GREVENMACHER
PATRICK WELTER

Im Gemeinderat von Grevenmacher gibt es eine parteiübergreifende weibliche Mehrheit

Grevenmacher nimmt unter allen luxemburgischen Gemeinden eine ganz besondere Stellung ein: Der Gemeinderat ist der einzige im Land, in dem die Frauen die Mehrheit haben. Sechs weibliche Räte sitzen fünf männlichen Räten gegenüber. Die Entwicklung ist umso erstaunlicher, weil erst vor rund zwanzig Jahren mit Nelly Bauler (DP) die erste Ratsfrau in den Gemeinderat einzog, Nelly Bauler wurde dann auch die erste Schöffin der Stadt an der Mosel. Auch andere „Männerdomänen“ sind in Grevenmacher von Frauen erobert worden. Tess Burton (siehe unten) ist die Präsidentin des Geschäftsverbands, Kitty Schiffmann - lange für die DP im Stadtrat - ist jetzt Vorsitzende des „Syndicat d’Initiative.“

Die größte Fraktion, die der CSV, besteht neben Bürgermeister Leo Gloden aus vier Ratsfrauen, die zweiköpfige LSAP-Fraktion ist ein reines Frauenteam. Zwar stellen DP (3) und déi gréng (1) im Rat reine Herrenmannschaften, sollte aber einer der Räte ausscheiden, wird wohl auch in diesen Fraktionen eine Frau nachrücken.

Was macht die besondere Situation in Grevenmacher aus? Um das zu klären, führte das „Journal“ zwei Interviews mit ganz unterschiedlichen Kommunalpolitikerinnen. Mit Monique Hermes, CSV-Rätin und zweiten Schöffin in der schwarz-grünen Koalition, und mit Tess Burton von der oppositionellen LSAP.

Der gute Geist

Gemeinderätin Monique Hermes

Monique Hermes kennt in Grevenmacher jedes Kind und jeder, der mal Kind war. Kein Wunder, Monique Hermes, die eigentlich aus Redingen stammt, war von 1971 bis 2009 Grundschullehrerin in Grevenmacher. Sechs ihrer Kollegen im aktuellen Gemeinderat hatte sie als Schüler. Die 68-jährige ist außerdem eine sehr engagierte Hobbyhistorikern. Seit 2011 muss dieses Hobby hinten anstehen, seitdem hat sie das Amt einer Schöffin für die CSV in Grevenmacher inne.

Warum machen Sie Kommunalpolitik?

Monique Hermes Ich habe mich schon in meiner Zeit in der Schule für „Maacher“ interessiert und hatte mir vorgenommen, mich in meiner Pension für die Stadt einzusetzen. Ich fühle mich ganz angenommen in „Maacher“ und wohne auch im Wortsinn mitten in der Stadt. Oft finde ich Briefe in meinem Briefkasten mit Bitten und Problemen der Bürger. Kurz, ich lebe in und mit Grevenmacher.

Was machen Frauen anders in der Politik?

Hermes Frauen agieren mehr mit Gefühl, weniger mit der Ratio. Deshalb liegt Frauen auch Soziales mehr am Herzen. Alle vier Frauen, die für die CSV in den Rat eingezogen sind, sind sozial engagiert oder arbeiten in Sozialeinrichtungen. Es gibt einen guten Zusammenhalt im Gemeinderat und es gibt bei uns (gemeint sie alle Fraktionen) keinen Zickenkrieg. Die Opposition macht die Arbeit, die sie machen muss. Da, wo es um Grevenmacher geht, halten wir zusammen. Das gilt für Frauen und Männer.

Wieso wurden gerade in Grevenmacher so viele Frauen in den Gemeinderat gewählt?

Hermes Auf allen Listen haben fähige Frauen kandidiert, die auf Augenhöhe mit den Männern zusammenarbeiten können, ohne immer mit ihnen auf einer Linie sein zu müssen. Wahrscheinlich haben sich die Wähler für diese Frauen entscheiden, weil sie dachten „Die da können Maacher weiterbringen“.

Kümmern sich Frauen in der Politik nur um „softe“ Themen?

Hermes Nein, auch Frauen kümmern sich um schwierige Themen und nehmen Auseinandersetzungen an. Jeder geht eine Sache anders an. Auch Frauen können hart durchgreifen, sie machen es nur anders!

Auf die sogenannten trockenen Themen wie Budget oder Bebauungspläne bereiten wir uns als CSV-Frauen regelmäßig intern vor, wo jede in die entsprechende Thematik eingeführt wird. Im Schöffenrat haben wir unsere verschiedenen Kompetenzen, nicht jeder oder jede ist für alles zuständig. Bei mir ist es in der Hauptsache die Kultur.

Wenn wir von Frauen in der Gemeinde reden, sollten wir auch erwähnen, dass Grevenmacher eine hervorragende Gemeindesekretärin hat, außerdem ist das gesamte Sekretariat fast nur mit Frauen besetzt. Da ich so gut wie jeden Tag im Rathaus bin, sehe ich was von ihnen für eine hervorragende Arbeit geleistet wird.

Wie kann man mehr Frauen dazu bewegen, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren?

Hermes Man muss den Frauen die Angst vor der Politik nehmen und vor allem muss die Politik glaubwürdig sein - Glaubwürdigkeit ist das Wichtigste. Politik muss für mich menschenbezogen und bürgernah sein, damit wird man auch mehr Frauen in die Politik bekommen. Ich bin die Anlaufstelle für vieles in der Gemeinde und weiß daher: Menschen müssen angenommen werden. So kann man auch Frauen für Politik gewinnen.

Die Senkrechtstarterin

Gemeinderätin Tess Burton

Wenn man mit Tess Burton spricht, möchte man ihr spontan die Frage stellen: „Wann schlafen Sie?“ Die 32-Jährige ist, eigenen Angaben nach, „Geschäftsfrau“ - eine glatte Untertreibung. Sie kümmert sich nach einem Medien-Studium in Köln um ihr Geschäft für Geschenkartikel, engagiert sich im elterlichen Verlag, ist Vorsitzende des Geschäftsverbands der Stadt Grevenmacher, sitzt seit 2011 für die LSAP im Gemeinderat und 2013 wurde sie die jüngste Parlamentsabgeordnete. Ganz nebenbei hat sie noch einen Lebenspartner und seit kurzem eine kleine Tochter.

Warum machen Sie Kommunalpolitik?

Tess Burton Ich lebe mein Leben lang in Grevenmacher, es ist meine Stadt. Ich bin schlicht ein „Maacher“ Mädchen. Die Entscheidung, mit in die Wahlen zu gehen, lag für mich auf der Hand. Als ich 2011 gewählt wurde, hat mir mein Ratskollege Detz Clemens geholfen, mich zurechtzufinden. Wir waren ein gutes Team aus Erfahrung und neuen Ideen.

Was machen Frauen anders in der Politik?

Burton Frauen sehen Probleme entspannter und weniger emotional. Wobei man sagen muss, dass Grevenmacher sowieso einen sehr kollegialen Gemeinderat hat, hier hebt niemand die Stimme.

Wieso wurden gerade in Grevenmacher so viele Frauen in den Gemeinderat gewählt?

Burton Grevenmacher ist eine ganz moderne Gemeinde. Vielleicht liegt es auch daran, dass hier Männer und Frauen in den Vereinen engagiert zusammenarbeiten. Dabei hat sich vielen Bürgern gezeigt: Frauen können den Job machen. Eine Maacher Besonderheit des Vereinsengagements zeigt sich darin, dass im aktuellen Gemeinderat gleich drei ehemalige Weinköniginnen sitzen. Ein Amt, das ich selbst mal ausgeübt habe, man lernt viel in der Zeit. Die Weinkönigin ist aber kein Freifahrtschein in die Kommunalpolitik, da kann man auch scheitern. Aber dass meine Fraktionskollegin Lynn Mantz auf unserer Liste nach vorne gewählt wurde, war für mich keine Überraschung.

Ich bin froh, dass „Maacher“ so gewählt hat, die politische Repräsentation entspricht jetzt der Bevölkerung.

Kümmern sich Frauen in der Politik nur um „softe“ Themen?

Burton Die Beschränkung auf sogenannte Frauenthemen können wir uns als reine Frauenfraktion gar nicht leisten. Kein Thema hat Vorrang, egal, ob es um Müllgebühren oder den Bebauungsplan geht, alles ist wichtig. Alles müssen wir bearbeiten. Natürlich gibt es Themen, zu denen man als Geschäftsfrau oder als Mutter eines schulpflichtigen Kindes einen engeren Bezug hat.

Wie kann man mehr Frauen dazu bewegen, sich in der Kommunalpolitik zu engagieren?

Burton Da gibt es zunächst die gesetzliche Lösung durch die Mindestquote von 40 Prozent auf den Listen der Parteien, ein guter Ansatz, der durch die Chancengleichheitsministerin geschaffen wurde. Die Gesellschaft ändert sich dauerhaft und gibt Frauen immer mehr Möglichkeiten sich zu engagieren. Ich selbst habe nie Benachteiligung zwischen Männern und Frauen erlebt. Manchmal mag es schon bei Frauen eine Motivation für ein politisches Engagement geben, aber viele glauben dann, wegen Beruf und Kindern keine Zeit dafür zu haben. Da kann Organisation weiterhelfen. Mein Mann nimmt zur Zeit einen Tag Elternzeit in der Woche und selbst bin ich etwas weniger im Geschäft. Außerdem muss man nicht bei jedem Empfang bis zum Schluss bleiben - was Männer gerne tun.