LUXEMBURG/HASSEL
PIERRE WELTER

Hassel: Spektakuläre Wende in einem spektakulären Prozess

Tränenüberströmt nahm der Angeklagte Jérémy B. das Urteil zur Kenntnis: Freispruch im Berufungsprozess um den Mord an Camille K. für alle Angeklagten, sie hätten die Tat nicht begangen, erklärte das Gericht. Die Suche nach den Schuldigen müsse damit von vorne beginnen, hieß es in den Kommentaren.

Der Fall um die Ermordung Camille Ks. im Jahr 2010 in Hassel ging gestern in seine letzte Runde. In der Nacht vom 1. November 2010 wurde der 69-jährige Rentner in seinem Haus in Hassel von Unbekannten im Schlaf mit einer Axt erschlagen. Das Gericht war der Auffassung, dass es sich hier um einen Mord aus Heimtücke handelte. Heimtücke gilt als Mordmerkmal, wenn die Arg- und Wehrlosigkeit des Opfers ausgenutzt wird.

Die Ermittlungen gestalteten sich laut Polizei als äußerst schwierig: Neben dem Bett finden die Beamten ein umgedrehtes Kreuz sowie eine Bibel, in der ein Messer steckte. In der aufgeschlagenen Bibel steht das falsch geschriebene Wort „Pedofile“. Hatten die Ermittler es hier mit einem Mord im Beziehungsgeflecht einer christlichen Sekte zu tun? In einem Schriftvergleich stellte sich bald heraus, dass das mysteriöse Wort „Pedofile“ zu 90 Prozent mit der Schrift von Charles C. übereinstimmte.

Verbitterung gegenüber Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht

Das Gericht kam in erster Instanz zur Überzeugung, dass der Adoptivsohn von C., Pascal K., und dessen Freund Jérémy B. den Mord in Auftrag gegeben hatten. Charles Edouard C. soll der bezahlte Mörder gewesen sein. K. und B. wurden in Versailles verhaftet und mit C. am 8. Januar 2014 in Luxemburg in einem Indizienprozess zu lebenslangen Haftstrafen verurteilt.

In ihren Plädoyers warfen die Anwälte der Staatsanwaltschaft vor, sich bei den Ermittlungen zu früh auf ihre Mandanten festgelegt zu haben. Es fehle sowohl an eindeutigen Beweisen sowie an einem Motiv der Angeklagten.

Die Angeklagten selbst warfen der Justiz schwere Fehler bei der Würdigung der Beweisstücke vor, die die Polizei am Tatort sichergestellt hatte. In erster Instanz hatten die Verurteilten sich über Polizei, Staatsanwaltschaft und Gericht im Prozess verbittert geäußert. Sie redeten Tacheles - und droschen dabei ordentlich auf all diejenigen ein, die sie ins Gefängnis und vor Gericht gebracht hatten. Die Anwälte legten dann auch vor dem Appellationsgericht in Luxemburg Berufung ein. Im „Appel“ klangen die Worte der Angeklagten manchmal extrem zynisch, man hätte den Glauben an die luxemburgische Justiz komplett verloren. „Wieso hätten wir uns an diesem Mord beteiligen sollen“, fragte K. immer wieder, „wir hatten keinen Grund dazu. Manche Zeugen haben gelogen und die Staatsanwaltschaft hat ihnen geglaubt.“

Gewichtige Einwände gegen polizeiliche Beweisführung?

Die Anwälte hofften auf Freispruch, denn vieles in diesem Prozess schien unklar und auch dubios - Zweifel an der Schuld führen nach dem Grundsatz in „dubio pro reo“ zu einem Freispruch. Zumal die Verteidiger immer wieder betonten, dass sich die zuständigen Ermittler in wichtigen Fragen oft nur mit Andeutungen begnügten und mit leichter Hand über Schwierigkeiten hinweg gingen. Ebenso kamen die Verteidiger auf Alternativtäter zu sprechen. Ganz besonders regten sich die Verteidiger über die Tatsache auf, dass im Vorfeld keine Untersuchungen zu Robert K. eingeleitet wurden, der das Opfer kurz vor seinem Tod in seinem Haus besucht hatte.

„Wir haben keinem Menschen Gewalt angetan“

Die drei Männer leugnen die Tat bis heute: „Wir habe keinem Menschen Gewalt angetan“, sagte Pascal K. Davon war die Staatsanwaltschaft allerdings nicht überzeugt. Die drei Angeklagten seien als Mörder zu verurteilen, hatte die Staatsanwältin Jeanne Guillaume in Berufungsinstanz gefordert, und bekräftigte, von der Täterschaft der drei Angeklagten überzeugt zu sein. Verteidiger und Angeklagte sahen die Sache anders: Wir glauben unseren Mandanten“, betonten die Verteidiger einstimmig am 20. Januar 2015. Dann das Urteil: Freispruch für die drei Angeklagten. „C’est une décision courageuse de la part du tribunal“, resümierte der Verteidiger des Angeklagten C..