BETTEMBURG
GUSTY GRAAS

Er kämpfte für die Befreiung von Guinea-Bissau und Kap Verde: Vor 45 Jahren starb Amilcar Cabral

Unter den Revolutionsführern ragt sein Name nicht besonders heraus: Lenin, Mao oder Che Guevara verkörpern eher die Mythen revolutionärer Bewegungen. Wer sich aber mit der Biografie von Amilcar Cabral befasst, dem begegnet ein Mensch mit Idealen für eine bessere Gesellschaft, der die Unterdrückung durch die portugiesische Kolonialmacht in seiner Heimat, Guinea (heute Guinea-Bissau) und Kap Verde, nicht länger dulden konnte. Cabral, von schwarzer Hautfarbe, war aber mehr als ein Revolutionsführer, er war ein gebildeter Mann mit großem philanthropischem Gedankengut.

Bis 1879 stand das portugiesische Guinea unter der Kolonialregierung von Kap Verde, war der Inselstaat im Atlantik doch immer die bedeutendere der beiden Kolonien. Noch in den späten 1930er Jahren wurden die verschiedenen Ethnien in Guinea mit brutaler Gewalt bekämpft, obwohl dieses Territorium für die Portugiesen nicht von besonders großer wirtschaftlicher Anziehungskraft war. Mit der Einsetzung eines faschistischen Regimes durch António de Oliveira Salazar im Jahre 1926 rutschte die einst stolze Kolonialmacht Portugal in die Mittelmäßigkeit ab. Die Kolonialkriege nagten bald an der Substanz des Landes.

Sensibilität für Probleme seines Landes

Amilcar Cabral, am 12. September 1924 als Sohn eines Lehrers und einer Geschäftsfrau in Bafatá (Guinea) geboren, siedelte 1928-29 auf Kap Verde über, wo die sozialen und wirtschaftlichen Verhältnisse in den 30er und 40er Jahren katastrophal waren. In jungen Jahren begeisterte Cabral sich schon für Kultur und Literatur. 1942 veröffentlichte er die Erzählung „Fidemar“. Bekannt ist zudem sein Werk „Hoje e amah?“. Es waren vor allem diese schwierigen Lebensumstände auf dem Archipel - Trockenheit, Hungersnöte sowie die ungleiche Landaufteilung - die Cabrals Schriften beeinflussten. Nach dem Abschluss seiner Sekundarstudien kehrte er 1944 in die Hauptstadt von Kap Verde, Praia, zurück, wo er für die nationale Druckerei arbeitete. Da er in den Genuss einer finanziellen Unterstützung kam, konnte der ausgezeichnete Schüler im Oktober 1945 in Lissabon ein Studium der Landwirtschaft beginnen. Dort lernte er auch die Weiße Maria Helena Rodrigues kennen, die er im Dezember 1951 heiratete. 1953 kam die gemeinsame Tochter Iva auf die Welt.

Bereits in frühen Jahren keimte in ihm der Gedanke, seine Heimat von der portugiesischen Knechtschaft, deren Legitimität er infrage stellte, zu befreien. Cabral bezeichnete sich selbst als Afrikaner und seine große Liebe galt der afrikanischen Kultur. Er imponierte in seinem Umfeld durch Toleranz, Freundlichkeit und eine starke Persönlichkeit. Zusammen mit mehreren Freunden gründete er die Zeitschrift „Mensagem“. Seine Sendungen auf „Radio clube de Cabo Verde“ fielen unter die Zensur der portugiesischen Kolonialherren, doch sollte sein Einsatz für ein afrikanisches Leitbild weiterhin ungebremst bleiben. In dieses Schema passte ebenfalls die Schaffung des „Centro de estudos africanos“ (CEA) in Lissabon im Jahre 1951. Zusammen mit seinen Mitstreitern kam er aber zur Überzeugung, dass man über die Grenzen des kleinen intellektuellen Zirkels hinaus aktiv werden müsste. Im „Clube Maritimo“ unterhielten sie sich dann regelmäßig mit afrikanischen Seemännern.

Da er ein öffentliches Amt bekleidete, fanden manche Treffen heimlich statt. Nach seiner Rückkehr im Jahre 1955 nach Portugal trat er der angolanischen Firma CADA bei. 1957 wechselte er zur „Sociedade agrícola de Cassequel“.

Die Gründung der Unabhängigkeitspartei

Als Architekt der am 19. September 1956 in Guinea gegründeten PAIGC (Partido africano da independência da Guiné e Cabo Verde) war Cabral maßgeblich am Erfolg der Revolution beteiligt. Etwas diskreter wirkte er ebenfalls in Angola, wo der portugiesische Kolonialismus seine besondere Härte zeigte.

Er bereiste viele Teile Guineas und konnte somit sein Bild über die schwierige Lage der Einwohner schärfen. Berufliche Erfahrungen erleichterten ihm den Weg zu seinen politischen Zielen. Heimliche Besuche in mehrere Länder, unter anderem Frankreich, England, Schweiz und China, sollten ihm zusätzlich die Gewissheit liefern, dass die Unabhängigkeit nur mittels Gewalt erreicht werden könnte. Ein Schlüsselelement für diese Überzeugung war das Pidjiguiti Blutbad in Guinea am 3. August 1959, wo mindestens 50 streikende Hafenarbeiter erschossen wurden. Daraufhin verstärkte Portugal seine militärische Präsenz in Guinea.

Ab dem September 1962 kamen die PAIGC-Führer zur Schlussfolgerung, dass ein bewaffneter Kampf gegen die Kolonialherrschaft unumgänglich sei. Junge Militanten wurden zur Ausbildung nach China, Marokko, Tunesien und Algerien entsandt. Die Schlacht um die Insel Como Anfang 1964 bedeutete ein erster militärischer Test für den PAIGC.

Bis zu 950 Portugiesen kamen dabei ums Leben. Der PAIGC war übrigens eine der wenigen afrikanischen Bewegungen, die nicht unter einer internen ideologischen Zerrissenheit litt. Allerdings gab es trotzdem Spannungen innerhalb der Partei, da etliche Guerillaanführer ihre eigenen Wege beschritten und nicht vor grober Gewalt haltmachten.

Der Revolutionsführer war aber ebenfalls ein gewiefter Diplomat, der für das Erreichen seiner Ziele auf die internationale Unterstützung setzte. Waffen wurden dem PAIGC vornehmlich aus der Sowjetunion und von deren Alliierten geliefert. Schweden war das erste westliche Land, das finanzielle Hilfe gewährte. Die Niederlande, Deutschland, Belgien und Kanada sagten Cabral ebenfalls ihre Unterstützung zu. Sogar der französische Philosoph Jean-Paul Sartre beschäftigte sich 1962 in seiner Zeitschrift „Les Temps modernes“ mit Cabral.

Wahlen für eine breite Legitimität

1965 hatten die Rebellen bereits 30 Prozent des Territoriums besetzt. Der zehn Jahre dauernde Krieg in Guinea nahm zusehends dramatische Ausmaße an, setzten die Portugiesen doch verstärkt Helikopter ein. Bis zu 20.000 Menschen hatten während des Konfliktes ihr Leben verloren. Kap Verde war von den Kriegswirren verschont geblieben. 1971 sah Cabral die Chance gekommen, die Unabhängigkeit seiner Heimat in die Wege zu leiten. 1972 ließ er Wahlen organisieren, um seinem Vorhaben eine breite Legitimität zu verleihen. Dieser gelungene Schachzug führte dazu, dass in der UNO-Vollversammlung im Oktober 1972 der PAIGC mit 105 gegen fünf Stimmen als die einzige Vertretung des Volkes von Guinea anerkannt wurde. Die Unabhängigkeitserklärung erfolgte schließlich am 24. September 1973 in Boé. Cabral konnte diesen historischen Akt nicht mehr erleben: Am 20. Januar 1973 um 22.30 wurde er in Begleitung seiner Frau vor dem Gebäude der PAIGC von Inocêncio Kani, einem Mitglied der Partei, erschossen. Es folgte eine interne Säuberung in der Partei und zehn Mitglieder, unter ihnen Kani, wurden hingerichtet. Obwohl 1967 schon ein Attentatsversuch auf Cabral unternommen worden war, verzichtete er immer wieder auf einen spezifischen Personenschutz.

Der Revolutionsführer verteidigte wohl sozialistische Ideen, doch beruhte sein Wirken eher auf einer pragmatischen als auf einer ideologischen Basis. Vorbehalte hatte er zum Marxismus-Leninismus. Ihm ist es vornehmlich zu verdanken, dass Guinea-Bissau und Kap Verde, ein Land mit dem Luxemburg heute enge Kontakte pflegt, von den faschistischen portugiesischen Fesseln befreit wurden.

Gusty Graas

Bibliografie: Amilcar Cabral, Patrick Chabal, Africa World Press, Inc., 2003.