LUXEMBURG/GENF
CORDELIA CHATON

Anne-Flore Marxer ist eine der besten Snowboarderinnen weltweit, engagiert sich für Frauenrechte, macht Filme und Ausstellungen - Wie passt das zusammen?

Sie stand schon auf Brettern, bevor sie laufen konnte. Anne-Flore Marxer wuchs schließlich in einer sport- und skibegeisterten Familie auf. So jagte sie früh Pisten ihrer Heimat in der Schweiz und Frankreich hinunter. Als sie gleiche Bedingungen für Frauen bei Sportwettbewerben forderte, fingen die Probleme an, die aus der Weltmeisterin im Snowboard-Freestyle schließlich eine Filmproduzentin machten. Uns hat die engagierte Spitzensportlerin exklusiv erzählt, warum es ganz logisch ist, dass sie Isländerinnen toll findet, derzeit eine Ausstellung in Genf organisiert und bald nach Luxemburg kommt.

Frau Marxer, wie sind Sie Snowboard-Weltmeisterin geworden?

Anne-Flore Marxer Ich komme aus einer Familie begeisterter Skifahrer, viele Mitglieder meiner Familie nahmen an Wettbewerben teil. Vielleicht deshalb habe ich früh eine Snowboardkarriere angestrebt. Snowboard ist künstlerischer und freier, jeder wählt seine Linie und schafft eine bestimmte Ästhetik, es ist der gleiche Esprit wie beim Tanz. Als ich anfing, war Snowboard noch nicht so strukturiert wie es das heute ist. Ich habe mit Freestyle angefangen, weil es noch keine Wettbewerbe gab. Da geht es steile Pisten hinunter, auf Hindernissen entlang, mit Saltos und Schanzen von mehreren Metern Höhe. Das war mein Ding, ich fühlte mich gut, konnte viel reisen. Meine Freunde ermunterten mich, Wettbewerbe mitzumachen. Damals gab es noch keine Frauen, weil die Organisatoren das für zu gefährlich hielten. Da ich genau so fuhr wie die Männer, war ich sauer und habe viel darüber gesprochen, Petitionen lanciert, Artikel geschrieben, Interviews gegeben oder an Konferenzen über die Sportentwicklung teilgenommen und damit Druck auf die öffentliche Meinung ausgeübt. So habe ich den Freestyle mitentwickelt und mich dafür eingesetzt, dass Frauen teilnehmen können und das gleiche Preisgeld erhalten. Das ging nicht schnell. Mit 19 durfte ich erstmals eine Demo auf der Loipe zeigen.

Wie haben Sie die Organisatoren überzeugt?

Marxer Wenn ihr repräsentativ sein wollt, wenn ihr das beste Niveau wollt, müssen Frauen auch dabei sein, habe ich denen gesagt. Denn die Reisen für Frauen nach China, Südkorea oder in die USA sind genauso teuer. Den Druck konnte ich auch ausüben, weil ich durch Sportvideos bekannt war. 2011 wurde ich in Chamonix dann erstmals zur Freeride World Tour zugelassen. Zu Beginn, als der Schnee noch frisch war, durften alle Männer fahren.

Ganz am Ende musste ich als Letzte laufen. Es war schon dunkel, überall gab es Fahrspuren und Steine auf der Piste, der Schnee war harsch. Beim Freeride jenseits der Piste ändern solche Bedingungen das Abfahrterlebnis komplett - und damit auch das von den Juroren bewertete Resultat. Während die Frauen der Kategorien Ski und Snowboard endlich losfahren durften, schauten Presse und Publikum zu, wie den Männern die Preise verliehen wurden - und keiner sah die weiblichen Teilnehmerinnen. So lief das bei der ersten Freeride-Weltmeisterschaft.

Hat Sie das nicht abgetörnt?

Marxer Als ich gesehen habe, wie die Frauen behandelt wurden, habe ich beschlossen, weiterzumachen. Denn wenn ich gewinnen würde, hätte ich die Möglichkeit, auf diese Diskriminierungen hinzuweisen und für die Frauen positive Änderungen im Sport herbeizuführen. Dieser Gedanke hat mich motiviert. So habe ich es zur Weltmeisterin gebracht. Das hat sich allerdings nicht im Preisgeld niedergeschlagen. Ich erhielt 1.200 Dollar, der vorletzte der 25 teilnehmenden Männer beim Skifahren dagegen 8.000 Dollar…

Bilder und Filme von mir gab es gar nicht. Doch ich merkte, dass ich als Siegerin ein Mikro erhielt und nutzte das, um über die Bedingungen für die Frauen zu sprechen. Ich habe jeden Winter an Wettbewerben teilgenommen und war 2016 und 2017 nochmal Vizeweltmeisterin. Bei allen Wettkämpfen mussten Frauen mehr zahlen, hatten schlechtere Unterkünfte und erhielten viel weniger Preisgeld. Wir haben eine Liste mit Forderungen aufgestellt. Wer Millionen verdient und von zahlreichen Helfern umgeben ist, hat ganz andere Bedingungen als Frauen. Das ist ein Problem. Da nichts passierte, habe ich mich an die Presse gewandt. Am Ende mit Erfolg: Das Preisgeld stieg und Frauen wurden in den Freeride eingebunden. Man muss wissen: 40 Prozent der Teilnehmerinnen sind Frauen, aber alle Organisatoren Männer. Ich war es leid, in diesem Narrativ Sport zu machen. Dazu kam die Sache mit dem französischen Sportmagazin „L’Equipe“. Die haben Wintersportlerinnen wie mich abgebildet – im Bikini. Das Foto hatten sie von meiner Instagram-Seite geklaut. Und das haben sie nicht nur einmal, sondern gleich zweimal hintereinander gemacht!

Wie sind Sie dann zum Film gekommen?

Marxer Direkt nach der Weltmeisterschaft 2017 bin ich ins Flugzeug nach Island gestiegen, um dort zehn Tage abzuschalten. So habe ich die Isländerinnen kennen gelernt und war beeindruckt, fing an, mich mit ihrer Geschichte zu beschäftigen und kam im Winter darauf mit einer deutschen Snowboarderin und einem Kameramann wieder. Die Idee zum Film kam durch die Realität. Bis dahin waren in Snowboard-Filmen nur Männer zu sehen. Also redete man über Virilität und Mut. Doch im Publikum sitzen 40 Prozent Frauen, für die das enttäuschend ist. Mit dem Film wollte ich dieses Narrativ verändern. Wenn man in die Berge geht, ist es doch für die Magie, für diese Welt, und nicht, um zu sterben. Und Frauen vollbringen tolle Sachen. Ich wollte kleine Samen der Inspiration setzen. Wenn Frauen das erzählen, dann ist das anders. Die Isländerinnen sind ein großartiges Beispiel und deshalb wollte ich diesen Film machen.

Sie haben auch eine Kollekte für syrische Flüchtlinge durchgeführt. Was inspiriert Sie?

Marxer Ich mag Projekte, die Sinn haben und denke, wenn ich was machen kann, was einen Wert hat, der meine Person übersteigt, dann bin ich froh.

Welche Reaktion gab es auf Film?

Marxer Alles, was mit dem Film passiert, ist außergewöhnlich! Auf dem ersten Festival hat er einen Preis gewonnen, dann auf dem zweiten Festival in Hollywood ebenfalls… und so ging es weiter, während ich ihn ein Jahr lang überall auf der Welt gezeigt habe, von den USA über die Schweiz bis Pakistan. Jetzt sind es jetzt mehr als 17 Auszeichnungen. Der Film ist rund um die Welt gezeigt worden. Jedes Mal gibt eine echte Emotion im Publikum. Viele Frauen, vor allem junge, sind inspiriert. Nach der Vorführung folgten immer lebhafte Diskussionen, an denen alle teilnehmen, auch Männer. Sie denken echt darüber nach, wie man etwas ändern kann. Ich habe den Film auch an Orten gezeigt, wo das Publikum skeptisch war, beispielsweise in Russland. Der erste, der nach der Vorstellung das Wort ergriffen hat, war ein großer, kräftiger Russe, der zu Tränen gerührt war. So ging es auch vielen anderen, auch aus dem Snowboardmilieu. Einige von ihnen machen Filme. Ein Snowboarder, der selbst Filme darüber macht, ist heute selbst Vater und findet es jetzt wichtig, Frauen einzuschließen. Mein Film hat was ausgelöst, das war ein Wendepunkt. Der Film wurde beispielsweise in Schulen in Island und Frankreich gezeigt. Im Schweizer Kanton Vaud wird er sogar Pflicht für die Schüler.

Mittlerweile sind Sie aber in Genf in Sachen Ausstellung aktiv…

Marxer Ja, Ich arbeite zurzeit an einer Ausstellung über den Streik der Frauen in der Schweiz für gleichwertigen Lohn, die von Mitte bis Ende November läuft. Denn als ich von der Filmtournee in die Schweiz zurück kam, habe ich gemerkt, dass dieser Streik der Frauen in Vorbereitung ist und konnte diesen Tag miterleben, gemeinsam mit 75.000 Frauen in den Straßen von Genf. In der gesamten Schweiz waren eine halbe Million Frauen auf der Straße. Seit dem 21. Oktober arbeiten statistisch gesehen Frauen gratis, weil sie rund 20 Prozent weniger verdienen als Männer.
In der Reihe „Femmes d’exception“ zeigt der Luxemburger Verein „Femmes Pionnières“ am Donnerstag, 7. November um 19.00 den Film „A Land Shaped by Women“ im Festsaal des Schlosses von Mamer (Adresse: Place de l’Indépendance). Aus diesem Anlass wird die Filmemacherin und Snowboard-Weltmeisterin im Freestyle, Anne-Flore Marxer, selbst anwesend sein. Sie steht im Anschluss an die Vorführung des Films, in dem es vor allem um isländische Frauen geht und der auf zahlreichen Festivals weltweit mittlerweile 17 Mal ausgezeichnet wurde, für Diskussionen mit den Zuschauern zur Verfügung. Das Event ist dank der Unterstützung durch das Gleichstellungsministerium, das Sportministerium, die Gemeinde Mamer, den nationalen Frauenrat und das isländische Konsulat gratis, die Organisatorinnen bitten jedoch um Einschreibung über ihre Webseite.

www.femmespionnieres.lu