Ob Autos oder Babywindeln - so gut wie alles, was die Schweiz aus umliegenden Ländern der „Schwachwährungszone“ importiert, wird jetzt in Franken billiger. Jubelstimmung kommt auf, wenn Eidgenossen ihren nächsten Auslandsurlaub buchen. Ob Euro, Dollar, Yen oder Peso - die Außenwelt ist für Schweizer so billig wie nie zuvor.
Der Geldsegen war überraschend hereingebrochen als die Schweizerischen Nationalbank am 15. Januar verkündete, den Mindestkurs von 1,20 Franken pro Euro aufzuheben und ihn nicht mehr mit Devisenkäufen durchzusetzen.
Die Nachfrage nach dem - vor allem wegen der Unwägbarkeiten der Eurozone - als sicherer Hafen geltenden „Eidgenossendollar“ stieg dadurch sprunghaft an. Auch für den Devisenmarkt gilt freilich: Des einen Freud, des anderen Leid, und so bricht in vielen Schweizer Unternehmen Zukunftsangst aus.
Weil der größte Teil der Exporte - von Schokolade und Käse über Uhren bis zu Maschinen - in den Euroraum geht, befürchten Firmen erhebliche Einnahmeverluste. Das Dilemma: Sie müssen entweder ihre Preise in Euro erhöhen oder daheim die Kosten senken oder auch beides, um nicht in Franken in die Verlustzone abzurutschen. Doch höhere Preise dämpfen sie die Nachfrage und damit Umsatz und Gewinn.
Seit Tagen wird in der Wirtschaft debattiert, wie die Lage in den Griff zu bekommen wäre. Am unmittelbarsten ist die Tourismusindustrie betroffen. Es hagelt Stornierungen.
„Nicht einmal das Matterhorn zieht mehr“, titelte die Zeitung „Schweiz am Sonntag“. Vor einigen Jahren bekam man für einen Euro noch mehr als 1,65 Franken. Damals galt das Alpenland als gerade noch erschwinglich. Mit der jüngsten Frankenaufwertung seien Ferien in der Schweiz nun aber „doppelt so teuer wie in den Nachbarländern“, klagte Casimir Platzer, Präsident des Branchenverbandes Gastrosuisse in der Zeitung „Schweiz am Sonntag“.
Erörtert wird eine Aussetzung der Mehrwertsteuer für Tourismus und Gastronomie. Vertreter der Exportindustrie brachten Lohnkürzungen und die Verlängerung der Arbeitszeit ohne Lohnausgleich ins Gespräch. Sonst könne die Schweiz ihre niedrige Arbeitslosenquote von 3,4 Prozent nicht halten. Solche Maßnahmen seien „absolut nötig“, sagte der Chef des Stellenvermittlers Adecco, Patrick De Maeseneire, der „Sonntags-Zeitung“.
Gewerkschaften und Unternehmen forderten staatliche Unterstützung für den Fall von Kurzarbeit - auch, um die Abwanderung von Firmen ins Euroland zu verhindern. Dem gab die Regierung rasch statt. Am Dienstag wies sie die Arbeitslosenversicherung an, allen Betroffenen von Kurzarbeit, die durch den Frankenschock begründbar ist, einen Ausgleich zum bisherigen Lohn zu zahlen.
Dass der Euro bald stärker und damit die Wettbewerbsfähigkeit der Schweiz auf ihrem wichtigsten Exportmarkt wieder besser wird, glaubt derzeit niemand. Experten des Industriedachverbands Swissmem gehen vielmehr davon aus, dass betroffene Unternehmen bis zu zwei Jahre brauchen werden, um unter anderem durch Rationalisierungsmaßnahmen die Folgen der Frankenaufwertung zu verdauen.


