Anne Canel ist eine viel beschäftigte Frau. Sie arbeitet in jenem Bereich, in dem auch die Big Four ihr Geld verdienen: Wirtschaftsprüfung, Steuerberatung, Kostenrechnung. Allerdings ist sie für ein Netzwerk tätig, dass sich vor allem an kleinere Unternehmen wendet und sehr auf erfahrene Mitglieder setzt. Canel übernimmt Aufgaben nur als Interimsmanagerin oder Freelance, denn sie will unabhängig bleiben. Karriere hat sie zuvor im Finanzbereich gemacht. Als Selbständige in einem anderen Sektor scheiterte sie - und profitiert heute davon. Dem „Journal“ erzählt sie, warum.
Frau Canel, was machen Sie beruflich?
Anne Canel Ich habe drei Hüte. Erstens bin ich als Interimsmanagerin tätig. Solche Aufgaben übernehme ich aber nur in Teilzeit. Zweitens arbeite ich für ein Netzwerk von Freelance Managern. Wir sind alle älter und bevorzugen erfahrene Kollegen, die mindestens 45 Jahre alt sind. Sie werden in den Bereichen Finanzen und Management geprüft und müssen entsprechende Qualifikationen vorweisen. Viele kommen aus Sozialplänen, weil sie für ihr Unternehmen nach 25 Jahren zu teuer wurden. Aber es gibt auch Frauen, die unabhängig bleiben wollen, damit sie selbst über ihre Zeit frei entscheiden können. Drittens gibt es ein Netzwerk von Aufsichtsrätinnen. Ich arbeite als Botschafterin für diese Female Board Group, denn wir brauchen qualifizierte, unabhängige Verwaltungsräte und -rätinnen.
Wie sind Sie zu diesem Weg gekommen?
Canel Ich stamme aus dem Norden Frankreichs und mein Vater war im Militär. Er hat auf Disziplin bestanden. Ich bin Wirtschaftsprüferin und Steuerberaterin mit Ausbildung an der Pariser Science Po und beim Institut Français des Administrateurs. Meine Karriere begann vor 15 Jahren im Finanzbereich und führte mich vor acht Jahren hierher. Nach Stationen bei KPMG und PwC in Paris ging ich zur Banque de Luxembourg. Dann kam ein Punkt in meinem Leben, da wollte ich mich selbständig machen.
Mit welcher Idee haben Sie sich selbständig gemacht?
Canel Ich habe maßgeschneiderte Kleidung für Managerinnen angeboten, die keine Zeit haben, einkaufen zu gehen. Dazu muss ich erläutern, dass meine Mutter Schneidern an der Berufsschule unterrichtet hat. Sie hat es mir auch beigebracht. Ich hatte also schon über Jahre professionelles Gerät und Erfahrung. Gleichzeitig kannte ich das Problem mit der Zeit.
Warum ist Ihr Unternehmen gescheitert?
Canel Der Kundenstamm hier in Luxemburg ist relativ klein und wir haben nicht das nötige Kapital aufbringen können. Gleichzeitig bereue ich das überhaupt nicht. Es war eine wichtige Erfahrung, die mir jetzt sehr hilft. In der amerikanischen Kultur heißt es nicht umsonst: Wer das hinter sich hat, ist das nächste Mal schlauer. Ich weiß, wie schwer es Unternehmer haben. Das verstehen meine Kunden. Gleichzeitig habe ich sehr interessante Menschen wie den Fedil-Präsidenten Robert Dennewald oder den Unternehmer Xavier Buck getroffen. Und natürlich meinen Mentor Jean-Claude Juchem, den Präsidenten des ACL. Er hat einen ähnlichen Lebenslauf und versteht, dass das Geschäft erst laufen muss, damit die Leute kommen.
Wieso engagieren Unternehmen Interims-Manager und Freelance-Buchhalter?
Canel Wir schicken keine Praktikanten oder Juristen, sondern erfahrene Fachleute. Gleichzeitig sind wir nicht teuer mit rund 80 Euro pro Stunde. Wenn wir einmal im Monat bei unseren Kunden sind, reicht denen das oft. Die brauchen keine Vollzeitkraft im Rechnungswesen, weil der Betrieb einfach nicht so groß ist. Die Bandbreite der Kunden reicht von Start-ups bis zu großen Unternehmen, die Projekte haben, für die sie nicht sofort jemanden einstellen wollen. Da gibt es immer mehr Nachfrage. Viele Unternehmen haben auch keine Zeit mehr auszubilden. Darüber hinaus bieten wir Dienste an wie analytische Buchführung. Das beherrschen viele gar nicht.
Sie sagen, Sie engagieren sich auch für das Female Board Pool. Warum?
Canel Die Finanzaufsicht legt immer mehr Wert auf unabhängige und qualifizierte Verwaltungsräte. Gleichzeitig gibt es den Druck, mehr Frauen in die Verwaltungsräte zu holen. Female Board Pool schult jene Frauen, die schon die nötigen Voraussetzungen dafür mitbringen. Dadurch gibt es eine Datenbasis. Ich finde, das ist nicht nur eine tolle, sondern auch eine sehr notwendige Idee. Aber das ist nicht der einzige Bereich, in dem ich mich engagiere.
Was machen Sie noch?
Canel Ich bin im BNI, einem Netzwerk für Unternehmer aus ganz unterschiedlichen Bereichen, die sich einmal in der Woche zum Frühstück treffen. Und ich engagiere mich auch für „Toutes à l´école“, ein luxemburgischer Verein, der eine Schule für Mädchen in Kambodscha unterstützt. Das finde ich sehr wichtig. Außerdem habe ich auch noch eine Familie. Da bleibt am Ende nicht viel Zeit. Aber als Freelance-Managerin kann ich sie mir selbst einteilen.
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