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ALFI-Konferenz: Das große Wagnis „Fintech“

Die jährliche „ALFI Global Distribution Conference“ stand diesmal unter dem Motto „A World of opportunities for investors“. Die Veranstaltung, die diesmal rund 800 Delegierte aus aller Welt und 40 Aussteller zur Philharmonie auf den Kirchberg lockte, soll als Plattform dienen, die Akteure aus Europa, den USA und Asien zum Erfahrungsaustausch zusammenzubringen.

ALFI-Präsidentin Denise Voss verwies bei der Konferenz-Eröffnung darauf, dass der luxemburgische Fondsverband sich vor Herausforderungen nicht zu fürchten braucht: Die AIFM-Direktive zur Regulierung alternativer Investmentfonds wurde beispielsweise nicht nur vollständig und zeitig umgesetzt, gleichzeitig wuchs das Volumen der hiesigen Fonds auch auf einen Rekordstand. Allein in diesem Jahr hat sich nach Angaben von Voss die Summe um weitere 500 Milliarden Euro erhöht, zur Hälfte etwa Neuzuflüsse, zur anderen Hälfte aus dem Marktwachstum resultierend.

Dass dennoch kein Anlass besteht, die Hände in den Schoß zu legen, weiß Voss genauso gut. Der luxemburgische Fondsverband hatte das mit dem „ALFI 2020 Ambition“-Strategieplan vor Monaten bekräftigt: Die Ziele sind demnach, die Interessen der Branche und Investoren aktiv zu promoten, die Bedeutung der Investmentfonds für die Weltwirtschaft zu demonstrieren, die Investoren mit weltweiten Marktchancen zu verbinden und damit Luxemburgs Stellung als international bedeutender Fondsstandort zu stützen. Nicht zuletzt sollen auch Innovation, Forschung und Investorenwissen gestärkt werden.

Gramegna fordert: Chance nutzen

Ein Partner der diesjährigen Alfi-Konferenz zum globalen Fondsvertrieb ist die Hong Kong Investment Funds Association (HKIFA). Das verdeutlicht einen Schwerpunkt der Konferenz, die gestern begann und heute zum Abschluss kommen wird. Ein anderer Schwerpunkt war gestern das Thema FinTech, also Unternehmen - meist innovative Startups - die Dienstleistungen für die Finanzindustrie bieten. 15 FinTech-Firmen präsentierten sich gestern auf der Konferenz auf einem eigens eingerichteten „FinTech Corner“, den auch Finanzminister Pierre Gramegna besuchte. Die FinTech-Unternehmen stellten hier der Fondsbranche mit einer „Speed-Präsentation“ - der Name könnte als Sinnbild des Sektors und seine Herausforderung für die Fondsbranche stehen - ihre Ideen vor, wobei sich vieles um Big Data drehte, ein immer wichtiger werdendes Thema angesichts der Menge und Sensibilität an Daten, die verwaltet werden müssen.

Der Trend scheint unumkehrbar: Marketing und Vertrieb von Produkten und Dienstleistungen - auch im Finanzbereich - werden immer digitaler. Halten die Fonds mit der Entwicklung Schritt? Und wie können sie davon profitieren, beispielsweise Ideen und Dienstleistungen von FinTech-Unternehmen nutzen oder in ihren Vertrieb einbauen? Fraglose müssen die traditionellen Vertriebsmodelle passend für das digitale Zeitalter angepasst werden. Auch in seiner Ansprache bescheinigte Gramegna dem Thema FinTech einen wichtigen Stellenwert: Der Minister betonte, dass Europa in Punkto Fintech einiges aufzuholen hat; hier könne Luxemburg ein Teil der Lösung sein. Innovation war immer ein Teil von Luxemburgs DNA, sagte Gramegna. Der Minister wies ebenfalls darauf hin, dass ein gemeinsames Problem für das weltweite Wirtschaftswachstum unzureichende Investitionen seien. Claude Niedner, Partner bei Arendt & Medernach, gab die Idee mit auf den Weg, dass Luxemburg darüber nachdenken solle, einen speziellen Finanzsektor für Crowdfunding-Plattformen zu schaffen. Gramegna jedenfalls empfahl der Fondsindustrie, aktiv zu sein und sich auf dem Prüfstand zu stellen, ansonsten drohe FinTech den Sektor zu erschüttern.

Freddy Bausch von Linklaters und beim Fondsverband ALFI Vizepräsident für nationale Angelegenheiten, wies in diesem Zusammenhang auch darauf hin, dass die junge Generation - die Investoren von morgen - nicht nur neue Technologien nutzen, sondern auch eine andere Sprache spräche. Neben FinTech und dem Thema Asien - mit seinen lokalen Fund-Passport-Initiativen zum grenzüberschreitenden Fondsvertrieb - ist eines der Themen der Konferenz das EU-Projekt einer Kapitalmarktunion. Die vieldiskutierte Frage lautete gestern: Wird die Priorität der Europäischen Kommission wirklich einen freien Kapitalfluss in Europa erhöhen und die Rolle vergrößern, die Finanzmarktinstrumente bei der Liquiditätsversorgung für europäische Unternehmen, Projekte und Regierungen spielt? Im Grunde ist man sich über die prinzipielle Befürwortung einig; einzig am Wie-Umsetzen scheiden sich die Geister.

Welche Chancen in der Kapitalmarktunion stecken, veranschaulichte Jonathan Griffin von JP Morgan: Laut ihm bietet sie ein Potenzial von einer Billion Dollar für die EU, die Venture Capital-Markt könnte, wenn er die USA widerspiegele, in Europa fünfmal größer sein als jetzt. Stéphane Giordano von Societé Generale gibt allerdings zu bedenken, wenn das Ziel der Kapitalmarktunion ein Maximum an Harmonisierung sei, würde das Jahrzehnte brauchen. Pragmatischer sind ihm zufolge ein Minimum an Harmonisierung.

Geoff Radcliff von Blackrock merkte an, Harmonisierung könnte zum Beispiel durch einen digitalen Funds-Pass unterstützt werden, der die individuellen Investoren über die EU hinweg. Radcliffe befürwortete dabei auch mehr Verbriefungen als wichtiges Element der Kapitalmarktunion: Diese würden Ausleihungen aus den Bilanzen der Banken nehmen und damit deren Möglichkeiten erweitern, Finanzmittel an kleine und mittlere Unternehmen bereitzustellen.