LUXEMBURG/ESCH
DANIEL OLY

Die „Escher Bibliothéik“ blickt auf 100 Jahre zurück - und gibt einen Ausblick auf die Zukunft der Bibliotheken in Luxemburg

Hundert Jahre alt, und doch kein bisschen staubig: Die öffentliche Bibliothek in Esch blickt auf hundert Jahre Geschichte zurück, seit sie 1920 zur Stadtbibliothek ernannt wurde - zuvor war sie eine Schul-, ab 1909 eine Volksbibliothek. Der Ursprung der „Escher Bibliothéik“ reicht also noch wesentlich weiter zurück, als die Feierlichkeiten zum „Centenaire“ durchblicken lassen.

Umso angebrachter, sich ausgiebig mit sich selbst zu beschäftigen - ein Rückblick auf reichlich Bibliotheksjahre, aber nicht nur damit, wie die Bibliothek früher ausgesehen hat, sondern damit, wie sie in Zukunft aussehen könnte. Zu diesem Zweck luden die Verantwortlichen der „Bibliothéik“ am gestrigen Sonntag zu einem Rundtischgespräch mit Experten, um über künftige Visionen und neue Konzepte zu sprechen. Vorneweg stand eine zentrale Idee: Wie sieht die Bibliothek der Zukunft aus - nicht nur in Esch, sondern im ganzen Land.

„Wir haben ein Talent dazu, uns anzupassen“ sagt Tamara Sondag, Bibliotheksleiterin
Foto: Editpress/Isabella Finzi - Lëtzebuerger Journal
„Wir haben ein Talent dazu, uns anzupassen“ sagt Tamara Sondag, Bibliotheksleiterin Foto: Editpress/Isabella Finzi

Klischees überwinden

„Eins ist klar, das Klischee einer mucksmäuschenstillen Bibliothek und das staubige Image von vergilbten Büchern können wir nur langsam und schrittweise überwinden“, meint Tamara Sondag, Leiterin der Escher Bibliothek, im Gespräch. So habe sich gerade im Zuge der Digitalisierung das Image einer veralteten Institution hartnäckig gehalten. „Aber wir sind immer noch da, wir haben uns angepasst - auch, wenn die Menschen uns längst abgeschrieben und zum Scheitern verurteilt haben“, erklärt sie.

Moderne Bibliotheken wie die Einrichtung in Esch entwickeln sich nämlich weiter. „Wir haben ein Talent dazu, uns anzupassen; wir machen nicht mehr nur eine Verwaltung des Bestands, sondern werden immer stärker zu einem Service-Anbieter“, betont sie. Hinzu komme die soziale Komponente: In der Bibliothek darf jeder Platz finden, für alle Menschen ist etwas dabei. „Die zentrale Aufgabe bleibt: Wir bieten Informationen“, erklärt Sondag. Aber statt Karteisystem setzt man heutzutage stärker auf frei verfügbaren Bestand, und die Bibliothek wandelt sich stärker zu einem modernen Treffpunkt, bei dem man in aller Ruhe lernen, aber auch Neues entdecken oder sich treffen kann. „Uns hilft auch, dass die Menschen einsehen, dass Suchmaschinen allein nicht das Wahre sind“, lacht sie.

Zu diesem Zweck organisieren Bibliotheken heutzutage viel mehr öffentliche Events, um den Wissensschatz verfügbar zu machen. „Ein gutes Beispiel sind die häufigen Lesungen“, meint Sondag. Zudem kommt auf die Kuratoren immer mehr Arbeit zu, um einen Roten Faden durch die Kollektion zu führen. Pädagogischer, aber auch digitaler - mit dem erfolgreichen Angebot von E-Books oder den Überlegungen, auch ein Audiobook-Portfolio aufzubauen, zum Beispiel - muss es sein. „Daneben haben wir mit den Arbeiten für das Kulturjahr 2022 und den Kooperationen mit anderen Bibliotheken sowieso viel zu tun.“

Soziales Zentrum werden

Die Zeit stand also schon in den vergangenen Jahren nicht still, in Zukunft sieht das den Experten zufolge nicht anders aus. „Wir verstehen uns als einen wichtigen Bestandteil der Gesellschaft; wenn diese diverser wird, werden wir es auch - man siehe nur die steigende Nachfrage nach englischsprachiger Literatur“, sagt Sondag. Wer eine moderne Bibliothek sein möchte, müsse zudem zum sozialen Treffpunkt werden. „Dabei ist Inklusion das wichtige Stichwort; Kultur gehört uns allen, und wir können niemanden ausschließen.“ Das derzeitige Zuhause der Bibliothek, die Villa Deitz, wird deshalb wohl auch irgendwann Geschichte werden müssen. „Die Bibliothek von Morgen - sie bietet Platz für alle, ist persönlicher. Sie hat Platz zum Arbeiten, zum Studieren, zum Lesen und zum Entspannen, für Schüler, Studenten und alle Menschen.“ Dass entsprechend auch die Öffnungszeiten an die geläufigen Arbeitszeiten angepasst werden dürften - geschenkt.

Das alles hat natürlich Vorbilder. „International sind die Einrichtungen da zum Teil sehr viel weiter“, erklärt sie. Luxemburg sei etwa im Vergleich mit Dänemark ein absolutes Entwicklungsland. „Ein Beispiel ist die Dokk1 in Aarhus“, meint sie. Oder die „Public Library“ in Amsterdam. „Oder Kanada, die Schweiz... Beispiele gibt es reichlich“, meint Sondag. „Die Welt der Bibliotheken ist groß und vielfältig - allein hierzulande gibt es eine enorme Vielfalt an öffentlichen Bibliotheken.“ Und dennoch herrsche noch ein teilweise veraltetes Image vor. „Deshalb muss erst einmal der Wandel in den Köpfen ankommen - wir müssen das, was uns interessant macht, nach außen tragen, um das Interesse zu wecken.“

Das tut nicht nur Esch, auch die anderen öffentlichen Bibliotheken Luxemburgs unterziehen sich regelmäßig einer Frischzellenkur und planen neue Konzepte wie die Einführung eines Büchermobils oder neuen Leihmodellen. Eine Sache ist klar: Es wird immer mehr gelesen, und die befürchteten dunklen Jahren für Büchereien, die durch das Internet und die Tablet-Computer herauf beschworen wurden, haben sich nicht eingestellt. „Wir haben es überlebt und uns modernisiert“, meint Sondag.

Das liegt auch an der Tatsache, dass sich die Mitarbeiter modernisiert haben. Überhaupt sieht Sondag das Bibliothekarswesen stark im Wandel. „Die Arbeit entwickelt sich sehr stark, es werden immer mehr Kompetenzen nötig, die Aufgaben ändern sich ständig“, betont sie. Vertreten beim Rundtischgespräch war deshalb auch Estelle Beck, Präsidentin der Bibliothekar-, Archivisten- und Dokumentalistenvereinigung ALBAD, um über die Auswirkungen der Entwicklung zu sprechen. Dabei waren aber auch Christel Kayser von der Nationalbibliothek und Anne Manternach von der Studentenvereinigung für Bibliothekswesen (Jonk BAD). Gemeinsam mit Sondag sowie Daliah Scholl von der Stadt Esch und Lia Ghilardi von der Kulturplanungsgesellschaft Noema diskutierten sie über Zukunftsvisionen. Das Rundtischgespräch war aber auch als Kontaktaufnahme gedacht. „Ansichten auszutauschen und gemeinsam über die Zukunft zu sprechen“, fasste Sondag zusammen. Dem Treffen des Fachpersonals war auch ein Wettbewerb voraus gegangen: Kinder sollten die perfekte Bibliothek zeichnen.