LUXEMBURG
PATRICK VERSALL

„After Porn Ends“: Regisseur Bryce Wagoner lässt in seinem Dokumentarfilm Aussteiger aus der Pornoindustrie zu Wort kommen

Alles, was sie gar nicht über Pornodarsteller wissen möchten, geben diese im Dokumentarfilm „After Porn Ends“ preis, der im aktuellen Netflix-Katalog aufgeführt wird .Im Gegensatz zu manch anderem Dokumentarfilmer interessiert sich Regisseur Bryce Wagoner allerdings nicht für die Zustände am Set oder die wirtschaftliche Seite der Nacktindustrie, zeigt gar kein nacktes Fleisch, sondern blickt auf die individuellen Schicksale einer Auswahl männlicher und weiblicher Stars. Speziell interessiert er sich für ihren beruflichen und privaten Werdegang, nachdem sie das Milieu verlassen haben.

Zufällig in der Sexindustrie gelandet

Der Streifen besteht streng genommen aus einer 90-minütigen Aneinanderreihung unzähliger Interviews, die der Regisseur mit Aussteigern aus der Pornobranche geführt hat. In diese Interviewkette flechtet er kleine Interviewsequenzen ein, in denen er unter anderem einen Psychologieprofessor zu seiner Forschungsarbeit über die Geschichte des pornografischen Films befragt oder einem Autor freie Werbeminuten zur Verfügung stellt, währen denen dieser seine neue Publikation erörtern darf, in der es um die Pornobranche und ihre Akteure geht.

Bei der Befragung der so genannten Experten kann man getrost weiter spulen, die Tragesäulen des Films bilden zweifelsohne die Gespräche mit den Aussteigern, in denen sie allesamt ihren Einstieg ins Sexgeschäft detailliert schildern, ohne Scham ihren beruflichen Alltag Revue passieren lassen und vor der Kamera einen Ausblick auf ihr berufliche und private Zukunft liefern.

Niemand, und diese Feststellung kann man als eine der Grundaussagen des Films betrachten, hat schon als Kind davon geträumt, sein Leben als Pornoakteur zu verdienen. Oft sind die Befragten dem Lockruf des Geldes gefolgt oder sie sind rein zufällig in die Pornoindustrie hineingeschlittert, wie beispielsweise der Ex-Footballspieler Randy West.

Der Athlet verdiente sich ein paar nette Extradollars als Aktmodell an einer Kunsthochschule, bis ihn ein paar Studentinnen baten, ein Foto von ihm zu schießen, was sie dann prompt an ein führendes amerikanisches Frauenmagazin schickten. Nach einigen Fotoshootings kehrte er den Hochglanzmagazinen den Rücken, um ins damals noch lukrative Pornogewerbe einzusteigen. Nach seinem Ausstieg aus der Brache tourt er als Golfer durch die Vereinigten Staaten.

Die hochintelligente Asia Carrera - sie ist Mitglied der Organisation MENSA -fand sich irgendwann als junge Erwachsene mit zwei Müllsäcken auf der Straße, in denen ihre wenigen Habseligkeiten steckten. Sie etablierte sich in der Branche, eignete sich während ihrer Karriere als Darstellerin schon durch Learning by doing das filmtechnische Know how an und konnte später ihre eigenen Streifen produzieren, die dann unter anderem über ihre Homepage vertrieben wurden.

Vergangenheit hinter sich lassen

Carrera, West und alle Befragten - und dies ist eine weitere Kernaussage des Films - möchten nach der aktiven Karriere ein normales, kleinbürgerliches Leben führen, in dem sie einem unspektakulären Job nachgehen und nicht ständig von ihrer Vergangenheit eingeholt werden.

All diejenigen, die während ihrer steilen Karriere das Sparschwein gefüttert haben und mehr als einen Notgroschen zur Seite legten, haben finanziell ausgesorgt. Fast alle Protagonisten in Wagoners Film haben es geschafft, eine Existenz abseits der Sexindustrie aufzubauen und sich beruflich neu zu orientieren, lediglich zwei Darstellerinnen haben nach dem Ende der Dreharbeiten ein Comeback gefeiert.

Man muss dem Filmemacher allerdings ankreiden, dass er es versäumt hat, in seinem Film jenen Darstellern das Wort zu geben, die es nicht geschafft haben, sich vom Pornomilieu los zu lösen oder sogar ihre Gesundheit ruiniert haben.

Nichtsdestotrotz liefert der Regisseur einen hochinteressanten Einblick in eine Welt, die scheinbar jeder kennt, aber über die niemand spricht - es sei denn, vor vorgehaltener Hand.


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