LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Das Budapest Festival Orchestra bot eine Reise durch den Balkan und andere Musikwelten

Es gibt Kompositionen bei denen man immer wieder bedauert, dass sie von kurzer Dauer sind. Eine davon ist sicher Béla Bartóks wunderbare nur sechs Minuten lange Suite über Rumänische Volkstänze aus dem Jahre 1915. Eine lobenswerte Initiative mit fantastischem, positiven Ausstrahlungseffekt war es, die von Bartók verarbeiteten Melodien zuerst in der urigen Originalfassung von drei Mitgliedern des Sinfonieorchesters vortragen zu lassen, die mit atemberaubender Intensität und spielfreudigem Engagement die adäquate Stimmung zum perfekten Genuss des wunderbar anmutenden Events hervorzauberten. Die anschließende sinfonische Fassung der sechs Tänze bestach durch die brillante, ebenso leidenschaftliche Interpretation des großorchestralen Apparats.

Vorzügliche Volkssängerin

Idem für die ungarischen Volkslieder, bei denen sich die vorzügliche Volkssängerin Márta Sebestyén, die alle Ausdrucksformen und -techniken der balkanischen Vokalkunst perfekt beherrscht, zu dem Trio gesellte. Wie bei dem rumänischen Medley hat es der Komponist in der danach angesetzten zweiteiligen Suite „Ungarische Bauernlieder“ (1914) verstanden, den Abgrund zwischen unterhaltender und ernster, damals von der Avant Garde geprägten, Musik zu überwinden. Gemäß seinem oft zitierten Schreiben, „Meine eigentliche Idee ist die Verbrüderung der Völker“ hat er anspruchsvolle konzertante Kompromisse geschaffen, die nachhaltig die Impressionen interessanter Traditionen ohne kitschigen „Folklorismus“ vermitteln. Auch hierbei überzeugte das unangestrengt aber fesselnd konzentriert spielende Ensemble durch stilistische Originalität und eine überzeugende Balance der Klangfarben der Streicher- und Bläsersektionen. Außer Programm komplettierte abschließend das Folklorequartett seine Reise durch den Balkan mit einem Bouquet rarer transsylvanischer Kostbarkeiten.

Nachdem wir vor etwa einem Monat eine exquisite Aufführung von Bartoks konzertantem Werk „Musik für Saiteninstrumente, Schlagzeug und Celesta“ mit dem London Symphony Orchestra unter Sir Simon Rattle beiwohnen durften, stand auch am Donnerstag nach dem eher beschwingten 1. Teil der prächtigen Soiree mit der Oper „Herzog Blaubarts Burg“ wieder ein längeres Werk des ungarischen Komponisten auf dem Programm der Philharmonie.

Genau wie der große Beethoven mit „Fidelio“ hat auch Bartók nur eine einzige Oper komponiert. Vielleicht hatten beide erkannt, dass sie ihre Fähigkeiten nicht unbedingt als Opernkomponist voll ausschöpfen konnten und sich besser auf der Instrumentalmusik vorbehaltene Partituren konzentrieren sollten. Zudem frönte Bartók, zumindest bis zu seiner definitiven Emigration in die USA im Jahr 1940, seiner zeitraubenden Beschäftigung als Ethnologe und Sammler der Volksmusik des baltischen und nordafrikanischen Raums, wobei er mit seinem Freund und Kollegen Zoltan Kodály über 10.000 Melodien, anfangs ohne Tonbandgerät, mit Papier und Bleistift festgehalten hat. Allein aus Ungarn und Rumänien beinhaltete seine Sammlung schon bis 1910 um die 3.000 Tänze und Lieder.

Ein Werk von unvergleichlicher Dichte

Egal wie, Bartók hat im Alter von 30 Jahren mit seinem Singspiel „Herzog Blaubarts Burg“ ein Werk von unvergleichlicher Dichte geschaffen, das während der etwa einstündigen Darbietung eine überwältigende Steigerung und Spannung schafft und Fantasie und Stimmungskraft in unvergleichlicher Kombination vereint. Die bekannte Geschichte, deren Ursprung auf ein sagenhaftes Märchen zurückführt, wurde auch in Opern von Paul Dukas oder in leichterer Ausgabe von Jacques Offenbach verarbeitet sowie von Schriftstellern wie den Gebrüder Grimm über Anatole France bis zu Max Frisch und Peter Rühmkorf behandelt.

Wer der Meinung war, nach dem farbenfrohen, kurzweiligen ersten Teil mit dem doch langen und schwermütigen, etwas unverdaulichem Einakter, ohne eigentliche Melodie im klassischen Sinn, von typischen Arien ganz zu schweigen, nicht klarzukommen - der Schreiber gehört leider auch zu diesen pessimistischen Vordenkern - hatte sich gewaltig geirrt und wurde durch die fabelhafte Interpretation der klanglich anspruchsvollen Fantasiegemälde förmlich überwältigt. Wie bei den besten Hitchcockfilmen vermochte das fesselnd spielende Orchester, eine spannende Inszenierung ohnegleichen zu vermitteln. Die sich permanent steigernde Spannung könnte nicht besser und intensiver inszeniert werden. Sowohl die düsteren, manchmal melancholischen Passagen, wie die leidenschaftlich berührenden, lyrischen Einlagen ließen keinen Moment zum Verschnaufen.

Die beiden Komparsen, die ausgezeichnete Mezzo-Sopranistin Ildikó Komlósi und der ausdrucksstarke Kristzián Cser (hoher Bass) trugen die stilistisch permanent wechselnden Stimmungsbilder mit faszinierender, kammermusikalischer Bannkraft vor. Besonderes Lob gebührt außerdem dem jungen Dirigenten Gábor Káli, der für den erkrankten Iván Fischer eingesprungen war und das Orchester mit sichtlicher Hingabe und feurigem Enthusiasmus durch die abwechslungsreiche, stilistisch äußerst differenzierte und im zweiten Teil extrem schwierig zu bewältigende Soiree leitete. Ein herrlicher, unvergleichlicher Konzertgenuss, den man so bald nicht vergessen wird.