MONT ST. MICHEL
HELMUT WYRWICH

Boeing schließt Werke und verlangt Subventionen, Airbus verlangsamt die Produktion und weist Subventionen zurück

Der Coronavirus bringt eine ganze Branche in Gefahr. Fluggesellschaften versuchen, ihre Aufträge für neue Flugzeuge zu stornieren oder zumindest die Auslieferung zu verzögern. Die Hersteller, Airbus und der Konkurrent Boeing, schließen die Fabriken entweder ganz oder für einige Wochen, um die Produktion zu strecken.

Lufthansa-Chef Carsten Spohr hat mehr als seine eigene Gesellschaft im Blick. Die Lufthansa ist ein Konzern mit gleich mehreren Fluggesellschaften: Austrian Airlines, Swiss, Brussels Airlines. Dazu Eurowings und German Wings. In der Krise hätte Lufthansa in den kommenden Wochen im Rahmen der Erneuerung der eigenen Flotte alle zehn Tage ein neues Flugzeug übernehmen müssen. In der Branche gilt ein eisernes Gesetz. Ein Flugzeug wird bei der Übernahme bis auf den letzten Cent bezahlt. Lufthansa aber macht derzeit pro Stunde eine Million Euro Verlust.

Wie bei vielen Fluggesellschaften geschieht hier der schlimmste Fall. Die Maschinen bleiben am Boden. 700 der 763 Flugzeuge der Lufthansa dürfen nicht fliegen, müssen aber gewartet werden. Die Düsen werden regelmäßig gestartet, alle Systeme wie zur Vorbereitung auf einen Flug eingeschaltet und geprüft. Die Kosten laufen der Gesellschaft davon, die Einnahmen fehlen. Carsten Spohr wird als Folge das Unternehmen restrukturieren. Zehn Prozent der Flotte, so genannte „Kerosinfresser“, wie der Airbus 340 oder auch Jumbo Jets, werden ausgemustert. Germanwings wird aufgelöst und in Eurowings integriert. Der Streckenplan wird überprüft. Das Unternehmen hat mehr als 23.000 Flüge gestrichen. Lufthansa wird insgesamt kleiner, soll aber effizienter werden. Das Unternehmen bewirbt sich um Staatsunterstützung, will aber keine Staatsbeteiligung.

Bei Austrian Airlines ruht der Verkehr. Swiss will europäische Hauptstädte noch anfliegen, in den USA nach Newark, soweit das möglich ist. Lufthansa sichert die Liquidität, der Schweizer Bundesrat denkt an Finanzhilfen. Schwierig ist die Situation in Brüssel. Brussels Airlines war schon vor der Krise in den roten Zahlen. Jetzt beraten belgische Banken und die Nationalbank über Finanzhilfen. Auch von Nationalisierung ist die Rede. In Europa geht die Tendenz derzeit noch dahin, dass jeder Staat seine eigene Fluggesellschaft haben will. Alitalia ist in Staatsbesitz übergegangen. Norwegian wird gestützt. In den USA sieht die Situation nicht anders aus. Den Fluggesellschaften will die US-Regierung mit 50 Milliarden Dollar unter die Arme greifen.

Airbus und Boeing fahren Produktion herunter

Die Situation hat Auswirkungen auf die Hersteller. Der weltweit größte Hersteller, Airbus, schränkt seine Produktion um ein Drittel ein, gab Vorstandsvorsitzender Guillaume Faury bekannt. In Frankreich und Spanien wird sie für einige Wochen gestoppt. Bei den Modellen A350 und A330neo wird sie reduziert, in Alabama bei A320 und A220. Die Produktion von Flügeln wird in Deutschland und Großbritannien zurückgefahren. Eine Dividende zahlt Airbus nicht. Der Flugzeugbauer sichert sich damit eine Liquidität von 1,4 Milliarden Euro. Zusätzlich hat sich das Unternehmen im März bereits Kreditlinien in Höhe von 15 Milliarden Euro gesichert. Insgesamt verfügt Airbus nun über flüssige Mittel in Höhe von 30 Milliarden Euro. Staatshilfen lehnt Faury ab.

Anders sieht die Situation bei Boeing aus. Mit dem Skandal um die Informatik in der 737 max bereits ins Straucheln gekommen, erwartet das Unternehmen nun Hilfen der US Regierung in Höhe von 60 Milliarden US Dollar. Das Werk in South Carolina, wo das Flugzeug 787 „Dreamliner“ gebaut wird, bleibt auch nach dem heutigen Dienstag geschlossen. In der Region nördlich von Seattle im Bundesstaat Washington herrscht auf unbestimmte Zeit ein totaler Produktionsstopp. Boeing will 10.000 Arbeiter entlassen.