LUXEMBURG
CLAUDE MÜLLER

Kamasi Washington lieferte mit seiner Band im „Atelier“ eine fesselnde Performance ab

Dass es den Organisatoren gelungen war, den Star unter den Newcomern der Jazzbranche zwischen seinen Auftritten beim „North Sea Festival“ in Rotterdam, dem Stuttgarter „Jazzopen“ und „Gent Jazz“ in Belgien für einen Auftritt in Luxemburg zu bewegen, war schon eine Glückssache für das ohnehin verwöhnte luxemburgische Publikum. Dass der ersehnte Auftritt dann auch noch im intimen Rahmen der besonderen Clubatmos-phäre des Hollericher „Atelier“ stattfinden sollte, setzte dem willkommenen Event die Krone auf.

Während weltweit anlässlich seines 50. Todestags, dem wegweisenden Kultsaxofonisten John Coltrane gedacht wird und sein geistiger Erbe Pharoah Sanders endlich wieder auf lang ersehnter Europatournee ist, hatten wir die Chance einen seiner wichtigsten Zöglinge exklusiv mit einem mitreißenden Programm zu erleben. Anders als auf den großen Festivalarealen, die zur Zeit die Kulisse für Kamasi Washingtons Auftritte bilden, stand der weltweit umjubelte Newcomer mit seiner Crew dem Publikum hautnah zur Verfügung.

Jenseits des gewohnten Fusion

Mit spezieller Besetzung, die weit über den Sound der gewohnten Fusionbands hinausging, präsentierte Washington ein Programm, das von energiegeladener Spannung und groovenden Höhepunkten strotzte. Mit zwei äußerst vitalen Schlagzeugern, Bass und Keyboards als Background produzierte Tenorsaxofonist Washington mit der Kombination von Posaune und der glasklaren Stimme von Sängerin Patrice Quinn einen wunderbar satten Sound, der den anziehenden, volksnahen, von afrikanischer Folklore inspirierten Themen die besondere Note verlieh.

Bereits vor zwei Jahren hatte der zu den „Young Jazz Giants“ gehörende Washington, der zusammen mit dem Londoner Saxofonisten Shabaka Hutchings als gefühlter Urenkel Coltranes gehandelt wird, mit seinem drei CDs umfassenden, dreistündigem Opus „The Epic“, wo besonders die großorchestrale Sounddiversität in ausgeklügelten Arrangements besticht, in der internationalen Szene für uneingeschränkte, positive Aufmerksamkeit gesorgt. Hervorzuheben ist ebenfalls, dass Kamasi Washington in der aktuellen Ausgabe des renommierten „Jazz Magazine“ in der Liste der 50 wichtigsten Saxofonisten seit Coltrane rangiert. Auch am vergangenen Mittwoch im Atelier war die Band, als sich dann noch der Vater des Leaders Rickey Washington mit Querflöte und Sopransaxofon dazugesellte, gut aufgestellt, die angestrebte Funktion einer Mini Big Band zu verkörpern, was teilweise durch den Leadpart der Vokalistin die besondere Originalität der populären, immer etwas schwermütigen Melodielinien des Saxofonisten unterstrich. Dieser neue „Urban Jazz“, der sich durch die Einflüsse von Hip Hop und elektronischen Zusätzen auszeichnet, wurde hauptsächlich durch die stimmungsfördernde Klangkulisse des Keyboarders Brandon Coleman geprägt, der auch mit faszinierenden, atemberaubenden Soli am Moog Synthesizer überzeugen konnte. Aber auch die geschmeidigen Phrasierungen, die in den Improvisationen des hervorragenden Posaunisten Ryan Porter dominierten, trugen maßgeblich zur Bereicherung der Aussagekraft des Ensembles bei und ließen dessen Erfahrungen in anderen stilistischen Gebieten des Jazz heraushören.

Zehnminütige Drumbattle

Die ekstatischen Momente, die der 36-jährige Washington durch seine intensiven, kraftvollen Tenorsaxofonsoli, die die Geschichte des modernen Jazzsaxofons von Coltrane über Pharoah Sanders bis zu Albert Ayler dokumentierten, heraufbeschwor, verhalfen den modischen Klängen, die konzessionslos die rhythmischen Grooves des Backgroundteams in den Vordergrund stellten, sicher zu dem gewissen Etwas. Einen gewissen Anreiz verschaffte darüber hinaus der gelegentliche Wechsel des E-Bassisten Joshua Crumbley zum Kontrabass. Diese Post-Jazzbewegung, die ohnehin auf spärlichen Akkordprogressionen aufgebaut ist, lebt eigentlich vor allem von effektvollen Einlagen, die das Oktett auf hohem Niveau in ihre farbigen Klangorgien einbaute.

Ein Höhepunkt der fesselnden Performance war eine zehnminütige Drumbattle, bei der die Perkussionisten Jonathan Pinson und Robert Miller sämtliche Facetten der modernen Schlagzeugschulen mit dem nötigen Gespür für gut dosierte publikumsträchtige Effekte demonstrierten. Das zahlreich erschienene Publikum, das sich erstaunlicherweise zum größten Teil aus Musikbegeisterten der mittleren Altersklasse zusammensetzte, konnten jedenfalls an diesem neuen Jazz ohne Grenzen Gefallen finden. Gestern war die Band der Hauptact auf dem Jazz Festival in Gent.