LUXEMBURG
SOPHIA SCHÜLKE

Kein Fehler, sondern persönlicher Stil: Poetry Slam auf Französisch macht Luxemburger zu Poeten

Tous les jours je pense à rien/J’ai du mal à réfléchir/Mon esprit est dans le vide“. Mathis hatte hinten auf der letzten Bank eine ganze Weile über einem leeren weißen Zettel gesessen und gegrübelt, bis die Idee für einen Text kommen wollte. Am Ende der Stunde hat er es geschafft, die Gedanken geordnet und einen französischen Text geschrieben. Noch bevor er die ersten Sätze seines Textes vor seiner Klasse vorträgt, vielmehr deklamiert, hat er dafür schon Applaus bekommen. So wie es üblich ist, wenn ein Poetry Slammer die Bühne betritt.

Gut 20 Schüler des „Lycée Aline Mayrisch“ konnten gestern im Französischunterricht das Larousse und das Bescherelle beiseitelegen und den Grammatikregeln des Französischen einmal als Poeten im Ring gegenübertreten.

Fehler mit Charme

In dem Workshop war ziemlich schnell klar: 1:0 für die Schüler, und zwar direkt nach der ersten Runde. „Montre-moi que tu m‘as besoin“, trägt Léa in dem Text vor, der sich an ihren in der Beziehung innerlich abwesenden Schwarm richtet. Es gibt Beifall für ihre Zeilen, auch wenn es in der einen - grammatikalisch richtig - „de moi“ heißen müsste. Auch Cyril Detilleux und Hugo Ayala, welche den Poetry Slam-Workshop leiten, applaudieren. „Que tu m’as besoin, je trouve ça mortel“, lobt Detilleux und fährt mit der Hand durch seinen Bart. Die beiden Poetry Slammer, die in Frankreich als Ozarm und Ayun auftreten, haben den 14- bis 15-Jährigen am Anfang erklärt, was Poetry Slam ausmacht und ihnen einige Tipps für ihre Texte gegeben. „Welche Gefühle kann es geben?“, hatte Hugo Ayala in die Klasse gefragt und die Schüler Stichwörter wie Liebe, Angst, Traurigkeit, Hass oder Eifersucht zusammentragen lassen. Damit gab er ihnen Ideen, um die sich ihre Texte drehen könnten. Anlass für die Poetry Slam-Ateliers ist der heutige Internationale Tag der Frankophonie und der Monat der „Frankophonie Luxembourg“, der den gesamten März über begangen wird. Die Workshops werden vom „Institut français du Luxembourg“ organisiert und von der „Association Victor Hugo“ unterstützt. Mit dabei sind diesmal vier luxemburgische Lyzeen: „Lycée de l’Athénée“, „Lycée Michel Rodange“ und „Lycée Aline Mayrisch“, welche schon in den vergangenen Jahren teilgenommen haben, und neu die „École internationale de Differdange“.

Sprache der Gefühle

Ziel der Workshops ist, dass sich die Jugendlichen über ihre Gefühle äußern und dass sie lernen, vor anderen zu sprechen. Auch auf Französisch. Damit sie beim Sprechen keine Hemmung empfinden, etwa, weil sie sich zu viele Gedanken über mögliche und tatsächliche Fehler machen.

„Poetry Slam ist die Sprache der Gefühle“, sagt Detilleux und führt aus, „sie erstaunen mich jedes Mal. Auch wenn es grammatikalisch nicht perfekt ist, ich finde dieses ihnen eigene Französisch bewegend.“ Zumal auch das wiederum ein Stilmittel sein kann. Dass es bei französischen Poetry Slammern gerade in Mode ist, absichtlich männliche und weibliche Artikel zu vertauschen und etwa aus „ma tête“ schonmal „mon tête“ zu machen, geben die beiden Wortkünstler aus Frankreich den luxemburgischen Schülern ebenfalls noch für das Schreiben ihrer Texte mit auf den Weg.

Aber für Jugendliche, für die Französisch nicht die Muttersprache ist, würden sich die Luxemburger zudem sehr schnell zu helfen wissen, lobt Detilleux. Wichtig sei, dass sich die Jugendlichen ausdrücken, wie sie wollen und über was sie wollen. Und dafür sei Poetry Slam genau das Richtige, zumal er leicht zugänglich für Jugendliche sei. „Hätten wir sie ein Gedicht, ein Lied oder einen Rap schreiben lassen, hätten sie mehr Regeln einhalten müssen, beim Poetry Slam sind ihnen keine Grenzen gesetzt.“ Und so war auch das Reimen möglich, aber nicht zwingend.

Zeilen voller Trauer und mit Humor

Keine Grenzen, das setzen die Schüler an diesem Vormittag auch inhaltlich um: Süßes Liebesbekenntnis, Verwunderung über Donald Trump, erfüllende Liebe zur Musik, bittere Trauer über einen Todesfall, alltägliches Ringen mit der Langeweile, stolzes Lossagen von einem lieblosen Partner oder humorvolles Philosophieren über den Lieblingsfußballclub - die Themen, welche die Schüler bewegen, waren vielfältig und ergänzten sich gegenseitig. Auch für Humor war Platz: „Je sais pas quoi écrire/Pour vous faire rire“, reimt Loris, während Louis deklamiert, „Je raconte un peu n‘importe quoi/Je m‘en fous avec mon stylo je suis le roi“. Auch wenn nicht alle die Deklamiertipps von Hugo Ayala - lautes Sprechen, Betonung, Ansprechhaltung vor dem Publikum - umgesetzt haben, kommt die Botschaft meist klar rüber.

Der Workshop hat den Schülern gut gefallen. Auch Mathis, der lange vor seinem leeren Zettel gesessen hatte. „Ich fand es gut und interessant, man musste sich wirklich zwingen und nachdenken, damit man einen guten Text schreiben konnte.“

Nach dem „Lycée Aline Mayrisch“ und dem „Lycée de l’Athénée“ gestern sind die beiden Poetry Slammer Cyril Detilleux und Hugo Ayala heute in der „Ecole internationale de Differdange“, bevor morgen auch die Schüler des „Lycée Michel Rodange“ und des „Lycée de l’Athénée“ zu Französisch-Poeten werden.


Weitere Infos unter www.dismoidixmots.culture.fr