LUXEMBURG
CORDELIA CHATON

Welche Perspektiven haben kleine und mittlere Unternehmen angesichts der Globalisierung und der Freihandelsabkommen? Eine Diskussion in der Handelskammer

Gérard Zoller arbeitet bei einem mittelständischen Unternehmen in Luxemburg. Der CEO von „Peintures Robin“ beschäftigt 108 Mitarbeiter und exportiert rund ein Drittel der Produktion. Aber wenn er seine Farben nach Frankreich ausführen will, braucht er einen französischen Label, wenn er nach Deutschland exportiert, muss er eine DIN-Norm erfüllen. „Das ist Protektionismus - und das ist das Problem“, sagt Zoller.

Welche Möglichkeiten haben Unternehmen wie das seine, von der Globalisierung und den steigenden Freihandelsabkommen zu profitieren? Darum ging es gestern in der Handelskammer. Neben hochkarätigen Rednern wie Außenminister Jean Asselborn und EU-Handelskommissarin Cecilia Malmström waren auch Zoller, Business Angel Larissa Best sowie die stellvertretende Direktorin der Abteilung Innovation und Konkurrenz des französischen „Observatoire Français des Conjonctures Economiques“ zu einer Podiumsdiskussion gekommen. An Zuschauern fehlte es nicht. Neben zahlreichen Botschaftern verfolgten gleich drei Schulklassen das Geschehen.

Die Diskussion fand aus aktuellem Anlass statt. Denn erst vergangene Woche Donnerstag war das Wirtschafts- und Handelsabkommen CETA zwischen der EU und Kanada vorläufig in Kraft getreten. Jetzt müssen die Mitgliedsstaaten dem Abkommen noch zustimmen. Von dem Abkommen sollen insbesondere kleine und mittlere Unternehmen (KMU) profitieren, weil sich für sie der Verwaltungsaufwand reduzieren soll. Dazu entfallen die Zölle auf 98 Prozent aller zwischen Kanada und der EU gehandelten Waren. Die EU spricht von Einsparungen von bis zu 590 Millionen Euro jährlich.

Welthandel nimmt zu

Handelskammerdirektor Carlo Thelen verwies auf Zahlen der Welthandelsorganisation, laut denen der Welthandel von 2,4 Prozent auf 3,6 Prozent zugenommen hat. Die Aussichten seien gut, auch wenn Naturkatastrophen und Freihandelsrestriktionen Gefahren darstellten, ebenso wie nationalistische Tendenzen wie sie in der deutschen Bundestagswahl zu sehen seien. „Wir finden regelmäßig Bremsen für den Freihandel“, bedauerte Thelen mit Blick auf Malmström. Das reiche von mangelnder Kenntnis der gemeinsamen Anerkennung bis hin zu Diskussionen zwischen verantwortlichen Stellen, übertriebene Regulierung und Vertrauensmangel. „Der Wert des Freihandels ist nicht mehr der gleiche“, monierte Thelen. Die Handelskammer will eine Expertengruppe zum Thema einsetzen. Wie schwer es für KMU ist, zeigte Thelen anhand von Zahlen: 65 Prozent der Exporte in Luxemburg entfallen auf die zehn größten Unternehmen des Landes - und das, obwohl 2.400 Unternehmen exportieren. „Das ist noch viel Platz für Entwicklungen“, ist Thelen sich sicher. Er gab Malmström Botschaften mit: Luxemburg ist ein gutes Beispiel für Freihandel, doch es gelte, das Niveau angesichts nationalistischer Tendenzen zu halten, zuzuhören und zu handeln.

Europa als Chance

Außenminister Asselborn betonte, wie sehr Malmström sich für CETA angestrengt habe. „Europa wird oft als Gefahr gesehen, nicht als Chance“, bedauerte er. Dabei passiere viel Positives, so würde Europa beispielsweise Normen zur Lebensmittelsicherheit exportieren und Themen wie Arbeitsrecht und Klimaschutz fänden zunehmend Berücksichtigung in internationalen Abkommen. Ein Freihandelsabkommen mit den USA sieht er vorerst nicht. „Das Transatlantic Trade and Investment Partnership, kurz TTIP, ist nicht möglich, so lange die USA den Klimaschutz und das Pariser Abkommen nicht respektieren“, bedauerte Asselborn, der doch noch auf ein Einlenken Trumps hofft. Möglich sei auch, dass die EU Freihandelsverträge in Zukunft so aufteilt, dass ein Teil nicht den nationalen Parlamenten vorgelegt werde. Auch zum Brexit äußerte er sich kurz. „Dabei werden alle verlieren“.

Cecilia Malmström betonte, dass jeder siebte in der EU vom Export abhängig sei. „Deshalb wollen wir die Handelshindernisse beseitigen.“ Derzeit arbeitet die EU an einem Abkommen mit Südkorea. Davon könnten auch Unternehmen in Luxemburg profitieren meinte Malmström mit Verweis auf das hiesige Digital-Tech-Unternehmen Inui, das bereits mit Samsung einen Vertrag geschlossen hat, Bofferding, das Bier nach Kolumbien exportiert oder den Sicherheitsringspezialisten Codipro, der seinen Verkauf nach Südkorea um 500 Prozent steigern konnte.

Weitere Abkommen will Malmström in Kürze mit Japan und bis Jahresende mit Mexiko sowie den Mercosur-Ländern Brasilien, Argentinien, Paraguay, Uruguay und Venezuela schließen. Verhandlungen mit Australien und Neuseeland laufen. „Aber wir wollen Handel nicht um jeden Preis. Er muss auf Werten beruhen“, sagte Malmström, der sehr bewusst ist, das chinesische Stahlsubventionen und der Marktzugang in China ein Thema bleiben.

Larissa Best, die als Business Angel und Gründerin Erfahrung hat, meinte: „Freihandel macht den Kuchen zwar größer. Aber die Frage ist: Wer kriegt diese Stücke?“ Für Zoller ist auf jeden Fall klar: Die großen Konzerne leichter als die KMU. Denn sie haben Abteilungen für Recht und Verwaltung.