LUXEMBURG
SVEN WOHL

Paule Daro über die Schriftstellerei, ihre Entwicklung und ihre Zukunft

Unter den jungen Stimmen der luxemburgischen Literatur hat sich Paule Daro längst etabliert. Sowohl in der Prosa als auch in der Lyrik unterwegs konnte sie sich eine Bühne erkämpfen. Aktuell studiert sie in Leipzig Romanistik und im Bachelor „Indologie, Tibetologie und Mongolistik“. Daneben lehrt sie auch noch Yoga und findet irgendwie auch noch Zeit zum Schreiben. Wir haben mit der Schriftstellerin über ihre Entwicklung, ihr Werk und ihre Zukunft gesprochen.

Hätten Sie, als Sie mit dem Schreiben begonnen haben, gedacht, dass Sie mit 21 so viel erreicht hätten?

Paule Daro Ich will nicht wirklich wahrnehmen, dass ich viel erreicht habe. Eher bin ich überrascht, dass ich mich persönlich so weiter entwickelt habe. Man kann sich natürlich nie vorstellen, was passieren wird, aber vor allem konnte ich mir nicht vorstellen welche Person ich werden würde. Lebensfroh und kreativ zu sein, das hätte ich mir im Alter von 15 Jahren, als ich mit dem Schreiben angefangen habe, nicht vorstellen können.

Ich bin unendlich dankbar dafür, dass ich wahrgenommen und veröffentlicht werde. Am meisten Freude bereiten mir die „Poetry Slam“-Workshops. Im Endeffekt ist es mir nicht so wichtig, wie viel ich veröffentlicht werde oder wie viel Aufmerksamkeit ich erhalte. Ich finde es eher super, welcher Mensch ich jetzt bin.

Ist diese Evolution auch in Ihrem Schreiben wieder zu finden?

Daro Als ich mit dem Schreiben begann, war da auch eine gewisse Obsession dahinter. Ich war zu der Zeit auch magersüchtig und habe mich etwas zum Schreiben gezwungen. Heute ist mein Umgang damit lockerer, ich habe mehr Spaß daran. Ich habe auch keine konkreten Ziele mit Hinblick auf eine Veröffentlichung. Ich schreibe, weil ich daran meine Freude habe. Ich war früher mal darauf fixiert, Schriftstellerin zu werden, das war ein großer Wunsch von mir. Das sehe ich heute entspannter und möchte mich nicht mehr so sehr darauf festlegen, was ich später einmal sein möchte.

Ich mache, was mir Spaß macht und dazu gehört auch Yoga praktizieren, Yoga Kurse geben, studieren, Freunde treffen. Schreiben ist nur noch ein Teil von all den Dingen, die ich tue. Das ist auch gut so.

Ist das auch eine Art der Selbstbefreiung, wenn man sich nicht mehr so sehr unter Druck setzt?

Daro Auf jeden Fall. Früher habe ich mich sehr stark unter Druck gesetzt. Vielleicht hat es auch deshalb so schnell geklappt, um veröffentlicht zu werden. Doch ich empfinde es als befreiend, mehrere Projekte in der Schublade aufzubewahren und dass ich mir auch etwas Zeit lassen kann. Ich habe auch festgestellt, dass es mir keinen Spaß machen würde, jeden Tag stundenlang zu schreiben. Deshalb möchte ich auch nicht Vollzeit-Schriftsteller werden. Doch das Schreiben gehört für mich zum Leben dazu.

Sie studieren gleich mehrere Felder: Indologie und Romanistik. Das ist eine breite Themenpalette. Hat dies einen Einfluss auf Ihre Schreiben?

Daro Es hat auf jeden Fall einen Einfluss, nicht nur auf mein Werk sondern auch auf mich als Person. Ich praktiziere Yoga seit ich 16 Jahre alt bin, und das täglich. Relativ früh zeigte sich mein Interesse für den magisch-mythischen Aspekt und ich habe auch zunächst Fantasy geschrieben. In der indischen Kultur sind das Übernatürliche und das Transzendentale Teil des täglichen Lebens. Das spiegelt sich auch in meinem Schreiben wider. In meinem neuen Buchprojekt sehe ich beispielsweise den Einfluss bei der Macht vom Wort - dass ein Wort, das gesprochen oder geschrieben wird, Wirklichkeit wird. Auch die Kraft der Weiblichkeit ist in der indischen Kosmologie präsent.

Die Fähigkeit, im Hier und Jetzt zu sein, die man im Yoga und den spirituellen Praktiken Indiens wiederfindet, fasziniert mich besonders. Das ist ein Zustand von Freude, Sorglosigkeit, wo man in einem größeren Zusammenhang absorbiert wird. Das spiegelt sich auch in einer meiner Figuren wieder.

In ihrem Gedicht, das im Rahmen der vorletzten „Lesbar“ im „Journal“ erschien, schreiben Sie:

„Ich bin mehr als

nur Individuumspoesie

Denn durch diese Worte bin ich verbunden mit dir“

Ist Literatur für Sie vor allem ein kommunikativer Prozess?

Daro Zuerst kommuniziere ich mit mir. Ich will allerdings auch mit anderen Menschen in Kontakt treten. Bei meinem ersten Roman ging es mir auch darum, zu zeigen, wie es sich anfühlt, psychisch krank zu sein. Damals habe ich mich ziemlich unverstanden gefühlt. Heute hilft mir das Schreiben, den Menschen eine neue, eine poetischere Sicht auf die Welt zu vermitteln. Es vermittelt mir eine Sinnhaftigkeit, wenn Menschen durch meine Texte berührt werden. Vor allem bei einem Poetry Slam öffne ich mich selbst und zeige, wie ich bin. Es wird immer dann spannend für mich, wenn die Menschen sich darin wieder erkennen. Bei einem unendlichen Romanprojekt ist das ein Stück weit schwieriger. Der kommunikative Prozess klappt dann eher in Lesungen und Workshops.

Versuchen Sie, eine Balance zwischen Lyrik und Prosa zu finden?

Daro Meine Vision ist es, meine Poesie direkt in die narrative Erzählung einfließen zu lassen. Eigentlich empfinde ich mich gar nicht richtig als Lyrikerin. Die Genres der Lyrik und der Prosa sind für mich nicht klar getrennt.

Jetzt, da Sie bereits einige zeitliche Distanz zu ihrem Werk erhalten haben: Wie blicken Sie darauf zurück?

Durch mein Schreiben verarbeite ich mein Leben und drücke mich aus. Es ist befreiend und ich gerate schnell in einen Flow, wo ich nicht mehr denken muss. Schreiben gibt meinem Leben Sinn und erlaubt es mir, mich weiter zu entwickeln.