NORA SCHLEICH

Ein Roboter soll Kindern richtiges, soziales Verhalten beibringen. Autisten soll durch den Einsatz von Robotern ein Ansporn zur sozialen Interaktion übermittelt werden. Wir setzen Roboter ein, um den Menschen sinnvoll beschäftigen zu können, lautet das Kredo des Forschungsprojektes, welches sich der Realisierung dieser Idee verschrieben hat.

„What is it like to be a bat?“ fragte einst der zeitgenössische Philosoph Thomas Nagel, und beschrieb damit das zu Grunde liegende Problem um die Möglichkeit das ‚Andere‘ verstehen zu können. In seinem Essay geht Nagel auf die Schwierigkeit ein, wie die Struktur des Bewusstseins der Fledermaus für uns ersichtlich und durch uns erklärbar werden könnte. So gibt er zunächst die reduktiven psychophysischen Versuche wieder, die das Bewusstsein der Flattermäuse anhand der uns bekannten Faktoren verständlich zu machen versuchen.

Hierbei soll die Art des Bewusstseins der Fledermäuse durch das Wissen um die Beschaffenheit unserer eigenen Bewusstseinsstruktur erklärt werden. Daraus ergibt sich jedoch ein ganz wesentliches Problem. Wieso sollte unser menschliches Bewusstsein überhaupt Elemente liefern können, anhand deren sich das Bewusstsein einer anderen Spezies vollständig nachvollziehen lassen könnte? Ganz gezielt wird dies anhand der Art des Wahrnehmungsapparates der Fledermäuse deutlich. Diese nehmen ihre Umgebung primär durch Schallortung wahr, wir Menschen hingegen anhand unserer fünf Sinne.

Vom Erleben durch Schallortung haben wir schlichtweg keine Ahnung. Da sich also bereits die Art und Weise, wie wir unsere täglichen Eindrücke aufnehmen so deutlich von der Perzeptionsweise der Fledermäuse unterscheidet, ist darauf zu schließen, dass die Bewusstseinsgestaltung des Menschen und der Fledermäuse, also die Art und Weise, wie sich des Umfeldes bewusstgemacht wird, sowie der Zustand des eigentlichen Bewusstseins seiner selbst und des Umfeldes, grundlegend voneinander unterscheiden muss. Gekoppelt ist dies an das Argument, dass ein Bewusstsein sich aus den Einflüssen der Wahrnehmung gestaltet: Dessen, was wir wahrnehmen, sind wir uns bewusst.

In dem Sinne ist es uns Menschen verwehrt, den Anspruch auf wahrheitsgemäße Schlüsse und Theorien zu erheben, welche die Wahrnehmung und das Bewusstsein einer anderen Spezies beschreiben sollen. Ganz einfach, weil nur die Fledermaus selbst beantworten kann, wie es ist, eine Fledermaus zu sein, weil nur sie es erleben kann, wie das Fledermaus-Sein so ist.

Kommen wir nun auf die eingangs kurz umrissene Gegebenheit zurück. Ein Roboter soll dem Autisten dazu verhelfen, intersubjektive Verhaltensweisen zu erlernen, oder etwa den Kindern das soziale Miteinander vorleben. Doch grenzt dies nicht an Absurdität und eine Sinnverfremdung in der feinsten Nuance?

Können Sie sich vorstellen, wie es ist, autistisch zu sein? Nein, das können Sie nicht, und ich kann es auch nicht. Ganz einfach, und hier halten wir es mit Nagel, weil wir uns nicht in das Bewusstsein eines Autisten hineinversetzen können, weil unsere Wahrnehmung unserer Umwelt, die schließlich das Bewusstsein formt, wohlmöglich nicht identisch mit der des Autisten ist. Studien zur Wahrnehmungs- und Interpretationsverarbeitung beweisen, dass bei autistischen Menschen hierbei ein von der Wahrnehmung von Nicht-Autisten divergierender Vorgang zu beobachten ist.

Was wir allerdings mit den Autisten teilen ist das Menschsein, und doch, trotz dieser gemeinsamen Zugehörigkeit fällt uns die Kommunikation und Interaktion mit autistischen Menschen recht schwer. Wesen, die dem Menschsein angehören, teilen untereinander also eine gewisse Reihe an Eigenschaften, wie zum Beispiel spezifisch menschliche Körpergefühle, Arten der Sensorik oder gar Weisen der Reflexion. Vielleicht unterscheiden sich die Nicht-Autisten in einigen Eigenschaften von den Autisten, jedoch haben sie mindestens das Menschsein gemein, und mit diesem noch all die Eigenschaften, die von der Entwicklungsstörung nicht betroffen sind. Das Wesen, das dem Autisten also noch am Ehesten als Initiator zur intersubjektiven Interaktion dienen könnte, ist der Mensch selbst.

Der Roboter, als technischer Apparat, der mit dem Mensch-Sein wenig gemein hat und nur analogisch-menschliche, weil schlichtweg einprogrammierte und daher immer noch rein mechanische Züge aufweisen kann, ist in dem Sinne doch eigentlich weit davon entfernt, die Subtilität des nicht-kognitiven menschlichen Miteinanders an ein menschliches Wesen übermitteln zu können. Das ‚Er-leben‘ kann doch nur von dem Lebendigen nachvollzogen und geteilt werden, und ist es nicht das Erleben des für uns und um uns Bestehenden, welches zur Bewusstseinsbildung, zum erlebenden Ich, beiträgt?