LUXEMBURG
NIC. DICKEN

Was sich derzeit um die Flüchtlinge auf der griechischen Insel Lesbos, am äußersten Rand der europäischen Staatengemeinschaft abspielt, spottet jeglicher Beschreibung hinsichtlich des Anspruchs der EU, sich als Wertegemeinschaft gegenüber anderen Weltregionen zu profilieren.

Seit geschlagenen fünf Jahren gibt Europa in der für das humanitäre Selbstverständnis essentiellen Flüchtlingsfrage ein Bild ab, das erbärmlicher und beschämender nicht sein könnte.

Immer offensichtlicher wird, dass die Herangehensweise an die Problematik der Flüchtlingsströme aus dem Nahen und Mittleren Osten, nicht zuletzt aber auch aus Schwarzafrika, letztendlich das tiefe Zerwürfnis zutage fördert, das die im 21. Jahrhundert erweiterte Union charakterisiert.

Dass wegen etwa 13.000 Flüchtlingen an der Pforte Europas nun einmal mehr ein Bruch der 500 Millionen Einwohner zählenden Staatengemeinschaft droht, hat weniger mit der eigentlichen Problematik selbst als vielmehr mit dem moralischen Zustand einer EU zu tun, die sich zwar gerne als Fanal von Freiheit, Demokratie und Menschenrechten sieht, in Wirklichkeit aber immer wieder in das Verhaltensmuster von gerissenen, egoistischen und bedenkenlosen Krämerseelen zurück fällt.

Dass ausgerechnet jene Staaten, die von Mitgliederparteien der Europäischen Volkspartei (EVP) regiert werden – erwähnt seien in diesem Zusammenhang Österreich, Ungarn, Polen, aber auch der deutsche Freistaat Bayern! – der Aufnahme weiterer Flüchtlinge abweisend bis zögerlich gegenüberstehen, wirft ein fragliches Licht auf den Gemütszustand einer Parteienfamilie, die nach außen hin ein christliches Weltbild aus Nächstenliebe, Brüderlichkeit und Solidarität abgeben will. Wer als Partei solche Freunde hat, kann auf erbitterte Feinde sehr wohl verzichten.

Die Rechnung für diese innerparteiliche Uneinigkeit zahlen aber nicht etwa die zerstrittenen Politiker selbst, sondern eben jene Flüchtlingsfamilien, die im Glauben an die europäischen Werte die Flucht über Tausende Kilometer auf sich genommen haben, um endlich in Frieden leben zu können. Der größte Teil der aus dem vorderen Teil des asiatischen Kontinents stammenden Flüchtlinge wurde, gegen Zahlung von Milliarden harter Euro, in der Türkei „zwischengelagert“, die übrigen hält man – teilweise schon seit Jahren - in Auffanglagern an der EU-Außengrenze fest, wo sie, wie Moria jetzt einmal mehr verdeutlicht hat, unter menschenunwürdigen Bedingungen dahin vegetieren und mit fortdauernder Ungewissheit jegliche Hoffnung auf de Rückkehr in normale menschliche Lebensbedingungen verlieren müssen.

Der Brand auf der griechischen Ägäis-Insel war nicht nur ein weiterer Akt in der Tragödie der Bürgerkriegsflüchtlinge aus Afghanistan, Irak und Syrien, er kann symbolisch auch für die Aufgabe des letzten Restes an Menschlichkeit gesehen werden, den Europa in der Welt unter Beweis stellen will.     
Auf Lesbos trägt die EU ihre eigene Würde, oder was davon noch geblieben ist, zu Grabe.