbeitet, die noch diese Woche veröffentlicht werden soll. Eine dritte Version soll indes noch detailliertere Modelle auf Basis von Erkenntnissen über Haushalte mit infizierten Personen ergeben. Was die Datenlage besser ist, was genauere Projektionen erstellt werden können. „Die Parameter werden laufend angepasst“, sagt Skupin, für den die Ergebnisse der von der Regierung angekündigten großflächigen Covid-19-Tests sehr wichtig sind. Die Modelle bekommt natürlich der Krisenstab der Regierung, als, wie der Forscher sagt „ein Element“ der Entscheidungsfindung.  clk