LUXEMBURGPATRICK VERSALL

Lesenswerte Textsammlung „En partage - Le Luxembourg d’ici et d’ailleurs“

Eine der Hauptcharakteristiken der luxemburgischen Literatur ist ohne Zweifel die sprachliche Vielfalt. Die Wahl der benutzen Sprache obliegt bei belletristischen Werken den einzelnen Autoren; an Beispielen von Literaten, die sich während ihrer Karriere aller drei im Großherzogtum benutzten Sprachen bedienen, mangelt es in der luxemburgischen Literaturgeschichte nicht. Nicht selten beeinflussen der familiäre Hintergrund oder der Lebenslauf des Autors die Sprachwahl.

Die kürzlich bei Editions Phi erschienene, von Corina Ciocârlie zusammengestellte Textsammlung „En Partage- Le Luxembourg d’ici et d’ailleurs“, umfasst zwölf kurze Texte von luxemburgischen oder in Luxemburg lebenden Autoren, die Reflexionen zu ihren eigenen familiären Wurzeln oder zur Thematik der Migration in Luxemburg anstellen. Eine Thematik die seit Jean Portantes „La mémoire de la Baleine“ fest im luxemburgischen Literaturbetrieb verankert ist.

Portante unternimmt in seinem Beitrag einen gedanklichen Streifzug durch Differdingen, die Häuser der Südmetropole werden zu historischen Spuren italienischer Maurerarbeit. Die Immigranten aus Südeuropa begegnen den Bauwerken mit Ehrfurcht, blicken durch sie hindurch zurück in die Vergangenheit, in das Land ihrer Vorfahren. Der Exil-Luxemburger Pierre Joris wagt einen Blick von außen auf das Land seiner Kindheit, thematisiert die Distanz, die emotionale wie auch die räumliche, die sich wie ein Keil zwischen ihn selbst und Luxemburg schiebt. „Am I a foreigner in Lëtzeburg or is Lëtzeburg a foreigner in me?“. DieBeobachtung zweier farbiger Jungen in Diekirch, die sich des lokalen Dialekts bedienen, um sich verbal die Köpfe einzuschlagen, stimmt den Wahl-Amerikaner äußerst optimistisch „That’s when I knew there was still hope for the country, and that thee would always be real Lëtzeburgers“

Intellektuelle Trägheit

Michèle Thomas Gang durch die Hauptstadt ihrer Jugend avanciert zu einer Begegnung mit einer ihr fremden sprachlichen Gegenwart, in der die „Aborigines die Sprache ihrer Mägde und Knechte sprechen“. Ob man sie der Ausländerfeindlichkeit bezichtigen könne, lautet eine Frage, die der Erzähler an die Leser richtet.

Nein, sie hält lediglich einem physisch wie intellektuell träge gewordenen Volk den Spiegel vor. Tullio Forgiarini schildert, wie er während seiner Schülerzeit seinen Nachnamen als Ballast empfand, er, der als waschechter „Neiduerfer“ auf einmal von seinen Mitschülern in die Ausländerecke gepresst wurde. Die zwölf mehrheitlich kurzweiligen Texte beleuchten das Thema Migration unter sehr unterschiedlichen Blickwinkeln. Bis auf zwei, oder vielleicht drei Ausnahmen gefallen die Kurzgeschichten durch ihre prägnante, witzige Sprache. „En Partage: le Luxembourg d’ici et d’ailleurs“ ist Sommerlesestoff für all diejenigen, die während der heißen Jahreszeit ihre grauen Zellen nicht komplett herunterfahren wollen.


„En partage-Le Luxembourg d’ici et d’ailleurs“-
Zwölf Kurzgeschichten auf Luxemburgisch, Deutsch,
Französisch und Englisch. 97 Seiten. Verlegt von
den Editions Phi und der Stadt Luxemburg